Carmen Renate Köper liest aus Werken von Herta Müller

Bad Nauheim (buc). Das Menü der Veranstaltungsreihe "Nobel speisen" ist die raffinierte Kombination aus Literatur und feiner Küche. Das eingespielte Team des Johannisberg-Restaurants und der Buchhandlung am Park wagte sich diesmal an nicht ganz "einfache Kost". Denn auf der vorangegangenen Lesung hatten sich die Teilnehmer für die "jüngste" deutsche Nobelpreisträgerin, Herta Müller, entschieden. Auch für die Köche ist die Reihe eine beständige Herausforderung. Ihnen obliegt es, das Original-Nobelpreis-Menü nachzukochen.

"Es ist nicht einfach, Herta Müller zu vermitteln", gesteht Günter Wagner vom Institut für Sporternährung, das die Veranstaltungsreihe unterstützt. Umso lobenswerter sei es, wie sensibel die Lektorin, die Schauspielerin Prof. Carmen Renate Köper, sich den Werken angenommen und in Einklang mit exquisiten Speisen gebracht habe. Wagner dankte auch seinen Veranstaltungspartnern, der Buchhandlung am Park. "Ich freue mich über den positiven Staffellauf", meinte er mit Blick darauf, dass das Geschäftsführer-Ehepaar, Bernhard Frank und Katja Scheike, immer mehr in die Fußstapfen von Hermann und Agnes Römer treten.

Ein knappes halbes Jahr lang las sich die Lektorin durch die Texte der gebürtigen Rumänin, die seit 1989 in Deutschland lebt. "Literatur hat eine Aufgabe", betont Köper einleitend. Das sei ihr bei der Lektüre von Herta Müllers Werken besonders deutlich geworden. Die Lesung gestaltete Köper wie ein Menü. Auf den "Geschmack" der Literaturnobelpreisträgerin bringt Köper die Teilnehmer, indem sie die Autorin zunächst selbst sprechen lässt.

Ebenso wie ein "Gruß aus der Küche" die Geschmackssinne öffnet und gleichzeitig bereits das Wesentliche über Kochstil und Kochkunst verrät, öffnet die kurze Tonbandaufnahme der Kindheitserinnerungen von Müller die Augen und das Verständnis ihrer Literatur.

Was sie in dem Interview schildert, berührt. Müller erzählt, wie sie in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen ist und nach Halt und Verständnis gesucht habe. Doch sie habe erkannt, dass sie aus einem anderen "Material" als die Umgebung sei. Besonders traurig habe sie immer gestimmt, dass die Menschen um sie herum das nicht akzeptiert hätten. Sie habe sich verloren gefühlt als Kind: "Ich ging verloren und wurde nicht gefunden", sagt Müller in ihrem getragenen Tonfall, in dem sich auch all das widerspiegelt, was sie in ihrem Leben als Verfolgte und in Lagern Eingesperrte erlebte. Müller erzählt, wie sie Gras aß - allerdings nicht aus Hunger, sondern, wie sie sagt, um den Pflanzen näher zu kommen. Sie habe auch mit den Pflanzen gesprochen. Das alles aus einem ergreifenden Grund: "Ich habe gedacht, dann akzeptieren sie mich."

Es wäre schwer gewesen, mit diesen Beschreibungen "im Magen" zum ersten Essensgang zu schreiten. Klugerweise schiebt die Lektorin Auszüge der "Dorfchronik" aus dem Buch "Niederungen" dazwischen. In dieser Beschreibung des Lebens in einem rumänischen Städtchen offenbart sich die außergewöhnliche Beobachtungsgabe und sprachliche Raffinesse der Herta Müller. Eine Erkenntnis der Dorfbewohner aus der Chronik ist passgenaue Überleitung zum kulinarischen Teil des Abends: "Gutes Essen macht Sorgen vergessen." Die Sorgen und Nöte, die Herta Müller in ihrem Leben hatte, tischte Köper ganz bewusst erst nach dem Hauptgang auf, wie sie am Rande der Veranstaltung erläuterte: "Bei einem so fulminanten Essen von Hunger und Lagerhaft zu reden, ist schwierig", sagte sie. Deshalb habe sie sich bewusst dafür entschieden, die eher bedrückenden Passagen aus der "Atemschaukel" zwischen Hauptgang und Dessert zu legen. Und am Ende - als literarisches Dessert - liest Köper das Gedicht "Abends schiebt jede Aprikosen".

Gemäß der Tradition der "Nobel- speisen"-Reihe entschieden sich die Gäste für den Literaturnobelpreisträger von 1953, Winston Churchill.

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