Die Pfarrer (v. l.) Rainer Böhm, Susanne Pieper und Meike Neumann sorgen gemeinsam mit ihrem Team dafür, dass das Gemeindeleben der evangelischen Christen in Bad Nauheim auch in der Corona-Krise weitergeht - wenn auch anders als sonst.
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Die Pfarrer (v. l.) Rainer Böhm, Susanne Pieper und Meike Neumann sorgen gemeinsam mit ihrem Team dafür, dass das Gemeindeleben der evangelischen Christen in Bad Nauheim auch in der Corona-Krise weitergeht - wenn auch anders als sonst.

Corona-Krise

Corona-Krise: Wetterauer Kirchengemeinden werden kreativ

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Wenn die Trauerhalle geschlossen ist, wenn Hochzeiten verschoben und Gottesdienste nicht mehr in der Kirche gefeiert werden, ist das schlimm. Aber die Wetterauer Kirchengemeinden sind kreativ.

"Wenn diese Trauerfeier jetzt auf wenige Daten des Lebens beschränkt ist und ich nur noch 5 Minuten Ansprache halten kann statt 12 oder 13, dann ist das ein großer Einschnitt«, sagt die Bad Nauheimer Pfarrerin Susanne Pieper. Am Mittwoch musste sie ihre erste Trauerfeier unter Corona-Bedingungen halten. Heißt: unter freiem Himmel, möglichst kurz und Abstand halten. Ein trauriger Moment wird noch trauriger. Veranstaltungen fallen aus, die Dankeskirche bleibt vorerst geschlossen.

Die Angst vor dem Coronavirus macht vor massiven Kirchentüren nicht halt. Auch Wetterauer Gläubige müssen Enttäuschungen hinnehmen, etwa wenn Pieper, wie diese Woche geschehen, eine Trauung verschieben muss. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben«, sagt die Pfarrerin, die mit ihren Kollegen und den Mitarbeitern einiges auf die Beine stellt, um den gelebten Glauben weiter zu leben.

Corona-Krise: Eine Alternative: Telefonseelsorge

Auf der Homepage und in Schaukästen werden die Telefonnummern der Pfarrerinnen und Pfarrer publiziert, sie stehen jetzt erst recht für Seelsorge zur Verfügung. Im Pfarrteam sei beschlossen worden, an jedem Tag eine kleine Andacht auf die Homepage der Gemeinde zu stellen, um die Situation geistlich zu begleiten. Die sonntäglichen Predigten werden ebenfalls auf der Website zu finden sein.

»Ich denke, viele Menschen stehen jetzt vor der Frage: Was mache ich mit der Zeit, die ich plötzlich zur Verfügung habe? Wie organisiere ich mein Leben?«, sagt Pieper. Und da will die Kirche etwas tun, geistliche Nahrung geben. »Ich selbst merke schon, dass es ein völlig ungewohnter und schwieriger Gedanke ist, auf den Gründonnerstag, den Karfreitag und den Ostersonntag zu verzichten. Das ist das zentrale Fest unseres Glaubens.«

Jetzt geht es erst mal um das Alltägliche, um die Anrufe bei den Senioren, »die ich ganz besonders im Kopf habe«. Gerade ältere Menschen bräuchten jetzt besonderen Zuspruch. Menschen sind traurig über gekappte Kontakte. Gottesdienste in Seniorenheimen fallen weg. Für die Menschen dort seien sie »ein wunderbarer Moment, in dem man zusammenkommt«.

Pfarrerin Pieper, deren Gemeinde sich an der Bad Nauheimer Einkaufshelfer-Aktion beteiligt, gewinnt der aktuellen Lage auch etwas Positives ab: »Diese Zeit bringt uns auch dazu, neu wertzuschätzen, wie schön es ist, sich treffen zu können.«

Pfarrer Bernd Weckwerth von der katholischen Kirchengemeinde Ockstadt und Rosbach wird am Sonntagabend zur gewohnten Zeit die Abendmesse um 18 Uhr unter Ausschluss der Öffentlichkeit halten und dabei alle Ämter der vergangenen Woche miteinbeziehen. Er lädt die Gläubigen ein, zu Hause zur selben Zeit an ihre Verstorbenen im persönlichen Gebet zu denken. Doch zu allen anderen Zeiten, in denen bisher normalerweise Gottesdienste gehalten wurden, sind die beiden Kirchen auch zum persönlichen Gebet geöffnet.

Fast 1500 Gläubige zählen die Gemeinden Ockstadt und Rosbach zusammen. Sie alle können sich bei Sorgen und Nöten ans Pfarramt wenden (Telefon 0 60 31/57 54). »Was Ostern wird, das wissen wir noch nicht«, sagt Weckwerth. Im Pfarrbrief hat er aber schon mal das Ausbreiten des Osterglaubens mit dem Ausbreiten des Virus verglichen. Irgendwann werde das Virus überwunden sein, den Osterglaube aber gebe es dann noch immer. »Denn wir sind als Gläubige überzeugt, dass das Gute letztlich siegt.«

Corona-Krise: Wenn zu Hause Gewalt herrscht

Bei der evangelischen Kirchengemeinde Friedberg stand am vergangenen Wochenende eigentlich eine Konfirmandenfreizeit auf dem Plan. Drei Stunden vorher sei sie abgesagt worden, sagt Pfarrerin Susanne Domnick. Die Mitarbeiter seien aber schon vor Ort gewesen. Deshalb habe das Team entschieden, dort zu bleiben und kreativ zu sein. Es entstanden zehn Gebote für Corona-Zeiten, zudem Tipps, was Jugendliche zu Hause machen können. Eine weitere Frage, mit der sich das Team befasst hat: Wie geht es jenen Kindern und Jugendlichen, die in ihren Familien in Gewaltverhältnissen leben? Wenn man - wie jetzt - meist zu Hause sein soll ist das vielleicht ein umso dringenderes Thema.

Das Gemeindeleben geht weiter. »Wir wollen die Stadtkirche offen halten, solange wir es dürfen«, sagt Domnick. Dort könne jeder Einzelne eine Kerze anzünden, Stille erleben. Unterdessen ist die Pfarrerin als Seelsorgerin gefragt: Sie empfindet derzeit eine starke Unsicherheit bei Menschen, die eigentlich einen Operations- oder Untersuchungstermin haben - und jetzt nicht genau wissen, ob es dabei bleibt.

»Wir nehmen eine Sehnsucht nach geistlicher Begleitung wahr«, sagt Pfarrer Ingo Schütz von der Christuskirchengemeinde Bad Vilbel. Gottesdienste könnten durchaus auch außerhalb der Kirche gefeiert werden. Dazu zähle, für sich zu Hause zu beten und zu singen. Zum Beispiel wenn um 12 und um 18 Uhr die Glocken läuten. »Wir werden am Sonntag ein Onlineformat präsentieren«, kündigt Pfarrer Schütz an.

Es werde einen Livestream geben, über den man rechtzeitig auf der Website www.ckbv.de informieren werde. Das Format soll 15 bis 20 Minuten lang sein und live angeschaut oder später heruntergeladen werden können. Außerdem soll täglich ein Impuls auf dieser Internetseite stehen.

Das Gemeindebüro ist zwar geschlossen, aber werktags von 9 bis 11 Uhr unter der Telefonnummer 0 61 01/8 53 55 erreichbar. Außerhalb dieser Zeiten kann eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen werden. Wer Hilfe benötigt, etwa weil er oder sie nicht mehr in der Lage ist einzukaufen, kann sich dort ebenfalls melden.

Die Christuskirche in Bad Vilbel ist für das persönliche Gebet werktags zwischen 10 und 16 Uhr geöffnet. Auch in Zeiten von Corona geht also in Bad Vilbel das Gemeindeleben weiter. Schütz: »Wir leben aus der Hoffnung, und Angst ist an dieser Stelle ein schlechter Ratgeber.«

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