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»Besorgte Bürger« gegen Rechts: Warnung in Bad Nauheim

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Wird sich die Lage bei Querdenker-Demos - das Bild zeigt eine solche am 21. Mai in Bad Nauheim - verschärfen? »Besorgte Bürger« aus der Kurstadt befürchten genau das. ARCHIV © Red

»Besorgte Bürger« aus Bad Nauheim warnen vor den Gefahren der Montags-Spaziergänger. Nach ihren Informationen handele es sich nicht nur um Corona-Leugner.

Wir sitzen uns gegenüber. Doch als der Redakteur die Namen der beiden Männer notieren will, winken sie ab. Sie seien »besorgte Bürger« und würden es vorziehen, in diesem Fall nicht namentlich genannt zu werden - aus Sorge vor Repressalien aus der Szene. Laut ihrer Recherche sind es Rechte, die die Montags-Spaziergänge durch Bad Nauheim mit organisieren.

Aktuell informieren die »besorgten Bürger« auch die Fraktionen im Stadtparlament über die Gefahren durch »Querdenker«, die bei ihren Streifzügen offensichtlich nicht nur für die »Corona-Freiheit« skandieren. Die letzte Demo ging im Mai unter dem Motto »Bad Nauheim bebt« über die Bühne. Für den 7. September ist die nächste angemeldet, weitere sollen jeweils mittwochs in jedem Monat folgen.

Rassisten und Faschisten?

»Mitglieder rechtsradikaler Organisationen initiieren, planen, organisieren, leiten und steuern diese Spaziergänge der Querdenker«, erklärt einer der beiden. »Sie bestimmen auch in Bad Nauheim die Themen, das Motto, das Auftreten und den Rahmen. Diese Teilnehmer sind verantwortlich für die Routen, Parolen und Symbole.«

Nach Informationen der beiden handele es sich bei den Teilnehmern der Spaziergänge durch die Kurstadt eben nicht nur um »Freiheits-Kämpfer« gegen die Corona-Auflagen, sondern auch um Nazis, Faschisten, Rassisten, Antisemiten, Staatsskeptiker oder Reichsbürger. Aber auch Wissenschaftsskeptiker, Anthroposophen oder Esoteriker würden sich unter die Querdenker mischen, die ja ursprünglich als Impfgegner und Corona-Verharmloser mal aufgetreten sind, vermuten sie.

»Diese Leute lehnen die freiheitliche demokratische Grundordnung ab und reklamieren unbegrenzte persönliche Freiheitsrechte für ihre Zwecke«, klagen die »besorgten Bürger« und berichten über ihre Diskussionen mit den politisch Verantwortlichen in der hiesigen Region. Die hätten- unter anderem verlauten lassen, dass nicht jeder Impfgegner gleich ein Nazi sei, und überhaupt habe man hierzulande das Recht, für demokratische Werte zu demonstrieren.

»Man sagte uns auch, dass diese Leute von alleine wieder verschwinden, wenn es keine Corona-Auflagen mehr gäbe. Und dass sie im Prinzip friedlich seien und irgendwann von selbst die Lust an diesen Demonstrationen verlieren«, erzählt einer der beiden. Schlimmer, so erinnert er sich an ein Zitat eines Politikers, seien die Schmierereien der Linken auf den Bürgersteigen.

Peter Heidt, Bad Nauheimer Bundestagsabgeordneter der FDP, hält das Engagement der »besorgten Bürger« allerdings für vorbildlich. Heidt will sich auch an allen kommenden Diskussionen beteiligen. »Ich unterstützte das in vollem Umfang. Denn wir brauchen dieses zivile Engagement, wenn die Politik mal nicht der richtige Ansprechpartner ist.«

Überregionale Außenwirkung

Warum die Montags-Spaziergänger sich bis Mai lange in der Kurstadt versammelt haben, ahnen die »besorgten Bürger« auch. »Diese Leute ziehen hauptsächlich wegen der überregionalen Außenwirkung von Bad Nauheim durch unsere Straßen. Sie verstehen es vortrefflich, die ihnen überlassenen Freiräume für ihre Zwecke zu nutzen.« Deshalb fordern sie von ihren Mitbürgern nun mehr Widerstand. »Denn unsere Zurückhaltung verleiht den Demonstranten eine Aura der Legitimität, die ihnen nicht zusteht.«

Dass die Protestbewegung in der Hochzeit der Corona-Pandemie überhaupt in Gang gekommen ist, erklärt einer der beiden so: »Ich denke, dass viele Impfgegner die Position der Verweigerung gewählt haben, weil diese Haltung für sie der einzige Ausweg aus dem Gefühl der Minderwertigkeit darstellt. Genau an dieser Stelle treffen sich Impfgegner, Nazis und alle andere Menschen ohne Perspektiven hier. Über das standhafte Beharren auf das Recht der Freiheit und der Unverletzlichkeit ihres Körpers schöpfen sie im gemeinsamen Kampf gegen eine Übermacht der Eliten einen Selbstwert. Es geht ihnen eigentlich nicht um Fakten und schon gar nicht um Corona, sondern allein um Anerkennung. Und weil wir außer Fakten nichts anzubieten haben, erreichen wir sie auch nicht.«

Lage könne sich noch verschärfen

Deshalb, so befürchtet der »besorgte Bürger«, könnten diese Konflikte auch nach Corona nicht beendet sein. »Wenn wir es nicht schaffen, das Auseinanderdriften der Gesellschaft umzukehren, wird sich die Lage sogar noch verschärfen. Es könnte auch eine Eskalation der Gewalt zwischen Bürgern und Demonstranten drohen. Aber auch gezielte Angriffe gegen Presse, Parteien, Amtsträger und engagierte Demokraten sind zu befürchten.«

Kritisiert wird zudem, dass es in der Kurstadt keine Kooperation mit anderen Städten gäbe, die in diesem Fall erfolgreich Gegenwehr betrieben hätten. Doch auch die sind machtlos, wenn die Emotionen hochkochen. Erst am letzten Samstag sind in Frankfurt rund 300 Teilnehmer durch die Straßen gezogen. Aggressiv »Frieden« und »Lügenpresse« schreiend unter Trommelwirbel, Trillerpfeife und Sirenengeheul. Bereits kurz nach dem Start an der Taunusanlage wurden Medienvertreter bedrängt und als »Kommunisten« beschimpft. Seit vier Wochen, so berichtet die Frankfurter Rundschau, treffen sich Querdenker wöchentlich vor dem Hessischen Rundfunk (HR), um auf ihr eigenes Web-TV-Programm aufmerksam zu machen und gleichzeitig den HR zu diskreditieren. Über Mikrofon zwischen umgekehrter Deutschlandflagge, die als Code von Reichsbürgern dient, und Plakaten wie »Media is the Virus« habe ein Redner verkündet, dass die Redakteure »Lügen schreiben müssen, weil sie keine freie Entscheidung darüber haben«, berichtet die FR. Jeder Journalist, der etwas auf sich halte, solle weggehen und zu einem Querdenker-Medium wechseln.

Laut Informationen der beiden Männer aus Bad Nauheim handele sich bei den in Frankfurt beteiligten Demonstranten im Großteil um die selbe Gruppe, die in der Wetterau ihre Spaziergänge organisiert.

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