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Brücken zwischen den Welten

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Ausgehungert an Kultur strömten in der ersten Ausstellungswoche schon mehr als 100 Menschen in die Räume des Kunstvereins. Was sie dort zu sehen bekommen, ist nicht nur im Titel »Phänomene - Leise Träume« vielversprechend, es ist eine ganz besondere, ergreifende Kunst. Yu Su-Kyoung nahm am Samstag eine kleine Besucherschar mit auf eine Reise durch ihre Bildwelten und erklärte den Hintergrund der Fotografien von Oh Soon-Wha.

Beide Künstlerinnen haben ihre Wurzeln in Südkorea. Yu lebt seit 30 Jahren in Friedberg, Oh in Singapur. Oh hat weltweit Ausstellungen, in Deutschland ist es die erste. Beide Frauen stellen sich die Frage nach der Veränderung der Lebenswirklichkeiten und der Bedeutung ihrer Wurzeln. »Kunst ist unsere Brücke« sagte Kuratorin Karin Merchel und hofft, die Kultur wieder zu den Menschen zu bringen. Beim Betrachten der großformatigen Gemälde und Fotografien wird die Brücke aber auch zum Symbol.

Grenzen werden eingerissen

Bei Oh Soon-Wha (der Nachname steht im Koreanischen vorne) sind es die jungen Frauen aus dem vietnamesischen Mekong-Delta, die, herausgehoben als farbenfrohe Bräute, an der Seite eines fremden Ehemanns dem ungewissen Traum von einer besseren Welt nachgehen. Ihre Motive sind klar und lebendig, wobei die Frau meist starr bleibt. Yu Su-Kyoung stellt den Menschen an sich dar, das Wesen, das sich seine Welten schafft. Sie bevorzugt blau-graue gedeckte Pastelltöne mit wenigen winzigen Farbtupfern. Beide Frauen schlagen in ihren Geschichten Brücken zwischen dem Traditionellen ihrer Heimat, der Real- und der Traumwelt: Zärtlich und sehnend, mutig und skeptisch, aber auch optimistisch. »Man muss meine Bilder entdecken«, sagt Yu, »nicht nur vom Ästhetischen her betrachten, sondern bewusst hinschauen.« Da sieht man in »Reise in die Zeit« die Stoffstreifen von den Wunschbäumen hängen, die in Korea zu einem Trauerritus gehören.

Vorsichtig muss man hindurchgehen, um die Wünsche nicht zu zerstören. »Poesie« betitelt sie ein Bild, auf dem Baumstämme Räume wie Theatergassen schaffen. Den zarten Schmetterling oder den Marienkäfer erkennt man erst auf den zweiten Blick. Die ungeschönte Natur dominiert. Ihre gesichtslosen Wesen sind geschlechts- und alterslos. Sie will sich nicht einschränken, denn es seien alle ein »Ich«. Die wiederkehrenden Blasen bedeuten Einheiten: Jeder Mensch braucht seinen Raum, und jede Zeit hat ihren Raum.

Grenzen, oft von Menschen selbst gesetzt, symbolisiert durch Hindernisse oder Absperrband, reißt sie ein. Oft geht es ihr mehr um das Verweilen als um das Erreichen eines Ziels. So zeigt der große Paravent einen lichten Weg mit Einblicken, Durchlässen, Perspektiven. »Ich habe den Weinstock als vordergründiges Motiv gewählt, weil er in sich so viele Formen hat und sich ständig wandelt«, erklärt sie. Den vierteiligen rückwärtigen Paravent »Vier Jahreszeiten« schuf sie im Dezember 2020, als sie in einem Gefühl von Hilflosigkeit merkte, wie sehr sich die Sichtweise auf die Welt verändert hatte. Die Begrenztheit des Fensterrahmens mit dem Mond als Konstante lässt dieser Zeit nicht viel Spielraum.

In »Metamorphose« von 2020 zeigt Yu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein altes koreanisches Boot steht für die Erinnerung an ihre Heimat; Ein Hochhaus und ein um einen Felsen geknotetes Signalband das Leben jetzt. Mit dem Papierflieger wünscht sie sich für die Zukunft ein Wunder. Eine Besucherin formulierte es so: »Die Bilder machen ganz viel mit einem«. 40 bis 50 Stunden arbeitet Yu an einem Werk plus Gedankenprozess. Sie tut es für sich, denn die Situation kann sie nicht ändern.

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