»Beim Lesen verliere ich das Gefühl für Raum und Zeit«

Wetteraukreis (ka). Wer »Vorlesen« hört, denkt meist an Eltern, die ihren Kindern vor dem Zubettgehen eine Geschichte vorlesen. Für den WZ-Mitarbeiter Michel Kaufmann bekommt der Begriff aber jetzt eine neue Bedeutung. Denn drei Wochen lang ist er im Rahmen des Ovag-Jugend-Literaturwettbewerbs auf Lesetournee. In der WZ berichtet er von seinen Erlebnissen.

Angefangen hat alles mit einer Geschichte. In meinem Fall ist es eine Gruselgeschichte, und sie heißt »Hotel zur langen Dämmerung«. Damit gehörte ich im vergangenen Jahr zu den 21 Preisträgern dieses Wettbewerbs. Sie wurde jüngst mit den anderen preisgekrönten Geschichten in dem Buch »Gesammelte Werke« veröffentlicht. Nun gehen die Preisträger an vielen Schulen auf Lesetournee - und ich bin mit dabei.

Der Morgen beginnt früh. Um acht Uhr soll es in der St. Lioba Schule in Bad Nauheim losgehen. Acht Uhr morgens ist für manche Studenten ja noch Schlafenszeit, aber diesmal mache ich gerne eine Ausnahme. Meine Feuertaufe hatte ich am Tag zuvor in Konradsdorf. Ich weiß also schon, was mich erwartet. Aufgeregt bin ich trotzdem ein bisschen. Das gehört eben dazu, wenn man vor Publikum auftritt. Es ist der Tag der Halbjahreszeugnisse, und alle Schüler warten eigentlich nur auf die dritte Unterrichtsstunde.

Es ist schon nach acht Uhr, als ich zusammen mit zwei weiteren Preisträgern, Joy Vivian Benner und Sabine Theiß, ins grelle Scheinwerferlicht der Bühne trete. Die im Saal wartenden Schüler der Jahrgangsstufe 12 wirken noch ein wenig unruhig. Ich habe gehört, wie einer von ihnen vor der Lesung sagte: »Und jetzt noch dieser langweilige Vortrag.«

Es liegt an uns, das Gegenteil zu beweisen. Im Publikum sitzen auch Freunde von mir. Das beruhigt mich, und ich freue mich aufs Vorlesen. Joy Vivian Benner macht mit ihrer Geschichte »Lamento - Die Klage des Mondes« den Anfang. In der Aula ist es plötzlich still, als alle der düsteren Geschichte lauschen. Ich sitze neben Sabine etwas abseits auf der Bühne und warte auf meinen Einsatz, höre mit einem Ohr auf das, was Joy vorliest. Ich kenne ihre Geschichte mittlerweile gut. Ich lasse meinen Blick durch die Zuschauerreihen schweifen, entdecke meine Freunde. Ganz hinten unterhält sich ein Junge leise mit einem Mädchen.

Nach knapp 20 Minuten endet die erste Geschichte. Ich lese erst ganz zum Schluss. Applaus brandet auf, dann tauschen Joy und Sabine die Plätze. Mein Mund ist trocken. Ich habe riesigen Durst und schaue neidisch auf die Wasserflaschen auf dem Tisch. Sabine Theiß beginnt mit ihrem Tex. Er heißt »Minnie«. Nach etwa sieben Minuten erneut Applaus.

Jetzt bin ich dran. Nochmal Durchatmen. Ich nehme meinen Text mit den extra großen Buchstaben und setze mich an den Tisch. Jetzt erstmal einen Schluck Wasser trinken. Ich schaue wieder ins Publikum, sehe aber nicht viel, weil die Scheinwerfer direkt auf mich gerichtet sind und der Zuschauerraum abgedunkelt ist. Der Blick auf mein Manuskript blendet mich fast.

Ich beginne zu lesen. Gleichzeitig verliere ich jedes Gefühl für Zeit, Bewegungen oder Geräusche. Ich konzentriere mich auf das, was auf meinen Blättern steht und sehe nichts anderes mehr. Würde jemand im Publikum anfangen zu tanzen, ich würde es nicht bemerken. Auf der zweiten Seite verlese ich mich genau da, wo ich schon am Tag zuvor einen Fehler gemacht habe. Jetzt bloß nicht verunsichern lassen - weitermachen.

Beim nächsten Absatz mache ich eine kurze Pause und nehme noch einen Schluck Wasser. Vorlesen macht durstig. Am schwierigsten ist es, den verschiedenen Personen, die in meinem Text vorkommen, eine eigene, unverwechselbare Stimme zu geben.

Es dauert über 20 Minuten, bis ich ans Ende komme - so lang ist meine Geschichte. Ich beende den letzten Satz und blicke auf. Erst als ich mein Manuskript auf den Tisch lege, beginnt der Applaus. Geschafft!

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