Prof. Hossein-Ardeschir Ghofrani weiß, wie es ist, wenn man angesichts der Kapazitäten für Covid-Patienten andere erkrankte Menschen nicht aufnehmen kann. Es ist eine Erfahrung aus der ersten Corona-Welle.
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Prof. Hossein-Ardeschir Ghofrani weiß, wie es ist, wenn man angesichts der Kapazitäten für Covid-Patienten andere erkrankte Menschen nicht aufnehmen kann. Es ist eine Erfahrung aus der ersten Corona-Welle.

Interview mit Ärztlichem Geschäftsführer

Corona in der Wetterau: „Notfall-Szenario“ in Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik absehbar

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Die Zahl der Patienten, die wegen Covid-19 in der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim behandelt werden, ist stark gestiegen. Prof. Hossein-Ardeschir Ghofrani, der ärztliche Geschäftsführer, im Interview.

Wie viele Corona-Patienten befinden sich derzeit in der Kerckhoff Klinik und wie viele von ihnen werden auf der Intensivstation behandelt?

Die Kerckhoff-Klinik ist bezüglich der Covid-infizierten Patienten, die noch auf Isolierstation versorgt werden können, voll. Seit dem Wochenende hat es sprunghaft zugenommen. Auch der Teil der Intensivstation, der bei der derzeitigen Eskalationsstufe für die Beatmung von Covid-Patienten vorgesehen ist, ist voll belegt. Das heißt: Wenn wir jetzt noch mehr Patienten aufnehmen wollten oder müssten, dann würde das nur gehen, wenn wir aus anderen Bereichen des Krankenhauses ärztliches Personal und Pflegekräfte umorganisieren würden.

Was bedeutet »derzeitige Eskalationsstufe«?

In der aktuellen Stufe können wir gut 20 Corona-Patienten auf der Isolierstation und etwa sechs bis acht Patienten auf der Intensivstation versorgen. Wir haben als Level-1-Haus die Verpflichtung und können es auch, die Kapazitäten stufenweise innerhalb von 24, 48, 72 bis hin zu 144 Stunden auf bis zu 47 Beatmungspatienten und etwa 50 Patienten, die auf Isolierstation versorgt werden können, anzupassen. .

Kerckhoff-Klinik Wetterau: Erneutes Notfall-Szenario bahnt sich an

Was ist für Ihre Klinik der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Corona-Welle?

Die Kerckhoff-Klinik und das Uniklinikum Gießen sind Level-1-Häuser für die hessische Versorgungsregion 3. Im Moment heißt dies, dass wir für Covid-Patienten eine gewisse Anzahl an Normalstationsbetten als sogenannte Isolierstation und auch ein gewisses Kontingent an Intensivstationsbetten vorhalten. Unser regulärer Betrieb unter Pandemie-Bedingungen bleibt derzeit noch bestehen. Im Katastrophenfall-Status, den wir während der ersten Welle hatten, war der Regelbetrieb der Krankenhäuser per Anordnung runtergefahren, so dass wir planbar einbestellten Patienten absagen mussten und nur noch dringliche und Notfallpatienten versorgen konnten. Diese Situation haben wir im Moment noch nicht.

An der Kerckhoff-Klinik ist doch jeder Eingriff ein dringender, oder? Welchen Spielraum hat man da, einen Patienten nach Hause zu schicken?

Selbst die Patienten, die als elektiv, also planbar eingestuft werden, haben eine gewisse Dringlichkeit. In einem Notfall-Szenario, das es in der ersten Welle gab und das sich jetzt anbahnt, müssen wir abwägen, ob eine behandlungsbedürftige Erkrankung noch Wochen oder Monate Zeit hätte - um in dieser Zeit Patienten, die vielleicht nur noch Stunden oder Tage haben, vorzuziehen.

Corona: Auch bei jüngeren Patienten oft versteckte Risikofaktoren erkannt

Man schickt dann die Patienten mit einem einigermaßen guten Gewissen noch ein paar Wochen nach Hause?

Das war ein zentrales Problem damals während der ersten Welle, das wird ein nicht minder großes Problem heute. Die Erkrankung wird ja in der Wartezeit nicht besser. Und der Eingriff wäre notwendig. Diese Abwägung war damals sehr kritisch wie heute sehr kritisch. Dringliche Eingriffe werden weiterhin durchgeführt. Patienten, die durch ihre Erkrankung höchstgradig eingeschränkt sind, selbst wenn sie nicht die ganze Zeit in der Klinik sind, betreuen wir ganz engmaschig. Unsere Spezialisten haben Pläne gemacht, um diese Patienten proaktiv eng, z.B. durch regelmäßige Telefonate oder mittels Telemedizin, an die Ambulanzen und die Klinik anzubinden.

Sind die Covid-Patienten, die in der Kerckhoff-Klinik stationär aufgenommen worden sind, eher jüngere oder ältere Menschen? Sind es eher Personen mit Vorerkrankungen?

Das Risikoprofil der Patienten hat sich nicht geändert, das spiegelt sich auch in der Kerckhoff-Klinik wider. Im Frühjahr waren es eher ältere Patienten, dann im Sommer mehr jüngere, aber das pendelt ein bisschen zurück in Richtung ältere Patienten.

Haben Sie auch junge Covid-Patienten, von denen man nicht gedacht hätte, dass es sie so umhaut?

Wir hatten auch jüngere Patienten, die keine offensichtlichen Risiken hatten. Wenn man aber wegen der Covid-Erkrankung eine tiefere Diagnostik betreibt, findet man teilweise Risikofaktoren, die dem Patienten und den behandelnden Ärzten vorher nicht bekannt gewesen sind. Covid führt hier und dort dazu, dass eine bislang nicht erkannte Erkrankung oder ein Risikofaktor zum Vorschein kommt.

Ghofrani zu Corona: „Dass die zweite Welle kommt, wenn kein Impfstoff da ist, musste allen klar sein“

Welche Lehren haben Sie aus der ersten Corona-Welle gezogen? Was hat sich bewährt?

Ich bin geradezu begeistert, wie das Krisenteam hier in der Kerckhoff-Klinik funktioniert und zusammengearbeitet hat. Es ist über die Berufsgruppen-Grenzen hinweg durch alle Institutionen der Kerckhoff-Klinik ein Mannschaftsergebnis gewesen. Die Art und Weise, wie das Team die Umstrukturierung und die neue Aufgabenverteilung übernommen hat, war beeindruckend. Die Zahnräder haben sehr reibungslos ineinander gegriffen - zum Beispiel bei der Implementierung von Hygienekonzepten, neuer Wegeleitung innerhalb der Klinik, der Einrichtung neuer Ambulanzen und bei der Frage »Wie schützen wir unser Personal? «. Die Konzepte haben gegriffen, wir konnten unsere Patienten sehr gut versorgen und unser Personal sehr gut schützen. Wir haben kaum Infektionen unseres Personals gehabt, und das als Level-1-Haus.

War aus Ihrer Sicht die aktuelle Corona-Situation in Deutschland absehbar?

Ich glaube, es waren sich alle darin einig, dass sich die Dinge erst fundamental ändern, wenn es einen Impfstoff gibt. Man ist gut beraten, sich die Zeit zu nehmen, die notwendig ist, um einen vor allen Dingen sicheren Impfstoff auf den Markt zu bringen, der dann im besten Fall noch effektiv ist. Impfstoffe sollen Infektionen verhindern, um eventuell eintretenden Schaden von Menschen abzuwenden. Klassische Medikamente sollen bereits eingetretene Erkrankungen behandeln, die für sich bereits Schaden anrichten. Insofern unterscheidet sich die Abwägung von Risiko zu Nutzen bei Impfstoffen ganz erheblich im Vergleich zu Medikamenten. Dass die zweite Welle kommt, wenn kein Impfstoff da ist, musste allen klar sein.

Mindestens bis zum Impfstoff ist Schutzausrüstung ein großes Thema. Während der ersten Welle gab es da Probleme. Ist die Lage in dieser Hinsicht nun entspannt?

Im Moment ist diese Versorgungskette nicht das Problem.

Was ist mit Blick auf den Winter Ihre größte Sorge?

Dass die Menschen anfangen, nachlässig zu werden. Denn auf der anderen Seite ist es meine größte Hoffnung - ich glaube, eine berechtigte Hoffnung -, dass wir, wenn sich alle an die Regeln halten, sehr effektive Maßnahmen haben, die für die Kontrolle der Ausbreitung hilfreich wären. Dass es im Moment nicht so ist, liegt möglicherweise auch daran, dass es eine Zeit lang wegen der Covid-Müdigkeit nicht so strikt gehandhabt wurde. Wir müssen uns als Gesellschaft darauf besinnen, dass das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt: Wir haben derzeit noch einen Puffer, aber wir steuern auf einen Versorgungsengpass zu, falls man nicht in der Lage ist, diese Regeln strikt einzuhalten, um die Neuinfektionszahlen in den Griff zu bekommen.

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