Hinter den Mauern der Kerckhoff-Klinik regt sich massiver Protest gegen die Gesundheitspolitik der Bundesregierung.
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Hinter den Mauern der Kerckhoff-Klinik regt sich massiver Protest gegen die Gesundheitspolitik der Bundesregierung.

»Brandbrief« an Spahn

Corona-Gesundheitspolitik: Bad Nauheimer Kerckhoff-Personal ist stinksauer

Beschäftigte im Gesundheitswesen erhalten in Corona-Zeiten viel Beifall. Doch auf verbesserte Bedingungen warten sie vergebens. Dem Team der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim platzt der Kragen.

Die Belegschaft der Kerckhoff-Klinik, des renommierten Herz-, Lungen- und Rheumazentrums in Bad Nauheim, ist sauer, stinksauer. Das darf einem offenen Brief des Betriebsrats an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) entnommen werden. »Wir sind sprachlos! Sprachlos vor Wut, Ärger und Enttäuschung! Sprachlos auch vor Angst, dass Politik und Gesellschaft aus der Corona-Pandemie anscheinend nichts gelernt haben.« Mit diesen Sätzen leiten Betriebsratsvorsitzender Dr. Hans-Peter Michel und sein Vize Gerhard Dyroff stellvertretend für fast 1400 Mitarbeiter der Klinik und ihrer Tochter-Gesellschaften den »Brandbrief« an Spahn ein.

In der Hochphase der ersten Corona-Welle sei Beschäftigten im Gesundheitswesen plötzlich zugejubelt worden, ihre Tätigkeit sei beklatscht und als »systemrelevant« erkannt worden. Doch handfeste Konsequenzen haben die Politik nicht gezogen, beklagt der Betriebsrat. Nicht einmal der »Corona-Bonus« komme den Kollegen zugute, er werde nur an Beschäftigte der Altenpflege gezahlt. Schon vor Corona sei die Situation durch Personalmangel, schlechte Bezahlung und enorme Arbeitsbelastung geprägt gewesen. Eine Verbesserung sei nicht absehbar, obwohl sich das Personal zuletzt Gefahren ausgesetzt habe, während andere »im sicheren Homeoffice verschwunden sind«.

Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik: Privatisierung als Problem?

Michel und Dyroff machen für die Probleme nicht zuletzt die Privatisierung großer Teile des Systems verantwortlich. »Sorgen Sie dafür, dass Beiträge gesetzlich versicherter Bürger nicht als Gewinne aus dem System gezogen werden, während an anderer Stelle medizinische Maßnahmen oder Heil- und Hilfsmittel mit Hinweis auf die Wirtschaftlichkeit vorenthalten werden«, heißt es in dem Brief weiter. In der Corona-Krise zahle der Staat Milliarden an Unternehmen wie die Lufthansa. Mindestens dieselbe Wertschätzung sollte den Menschen »in wirklich systemrelevanten Berufen« entgegengebracht werden.

Als kritisch bewertet der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Dyroff im Gespräch mit der WZ auch die Lage in der Kerckhoff-Klinik. Gut 30 Betten würden seit Monaten für Covid-19-Patienten vorgehalten. »Seit letzter Woche ist kein einziges Bett belegt, vorher waren es fünf bis acht.« Laut Dyroff entstünden unweigerlich Verluste. Der Bund zahle zwar einen Ausgleich, der bei spezialisierten Klinken wie der Kerckhoff aber nicht ausreiche.

Dyroff zufolge herrscht auf dem Kerckhoff-Campus »akuter Personalmangel«. Mittelfristig sei ein Aufschwung nur durch bessere tarifliche Bezahlung, Verringerung der Belastung und Imageaufwertung möglich. »Unsere Berufe gelten als schlecht bezahlt, und das bei unattraktiven Arbeitszeiten und extremem Stress.« Als Beispiel für die Bezahlung nennt Dyroff eine Krankenschwester ohne Zusatzqualifikation, die ledig und 40 Jahre alt ist. Sie müsse mit einem Bruttogehalt zwischen 2400 und 2600 Euro auskommen.

Derzeit fahre die Klinik auf Sicht, weil niemand wisse, ob die zweite Welle komme und wie lange die Bettenbevorratung für Corona-Patienten anhalte. Es sei fraglich, ob die Kollegen die sehr hohe Motivation, die sie während der ersten Welle gezeigt hätten, in einer möglichen zweiten Welle beibehalten würden.

Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik: Pessimismus herrscht vor

Belegschaft und Geschäftsführung hätten alles getan, um die Krise zu meistern. Schnell sei eine eigene Corona-Station mit bester Intensiv-Versorgung geschaffen worden. Die Beschäftigten seien in zwei Gruppen aufgeteilt worden, um bei einer möglichen Ansteckung von Kollegen arbeitsfähig zu bleiben. »Eine Gruppe hat eine Woche lang an sieben Tagen jeweils zwölf Stunden gearbeitet, die andere war solange zu Hause.« Insgesamt seien dadurch Minusstunden entstanden, die von der Betriebsleitung aber auf »null gesetzt« worden seien.

Dyroff und Michel haben den offenen Brief allen Mitarbeitern bekannt gemacht. Sie sollen ihn einzeln unterschreiben und an Spahn schicken. Weitergeleitet wird das Schreiben an andere deutsche Herzzentren und die Gewerkschaft Verdi. Nach Auffassung von Dyroff ist es höchste Zeit für eine grundlegende Kursänderung. Er ist allerdings eher pessimistisch. »Es gab zuletzt eine kleine Verbesserung, nämlich die Einführung der Personal-Untergrenze auf Stationen. Doch diese Untergrenze wurde bereits wieder außer Kraft gesetzt, weil sonst Stationen hätten geschlossen werden müssen.«

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