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Giovanni Speranza würde mit seiner »FilmBühne« gerne bald durchstarten. Derzeit sind ihm die Hände gebunden.

„Danke. Danke. Danke“

Dank Zuschuss: Kino in Bad Nauheim kurz vor der Wiedergeburt

  • vonAnnette Hausmanns
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„Danke. Danke. Danke HessenFilm“ steht in fetten Lettern über dem Eingang zur „FilmBühne“ in der Bad Nauheimer Kurstraße. Geschäftsführer Giovanni Speranza ist überglücklich.

Bad Nauheim – Wir freuen uns, wenn ein Kino mit einem guten Zukunftskonzept aufmacht«, sagt Patrick Schaaf, auf die »FilmBühne« Bad Nauheim angesprochen. Der Leiter Standortortentwicklung und Kommunikation bei der Hessen Film und Medien GmbH muss es wissen, hat er doch den Überblick über die facettenreiche hessische Kinolandschaft. Dass der bis vor Jahresfrist verloren geglaubte Kino-Standort Bad Nauheim eine Renaissance erleben kann, weiß bei »HessenFilm« auch die Jury zu schätzen: Der von Geschäftsführer Giovanni Speranza erdachten »Wiedergeburt des Kinos« sprach sie jetzt 140 000 Euro Zuschuss zu - und damit die mit Abstand höchste Zuwendung unter 13 Projekten im diesjährigen Kino-Investitionsprogramm.

Kino in Bad Nauheim: Freude bei Giovanni Speranza

Ohne auf Details der nicht öffentlichen Juryentscheidungen einzugehen, lobt Schaaf die stimmige Rückbesinnung auf den Kultur- und Begegnungsort Kino. »Wir freuen uns, wenn jemand hoch motiviert mit innovativen Ideen auf uns zukommt«, schlägt er den Bogen zu all jenen, die dem Kinosterben trotzen. Die Förderung solle einen Beitrag leisten zur vielfältigen Kulturlandschaft, gerade auch im weniger urbanen Raum.

»Wenn der Impuls als guter Erlebnisort stimmt, dann sind die Menschen auch gerne bereit, weitere Wege auf sich zu nehmen«, ist Schaaf überzeugt. Während der Corona-Pandemie habe man zwar die Möglichkeiten von Streamings schätzen gelernt. Die Netflix-Taste auf der Fernbedienung könne zwischenmenschliche Begegnungen gleichwohl nicht ersetzen. Das Durchhaltevermögen von Kinobetreibern oder spannenden Start-Ups wie der »FilmBühne« verdiene Unterstützung.

Die Nachricht kann Giovanni Speranza kaum fassen. Seit sich der Bad Nauheimer vor fast zwei Jahren mit Haut und Haaren seinem Herzensprojekt verschrieb und im letzten Jahr den Mietvertrag für das seit 2018 geschlossene Fantasia unterschrieb, hat er keine Kosten und Mühen gescheut, sein Konzept umzusetzen.

Kino in Bad Nauheim: Ein Traum mit Tücken

Jahrzehntelang sei das Kino ein Ort der Zusammenkunft gewesen. Diese Rückbesinnung sei sein Anliegen, sagt Speranza und schwärmt: »Das Kino ist ein einzigartiger Ort«. Es sei Heimat der Unterhaltung, der Inspiration und der Emotionen. »Kinogeschichte und Kinogeschichten sind ohne den Saal, in dem langsam das Licht erlischt, kaum denkbar.« Dem Traum vom Programmkino für Filme, Kunst, Musik, Theater und Bildung mit jugendstilvollem Erlebniswert näherte er sich Corona zum Trotz mit großen Schritten. Unter Pandemiebedingungen sei sein Konzept noch relevanter geworden.

Umbau- und Renovierungsarbeiten schritten lange gut voran. Die Sitzreihen wurden ausgedünnt, hochmoderne Veranstaltungstechnik installiert, das Foyer entkernt, ein Kinodisplay für die Fassade maßgefertigt und Möbelstücke aus Antiquariaten organisiert. Vom Beistelltisch mit Lämpchen bis zu gesunden Snacks in nachhaltigen Schälchen durchdachte Speranza das Wohlfühlambiente im Stil der 20er-Jahre. Gut 100 000 Euro habe er bis heute investiert. Um alle Pläne umsetzen zu können, sei der Zuschuss von »HessenFilm« ein Segen, ist Giovanni Speranza dankbar, dass sein Konzept nun auch auf Landesebene großen Anklang findet.

Kino in Bad Nauheim: Es hängt an der Lüftungstechnik

Bestätigung und Antrieb habe er im vergangenen Jahr immer auch in der Dankbarkeit und dem Zuspruch von den unterschiedlichsten Seiten erfahren. »Meine Heimatstadt ist ein so wichtiger Standort für ein auf die Historie und die Menschen abgestimmtes Kino«, sprüht Speranza vor Enthusiasmus und Überzeugung.

Einziger Wermutstropfen: bautechnisch sei er seit Monaten zum Nichtstun verdammt, sagt Speranza, obschon alle Gewerke startklar seien. Bevor er die Umbauarbeiten in dem historischen Gebäude fertigstellen könne, müsse die Lüftungstechnik (Baujahr 1936) erneuert werden. Das sei Eigentümer-Sache und vertraglich auch so geregelt. Allerdings sei, nach nunmehr einem Jahr Mietvertrag, seines Wissens nach noch kein Lüftungsbauer beauftragt. Weitere Details nennt der Mieter nicht.

Die Gebäudebesitzerin will sich auf WZ-Anfrage nicht äußern. Bleibt die Hoffnung (italienisch: Speranza), dass der Knoten zügig platzt, damit die Wiedergeburt des Kinos eingeleitet werden kann. Andernfalls ist sogar die in Aussicht stehende Förderung in Gefahr.

Kino in Bad Nauheim: Ein Standort mit Tradition

Die Bad Nauheimer Kino-Tradition begann 1909 mit dem »Kinematographentheater« in der Reinhardstraße. Weitere Lichtspieltheater folgten, so auch in der Kurstraße 1-3. Das einstige »Victoria« überlebte als einziges Kino in der Kurstadt und wurde 1926 erheblich vergrößert. Betreiber und Namen wechselten mehrfach. Zuletzt führte ab 1993 die Kinofamilie Lachner

25 Jahre lang das »Fantasia«, nur kurz um das Jahr 2005 herum unterbrochen durch Holger Baake, Schöneck, und seine Idee von einem Programmkino. Immer rankten sich um das gemütliche Einsaal-Kino Schließungsgerüchte. Anfang vom Ende waren die Restaurierungsarbeiten 2013/2014. Anderthalb Jahre und 370000 Euro später - 100000 Euro steuerte die Stadt aus zwei Förderprogrammen für die moderne Technik bei, alles andere bezahlte die Betreiberfamilie selbst - wurde im März 2015 Wiedereröffnung mit rund 150 Sitzplätzen gefeiert. Die »Fantasia«-Ära endete im Oktober 2018.

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