Linda Altun hat mittlerweile einen deutlich höheren Verschbrauch an Bonrollen.	FOTOS: IHM-FAHLE
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Linda Altun hat mittlerweile einen deutlich höheren Verschbrauch an Bonrollen. FOTOS: IHM-FAHLE

Umstrittene Regelung

Bonpflicht auch in der Wetterau: Unbeliebte Zettelwirtschaft

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Seit Anfang des Jahres greift die Kassenbon-pflicht. Für jeden Artikel, sei er noch so klein und preiswert, müssen Verbraucher einen Beleg erhalten Ist das sinnvoll? Nachgefragt in der Wetterau.

Für ein Brötchen will niemand eine Quittung haben«, sagt Linda Altun. Die Inhaberin von »Linda’s Eck« in den Bad Nauheimer Kolonnaden muss den Bon seit Anfang des Jahres trotzdem automatisch ausdrucken und Kunden fragen, ob sie ihn haben möchten. »Früher habe ich ihn nur ausgedruckt, wenn ihn jemand wollte«, erklärt die 45-Jährige. Die meisten Kunden lehnten den Bon ab - »ich tue es dann in den Müll«, sagt Altun.

Bonpflicht kann auch praktisch sein

Eine Kassenrolle habe früher zehn Tage gereicht, heute halte sie nicht mal mehr eine Woche. Nach Ansicht von Altun ist die Bonpflicht oft nur eine Verschwendung, besonders, wenn nachmittags die Kinder von der Schule kämen, die Kleinigkeiten wie Kaugummi für zehn Cent kauften.

Irina Abramovitch vom Café »Crème de la Crème« in der Bad Nauheimer Stresemannstraße hat indes keine Probleme mit der Pflicht zum Beleg. »Wir haben es von Anfang an so gemacht, dass der Kunde den Kassenbon mitbekommt«, erläutert sie. Die Bestellung werde in die Kasse eingegeben, der Bon komme heraus, und gleichzeitig werde der Auftrag dem Tisch zugeordnet. »Wir haben eine Tischnummerierung. Und erst, wenn der Bon da ist, wird die Bestellung ausgeführt.« Für das Café sei es eine Erleichterung. »Wenn wir das Kassensystem nicht hätten, wüssten wir nicht, welche Bestellung an welchen Tisch kommt«, erläutert Abramovitch. Die Bons würden an eine Leiste gesteckt, seien sie abgearbeitet, kämen sie auf den Spieß. Der Kunde erhalte am Ende eine Gesamtrechnung.

Belastung für die Umwelt

Für Kunden, die Gebäck an der Theke kaufen, sofort bezahlen und wieder gehen wollen, drucke das System ebenfalls einen Bon aus. »Aber für einen Keks will der Kunde keinen Beleg.« Dann werde der Bon neben der Kasse aufgespießt. »Sollte jemand kommen und es kontrollieren wollen, können wir es zeigen.«

Ein Paar vom Bodensee, das zu Besuch in der Wetterau ist, lehnt am Schuckhardt-Brunnen auf dem Aliceplatz. Die zwei essen ein Eis im Waffelhörnchen, das sie in einer Eisdiele gekauft haben. »Wir haben keinen Bon bekommen, wir wollten auch keinen und finden es gut«, sagt der Mann. Seine Partnerin ergänzt: »Was macht man mit einem Bon? Man schmeißt ihn weg. Es ist ein Umweltaspekt.« Ein anderes Paar, es stammt aus Bad Nauheim, hat gerade Brot gekauft. »Wir finden es gut, dass gegen schwarze Kassen und Steuerhinterziehung vorgegangen wird, es ist aber eine Belastung für die Umwelt«, betonen die beiden. Nach Ansicht des Paares müsste es eine bessere technische Lösung geben als den Kassenzettel.

Dreimal so viele Rollen

Als Umweltbelastung bewertet auch Eray Tasci, Inhaber des Cafés Kissler in Friedberg, die Pflicht zum Ausdrucken von Kassenbelegen. »Bei jedem Verkauf müssen wir ihn drucken, und sei es nur für ein Brötchen für 40 Cent.« Da es vorgeschrieben sei, biete er die Quittung an. »Aber viele Kunden wollen das nicht, die Mehrzahl ist strikt dagegen und schüttelt den Kopf darüber.« Das Thermopapier könne er nicht mal im Papiermüll entsorgen. Dreimal so viele Kassenrollen wie früher verbrauche das Café seitdem die Bonpflicht eingeführt worden sei. Die Argumente des Staats, mehr Steuereinnahmen generieren zu können, ziehen für Tasci nicht. »Da gäbe es sinnvollere Schritte, etwa Geld bei verschwenderischen Projekten wie dem Flughafen Berlin zu sparen.« Das Thema Klima und Umweltschutz sei hochaktuell - die Bonpflicht widerspreche dem aber.

Eine Friedbergerin, die namentlich nicht genannt werden will, sieht es ebenso: »Es ist Umweltverschmutzung«, sagt die 45-Jährige. Und: Gerade in Corona-Zeiten bedeute das Überreichen der Bons ständige unnötige Kontakte.

Drei Fragen an Fachanwalt Tillmann Weber

Müssen wirklich alle Händler Kassenbons ausgeben?

Alle Gewerbetreibenden, die eine elektronische Kasse führen, müssen dies tun. Verpflichtet zu dieser Art Kassenführung ist, wer einen Jahresumsatz ab 600 000 Euro oder mehr als 60 000 Euro Gewinn pro Jahr hat. Wer unter diesem Betrag liegt und sich trotzdem für eine elektronische Kasse entschlossen hat, muss stets einen Bon ausgeben.

Stimmt es, dass es immer noch Übergangsfristen gibt?

Wegen technischer Umstellungsschwierigkeiten war eine Übergangsfrist bis zum 30. September 2020 vorgesehen, um die Kassensysteme entsprechend aufzurüsten. Wegen der Corona-Krise hat das Land Hessen diese Frist auf den 1. April 2021 verlängert. Die Verlängerung gilt aber nur für diejenigen, die ein elektronisches Kassensystem bis zum 30. September 2020 verbindlich bestellt haben. Wer die technischen Voraussetzungen bereits hat, ist zur Belegausgabe allerdings verpflichtet.

Wie buchen kleinere Händler ordnungsgemäß, die keine elektronische Kasse haben?

Sie müssen ihre Einnahmen zeitnah buchen, idealerweise am selben, spätestens am nächsten Tag. Die Aufzeichnung muss vollständig, wahrheitsgemäß und unveränderbar erfolgen, das kann auch über ein handschriftliches Kassenbuch sein.

Tillmann Weber ist Fachanwalt für Steuerrecht mit Kanzlei in Friedberg.

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