Bittere Wahrheiten aus der Finanzwelt

Bad Nauheim(cey). Die Corona-Pandemie hat das kulturelle Leben lahmgelegt. Das galt auch für Lesungen und Vorträge. Aber so langsam normalisiert sich das öffentliche Leben wieder. Der Weltladen Bad Nauheim lud deshalb den Finanzjournalisten Dr. Wolfgang Kessler ein, der über ein Thema sprach, das der breiten Masse unbekannt sein dürfte.

Kessler war jahrelang Chefredakteur und Herausgeber von Publik-Forum und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds. Mittlerweile engagiert er sich ehrenamtlich im Weltladen und in dessen Vorstand. Durch seine Arbeit in der Finanzwelt hat sich der Journalist mit deren Werten und Arbeitsweisen beschäftigt. Wie werden Fonds gemanagt? In welche Projekte werden Anlagevermögen investiert? Auf solche Fragen ging der Referent ein.

Leider wüssten die meisten Anleger nicht, was mit ihrem Geld passiert und wozu es dient, erklärte Kessler in der Wilhelmskirche. Die bittere Wahrheit: Jährlich würden Fonds Milliardenbeträge in Waffenproduktion, Genforschung oder Tierversuche investieren - meist ohne Kenntnis der Anleger. Nach der Studie "Don’t Bank on the Bomb" aus dem Jahre 2017, die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unterstützt wurde, beteiligten sich auch große deutsche Banken mit Milliarden Euro an US-amerikanischen Rüstungskonzernen. Kessler: "Diese Art von Investitionen mögen lukrativ sein, ethisch sind sie aber mehr als umstritten."

70 nachhaltige Aktienfonds

Andererseits stellte der Referent fest, dass sich in der Finanzwelt etwas geändert habe. "So bieten immer mehr Banken faire und nachhaltige Alternativen an, leider oft erst auf Nachfrage von Anlegern." Das Angebot sei groß: Es gebe inzwischen mehr als 70 nachhaltige Aktienfonds, die alle Banken anbieten könnten. Nach mehreren Studien würden sie ähnlich hohe Gewinne abwerfen wie konventionelle Anlagen und erfreuten sich deshalb wachsender Beliebtheit.

Zudem existierten Banken, die sich auf ökologische und faire Geldanlagen spezialisiert haben. Dazu zählten kirchliche Banken, die GLS-Bank, die Ethikbank in Thüringen, aber auch die Umweltbank in Nürnberg. Diese kleinen Banken gehörten den gleichen Sicherungseinrichtungen an wie alle anderen Banken.

Darüber hinaus gibt es Anlage-Möglichkeiten außerhalb von Banken wie Solar- oder Windkraftfonds. Bei einer Insolvenz der Firma, die das Projekt realisiere, sei die Geldanlage allerdings nicht gesichert.

Laut Kessler werden inzwischen drei Prozent aller Geldanlagen nach nachhaltigen oder fairen Kriterien angelegt. "Und die Summe wächst." Und in Schleswig-Holstein habe die erste deutsche Landesregierung beschlossen, öffentliche Gelder nur nach Kriterien der Nachhaltigkeit anzulegen.

Dem Vortrag, der wegen des großen Interesses in einigen Wochen noch mal angeboten werden soll, folgte eine angeregte Diskussion.

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