Mit pinkfarbenen Plakaten vor pinkfarbenen Kartons demonstrieren Bad Nauheimer Einzelhändler ihre Unzufriedenheit. Angesichts des Corona-Lockdowns warten sie weiter auf finanzielle Hilfen aus Berlin.	FOTO: NICI MERZ
+
Mit pinkfarbenen Plakaten vor pinkfarbenen Kartons demonstrieren Bad Nauheimer Einzelhändler ihre Unzufriedenheit. Angesichts des Corona-Lockdowns warten sie weiter auf finanzielle Hilfen aus Berlin.

Existenzangst

Corona-Hilfe bleibt aus, Bad Nauheimer Einzelhandel protestiert

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
    schließen

Keine Reden, kein Demonstrationszug, keine Sprechchöre: In Corona-Zeiten gegen die Politik in Berlin zu protestieren ist gar nicht so einfach. Diese Erfahrung machen Bad Nauheimer Einzelhändler.

Bad Nauheim - Die pinkfarbenen Kartons, am Schuckardt-Brunnen auf dem Bad Nauheimer Aliceplatz gestapelt, sind nur ein kleiner Farbtupfer an einem grauen Februar-Montag. Doch sie bringen immerhin einige Passanten dazu, stehenzubleiben, den Text auf Plakaten zu lesen und sich ihre Gedanken zu machen. Initiator des stillen Protests unter Corona-Bedingungen ist der Verein Erlebnis Bad Nauheim, der zur Teilnahme an einer bundesweiten Aktion aufgerufen hat.

Fast sieben Wochen leiden die Geschäftsleute bereits unter dem neuen Lockdown, doch finanzielle Hilfe ist nach wie vor nicht in Sicht. Das, so Erlebnis-Vorsitzende Natscha Schmidt, ist der Hauptgrund für die Aktion: »Wir wollen eine Botschaft nach Berlin senden.« Die rund 30 Teilnehmer, alle mit Masken ausgerüstet und um Abstand bemüht, sind offensichtlich keine regelmäßigen Demonstrationsteilnehmer, werden von der Vorsitzenden dirigiert, wenn es ums passende Fotomotiv geht. Doch die nackte Existenzangst treibt sie für eine kurze Zeit auf den zentralen Platz der Innenstadt. Nach einer halben Stunde löst sich die Gruppe wieder auf.

Bad Nauheim: Viel Verunsicherung unter Einzelhändlern

Endet der Lockdown am 15. Februar oder geht er in die nächste Runde? Wann kommt die finanzielle Unterstützung beim Handel an? Wie läuft das Antragsverfahren und wann wird ausgezahlt? Einige von vielen offenen Fragen, die bei den arg gebeutelten Geschäftsleuten für viel Verunsicherung sorgen - auch in Bad Nauheim. »Niemand glaubt hier an eine Wiedereröffnung der Läden Mitte Februar«, sagt Henry Christopher Alt, Inhaber des Ladens Strese 4 und Vorstandsmitglied des Vereins Erlebnis. Für den Einzelhandel müsse es vonseiten der Politik eine klare Perspektive geben, denn vom Online-Handel profitierten in erster Linie die großen Player wie Amazon.

Initiativen der Stadt wie die Internet-Plattform »BadNauheimLiebe.de« sind laut Alt sehr zu begrüßen, dienten den Ladenbesitzern aber in erster Linie dazu, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. »Umsatz ist online kaum zu machen. Ich verkaufe Parfums, da gibt es im Internet keine Geruchsprobe«, sagt der Geschäftsmann.

Der Umsatzeinbruch und die ausbleibende Unterstützung aus Berlin lassen die Zukunft der Branche düster erscheinen. Im Gespräch mit den Betroffenen fällt öfter das Wort Angst. »Es geht hier nicht darum, ein bisschen Wohlstand einzubüßen, es geht um die nackte Existenz«, sagt Natascha Schmidt. Von Insolvenzen sei im Bad Nauheimer Handel zwar noch nichts bekannt, halte die jetzige Situation aber länger an, seien Pleiten zu befürchten. Das gelte nicht zuletzt für die Ladenbetreiber, die Miete zahlen müssten. Nicht alle Vermieter seien kompromissbereit. Zusätzliche Kosten verursache nach Angaben der Vorsitzenden die Lagerhaltung. Schmidt, die das Benetton-Bekleidungsgeschäft führt, verweist auf zusätzliche Fläche, die nötig sei, weil Winterware kaum verkauft werden konnte. Manche Einzelhändler hätte nicht genug Platz und müssten zusätzliche Räume anmieten.

Bad Nauheim: Kreß befürchtet verödete Innenstadt

Die Bad Nauheimer Ladeninhaber könnten ihr Stammpersonal dank Kurzarbeit bislang noch halten. Je länger der Lockdown dauere und finanzielle Unterstützung ausbleibe, desto größer werde der Druck, sich von Beschäftigten zu trennen. Für 450-Euro-Kräfte - im Einzelhandel sind viele Aushilfe tätig - gebe es zurzeit in der Regel keine Beschäftigung. Sie erhielten auch kein Kurzarbeitergeld.

Der Handel könne nur abwarten, habe kaum die Möglichkeit, die Situation zu beeinflussen. Der Online-Verkauf decke kaum die Kosten. »Die Hilflosigkeit ist das Schlimmste«, sagt Schmidt, andere Ladeninhaberinnen stimmen ihr während der Aktion auf dem Aliceplatz zu.

Dort präsent ist auch Bürgermeister Klaus Kreß. Er schließt sich den Forderungen der Geschäftsleute nach schneller und unbürokratischer Hilfe an. »Ansonsten drohen verödete Innenstädte«, betont der Rathauschef. Wie das Aussehen könnte, zeigt sich am trüben 1. Februar. In der Fußgängerzone herrscht Stille. Es sind kaum Leute unterwegs, von den pinkfarbenen Kartons, die als Symbol für nicht verkaufte Ware stehen, wird kaum Notiz genommen.

Einzelhändler in Bad Nauheim: Distanz zu Querdenken

Beteiligen sich Tausende Einzelhändler an einer Corona-Protestaktion, die von Anhängern der Querdenker-Bewegung geführt oder stark beeinflusst wird? Danach sah es Anfang Januar aus, als die Initiative »Wir machen auf« gegründet wurde. Nach Angaben des Redaktions-Netzwerks Deutschland (RND) trugen sich 56 000 Menschen auf einer entsprechenden Telegram-Chatplattform ein. Aufgerufen wurde dazu, aus Protest gegen den Lockdown am 11. Januar Läden zu öffnen. Daran beteiligten sich allerdings nur ganz wenige Geschäftsleute. Als Initiator von »Wir machen auf« fungierte laut RND ein Kosmetiksalonbetreiber aus Krefeld, der in der Querdenken-Bewegung aktiv ist.

Weil AfD-Politiker ebenfalls mit der Aktion sympathisierten, startete die Einzelhandelsbranche kurzfristig die neue Chatplattform »Wir machen aufmerksam«, die sich von »Wir machen auf« distanziert. Diese neue Gruppe organisierte die Protestaktion »Wir gehen mit_voran«, an der sich am Montag der Bad Nauheimer Einzelhandel beteiligte. Gefordert wird in erster Linie eine finanzielle Unterstützung der Geschäfte, die wegen des Lockdowns schließen mussten, und ein »konkretes Wiedereröffnungsszenario«. Von der Querdenken-Szene distanzieren sich auch die Bad Nauheimer Geschäftsleute eindeutig.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare