Im Crash-Kurs zum Führerschein: Im Theorieunterricht von Karlheinz Jost geht es heute nicht mehr nur darum, Antworten auswendig zu lernen.
+
Im Crash-Kurs zum Führerschein: Im Theorieunterricht von Karlheinz Jost geht es heute nicht mehr nur darum, Antworten auswendig zu lernen.

Crash-Kurs: Im Eiltempo zum "Lappen"

Bad Nauheim/Friedberg (cor). In drei Wochen zum Führerschein: Viele junge Leute nutzen die Möglichkeit eines Crash-Kurses in der Urlaubszeit. Im Schnelldurchgang sollen die Fahranfänger auf die Herausforderungen eines Straßenverkehrs vorbereitet werden, der immer dichter wird. Die Prüfungsvorbereitungen sind deutlich anspruchsvoller als in früheren Jahrzehnten.

Mark Künstler ist trotz Urlaub früh auf den Beinen. Der Weckesheimer nutzt seine freien Tage, um den Führerschein zu erwerben. "Ich habe ausgelernt, möchte flexibler sein", sagt der 25-Jährige. Seit einer Woche büffelt er in der Fahrschule Jost (Bad Nauheim/Friedberg) Prüfungsfragen, nimmt täglich am Theorieunterricht teil. Hinters Steuer musste Künstler gleich am ersten Tag. "Schon stressig, aber ich nehme das gerne in Kauf." 15 Schüler sind in der Fahrschule Jost in den letzten drei Ferienwochen dabei.

"Bei uns gibt es in den Sommerferien Urlaubssperre", sagt Susanne Jost. Alle Mitarbeiter seien im Einsatz, keiner habe ein schulpflichtiges Kind. Seit zehn Jahren bietet Jost die Ferienfahrschule an, die auf große Resonanz stößt. Zwei Kurse hat Jost im Angebot, in den ersten und letzten drei Ferienwochen sind jeweils etwa 15 Schüler dabei. "Es hat sich vieles verändert, heutzutage haben die jungen Leute einfach weniger Zeit, um nach einem vollen Schulstundenplan abends in die Fahrschule zu kommen." Zwei Theorie-Lektionen werden täglich geboten, dazu die Praxis. Bereits in der dritten Woche stehen die Prüfungen an.

Das Niveau sei seit dem 1. April 2014 noch höher geworden, die Vorbereitung müsse intensiviert werden. Heute werde mit Videounterstützung geübt. Verkehrsübliche Situationen könnten so besser erprobt werden. Fragen und Antworten auswendig lernen reiche nicht mehr aus. Die Schüler müssten in die Lage versetzt werden, Gefahrensituationen besser einzuschätzen. Die Prüfung habe teilweise neue Inhalte: Die 45-minütige Fahrt umfasse auch eine Vollbremsung.

Hauptrisikogruppe: Junge Leute

2013 starben auf deutschen Straßen laut Statistischem Bundesamt 3340 Menschen. Dies waren 7,2 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der Verletzten ging ebenfalls zurück, um 2,7 Prozent auf 374 000. Auch wenn die Entwicklung positiv verläuft, bleiben junge Verkehrsteilnehmer die Hauptrisikogruppe. 22,2 Prozent der Getöteten gehören der Altersgruppe 18 bis 24 Jahre an. Vermutliche Unfallursachen: zu schnelles Fahren, Fehler beim Überholen, zu geringer Sicherheitsabstand. Bewährt hat sich nach Ansicht der Fahrschulleiter der Führerschein ab 17. Die Fahranfänger werden ein Jahr lang beim Fahren begleitet, erwerben praktische Erfahrungen, die eine Fahrschule in wenigen Wochen nicht vermitteln könne.

Susanne Jost hat ihren Führerschein 1978 erworben. "15 Minuten Prüfung, trainiert wurde vor allem das Rückwärtseinparken." Mit heute sei das nicht vergleichbar, alleine wegen des starken Verkehrsaufkommens. Herbert Krolzik aus Bad Nauheim hat den zunehmenden Verkehr auf deutschen Straßen jahrzehntelang mitverfolgt. Zu seinen Prüfungszeiten seien kaum Fahrzeuge unterwegs gewesen. "Heutzutage kann es ja an jeder Ecke knallen", sagt der Rentner. An seine Führerscheinprüfung erinnert er sich noch genau. "Das war am 19. September 1949. Die Prüfung hat eine halbe Stunde gedauert, ich bin durch ganz Herten gefahren." An sechs Abenden habe er Theorie gebüffelt. "Aber im Grunde musste man damals die Schilder kennen und wissen, dass man rechts fahren muss", lacht Krolzik. Normalerweise wollte er gleich den Lkw-Führerschein machen, bei der Prüfung sei aber kein passendes Fahrzeug verfügbar gewesen. Also blieb es beim Führerschein Klasse drei. Der "Lappen" habe damals ebenfalls viel Geld gekostet: "Ein gutes Netto-Monatsgehalt." Die Fahrerlaubnis zu erwerben, koste heute im Schnitt 1700 Euro, erklärt Susanne Jost.

Herbert Krolzik ist bestens vorbereitet in seine Prüfung gegangen. Als Soldat hatte er bereits Erfahrungen mit Holzgasfahrzeugen gesammelt und den Militärführerschein erworben. Vorheizen, durchglühen, warm laufen lassen – erst nach einer halben Stunde ließen sich die Fahrzeuge in Bewegung setzen. "Gab man zu wenig Gas, blieb man gleich wieder stehen."

Sein erstes eigenes Auto hat Herbert Krolzik erst 1962 gekauft. 2005 wurde er für 40 Jahre "unfallfreies Fahren" von der Verkehrswacht ausgezeichnet. Vor vier Jahren hat er im Alter von 84 Jahren freiwillig das Fahren aufgegeben und sein Auto verkauft. Seinen 1962 in Friedberg umgeschriebenen Führerschein hat er aber behalten. "Als Erinnerungsstück", schließlich habe nicht jeder so einen "alten Lappen".

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare