So hat er einst ausgesehen, der 1975 in Bad Nauheim feierlich eingeweihte Berliner Meilenstein, und so soll er im Frühjahr wiederauferstehen. Das Kleindenkmal erinnert an die Epoche des Kalten Kriegs und der deutschen Teilung. FOTOS: PV
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So hat er einst ausgesehen, der 1975 in Bad Nauheim feierlich eingeweihte Berliner Meilenstein, und so soll er im Frühjahr wiederauferstehen. Das Kleindenkmal erinnert an die Epoche des Kalten Kriegs und der deutschen Teilung. FOTOS: PV

Zweimal zerstört

Berliner Meilenstein in Bad Nauheim Opfer von Vandalen

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Vandalismus kommt in Bad Nauheim oft vor. Ein Kleindenkmal, das innerhalb weniger Wochen zweimal zerstört wird, ist aber eher eine Seltenheit. Betroffen war der Berliner Meilenstein.

Am 6. Oktober 1975 war es soweit: Etliche Mitglieder des Bundes der Berliner und Freunde Berlins (BdB) trafen in Bad Nauheim ein. Am Rande des Kurparks wurde der Berliner Meilenstein eingeweiht. Bürgermeister, Vertreter des Staatsbades, des Kreises und Berliner Senats waren gekommen, um den "Stein der Solidarität" mit Spreewasser zu taufen. Auf dem Denkmal aus Sandstein ist der Berliner Bär zu sehen und "563 Kilometer" zu lesen - die Entfernung von Bad Nauheim nach Berlin. Reden wurden geschwungen, die Nationalhymne erklang.

Fast genau 45 Jahre nach der Feierstunde, zwischen dem 2. und 5. Oktober 2020, wurde der Meilenstein zum ersten Mal zerstört. "Das Mahnmal ist umgestoßen worden und dabei zerbrochen. Ein Steinmetz hat es verdübelt und geklebt", berichtet Fachdienstleiter Volkmar Dörn vom städtischen Kur- und Servicebetrieb. Kaum war der Stein wieder aufgestellt, schlugen Vandalen Ende Oktober ein zweites Mal zu - erneut zerbrach die Tafel in zwei Teile. Laut Dörn soll der Meilenstein erneut repariert werden und im Frühjahr an seinen Platz zurückkehren. Um ihm mehr Stabilität zu verleihen, wird er auf der Rückseite mit einer Stütze versehen. "Da die meisten Leute gar nicht wissen, was es mit dem Stein auf sich hat, wird eine Infotafel aufgestellt", sagt der Fachdienstleiter.

300 Standorte gefunden

Tatsächlich ist der historische Hintergrund des Meilensteins kaum bekannt. Er gilt als Symbol einer Epoche: des Kalten Krieges und der deutschen Teilung. 1953 hatte CDU-Politiker Gerd Bucerius die Idee, solche Steine im Abstand von 100 Kilometern an bundesdeutschen Autobahnen aufzustellen - als Ausdruck der Verbundenheit mit West-Berlin.

Treibende Kraft war der Bund der Berliner und Freunde Berlins, der überall, auch in der Wetterau, Kreisverbände gründete. Die Aktion weitete sich zwischen 1954 und 1998 auf viele Städte aus. Mit der Wiedervereinigung verlor der BdB, der sich bei Politik und Bevölkerung für die Interessen der Stadt eingesetzt hatte, an Bedeutung. Ihren letzten Kraftakt stemmte die Lobby bei der Debatte um die Hauptstadt-Frage: Berlin oder Bonn? Als die Entscheidung zugunsten Berlins gefallen war, löste sich der Bund 1998 auf. Es gibt allerdings noch einige Kreisverbände, vor allem in Bayern.

Viele Meilensteine verschwanden im Lauf der Jahrzehnte, wurden gestohlen, zerstört oder fielen Bauprojekten zum Opfer. Für den Erhalt setzt sich der aus Bad Vilbel stammende Michael Damm ein, der die Initiative Denkmalschutz für Berliner Meilensteine gegründet hat. Er ist familiär vorbelastet: Sein 1990 verstorbener Vater Ernst Damm, Ehrenstadtrat von Bad Vilbel und lange in Berlin ansässig, hatte sich für den BdB eingesetzt. Bundesweit hielt er gut 600 Vorträge über Berlin und die deutsche Teilung, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 1961 lobte Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt das Engagement Ernst Damms.

Recherche begann 2010

"2010 habe ich begonnen, mich mit den Meilensteinen zu beschäftigen und zu recherchieren", erzählt Michael Damm. Bis heute hat der 71-Jährige rund 300 aktuelle und ehemalige Standorte ermittelt. Auf seine Initiative hin kehrte der 2005 bei Bauarbeiten abgebaute und in Vergessenheit geratene Meilenstein von Bad Vilbel vor das Alte Rathaus zurück. Seit Jahren fordert Michael Damm, in Frankfurt Meilensteine erneut zu platzieren und unter Denkmalschutz zu stellen. Jetzt scheint sich der unermüdliche Einsatz auszuzahlen. Unter anderem soll ein Meilenstein, den Damm aus Beton gießen ließ, wieder in der Nähe der Paulskirche installiert werden.

Als der 71-Jährige vom Vandalismus in Bad Nauheim erfuhr, nahm er Kontakt mit Fachdienstleiter Dörn auf. Damm hofft, dass die Stadt aktiv wird, um die Bad Nauheimer Tafel unter Denkmalschutz zu stellen. "Ich habe bei allen Landesbehörden für Denkmalpflege angeregt, diese Kleindenkmäler zu schützen. Aber dort fehlt das Personal." Die Initiative müsse von der jeweiligen Kommune ausgehen. Wie die Denkmalschützer bestätigten, stünden die Berliner Meilensteine für eine durch die Wiedervereinigung abgeschlossene Epoche der deutschen Geschichte. "Die Zeit des Kalten Kriegs und der Teilung droht in Vergessenheit zu geraten", sagt der 71-Jährige.

Idee wird 1953 geboren

Sind die Berliner Meilensteine ein uninteressantes Relikt des Kalten Kriegs oder wichtiges Zeugnis einer abgeschlossenen Epoche deutscher Geschichte? Die Meinungen bei Politikern gehen bei dieser Frage auseinander. Tatsache ist: Die Bedeutung, die diese Meilensteine einst hatten, ist den allermeisten Bürgern nicht bekannt.

1953 war die Auseinandersetzung zwischen den in der NATO zusammengeschlossenen Staaten und dem Warschauer Pakt längst voll entbrannt, der Korea-Krieg ging gerade zu Ende. In Deutschland standen sich Ost und West bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. West-Berlin war eine Insel inmitten von DDR-Gebiet, galt als Symbol der "freien Welt". In dieser Situation initiierte der CDU-Politiker Gerd Bucerius, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Berlin, den Berliner Meilenstein. Das Kleindenkmal sollte in der Bundesrepublik die Verbundenheit mit der Stadt fördern. Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm ordnete damals an, auf allen Mittelstreifen westdeutscher Autobahnen im Abstand von 100 Kilometern einen solchen Meilenstein aufzustellen. Das erste Exemplar wurde Anfang 1954 an der A 3 zwischen Köln und Frankfurt von Bundespräsident Theodor Heuss eingeweiht. Das Ziel, die Steine flächendeckend entlang der Autobahnen zu installieren, wurde nie erreicht, allerdings griffen zahlreiche Kommunen die Idee auf. So wurde 1975 ein Berliner Meilenstein in Bad Nauheim "getauft", zehn Jahre später folgte Bad Vilbel. Michael Damm und seine Initiative wollen alle noch vorhandenen Meilensteine - seinen Recherchen zufolge gab es einst rund 300 Standorte - unter Denkmalschutz stellen. Bislang haben allerdings nur wenige Kommunen diese Idee aufgegriffen.

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