Geschichtenerzähler: Ian Melrose hat zu jedem seiner Stücke eine Anekdote auf Lager und spickt diese mit viel schottischem Humor. FOTO: GK
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Geschichtenerzähler: Ian Melrose hat zu jedem seiner Stücke eine Anekdote auf Lager und spickt diese mit viel schottischem Humor. FOTO: GK

Ein begnadeter "Fingerpicker"

  • vonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim(gk). Es war eine beschaulich-stimmungsvolle Reise eines langen Tages in die Nacht: Im stilvollen Ambiente der Trinkkuranlage gab der vielfach prämierte, in Berlin lebende schottische Gitarrist Ian Melrose am Donnerstagabend im Rahmen der Sommer-Reihe ein um 22 Uhr in lang anhaltendem Applaus der zahlreich erschienenen Hörer ausklingendes Solo-Konzert mit überwiegend selbst geschriebenen Titeln.

Der fast perfekt deutsch sprechende Musiker verfügt neben seinen gitarristischen Fähigkeiten über ein ausgeprägtes Talent als Geschichtenerzähler - wie nicht wenige seiner Landsleute. So blieb es während seines Auftritts nicht bei lakonischen Ankündigungen der gespielten Titel, um jeden von ihnen rankte sich eine kleine Anekdote - getränkt mit einer gehörigen Portion "British (beziehungsweise Scottish) humour".

Liebeserklärung an Berliner Eckkneipe

Zwei der gespielten Miniaturen entstanden im Ostseebad Kühlungsborn, wo Melrose als "artist in residence" weilte. Strandspaziergänge im frühen Morgengrauen schlugen sich in "dawn over Kühlungsborn" nieder - einem leisen, leicht melancholischen Lied. Neben technischer Brillanz verfügt Melrose über die Fähigkeit, in seinen Liedern Atmosphäre zu erzeugen.

Ein weiterer an der Ostsee geschriebener Titel handelt von einer Art Wettrennen zwischen der Oldtimer-Lok "Molly" und einem modernen Bus, der auf dem Asphalt neben den Schienen rollt. Melrose erlebt das "Rennen" im Bus sitzend und lässt daraus das lautmalerisch-mitreißende Lied "Molly versus Bus 121" hervorgehen. Viel Applaus erntet er für diese skurrile Nummer.

Dann ein völliger Szenenwechsel: "King of the fairies" ist ein alter irischer Song, in dem es um einen nicht ganz harmlosen Elfenkönig geht. Man sieht förmlich die Geschichtenerzähler im verräucherten Pub vor sich. Die Gitarre erzählt dagegen, aber nicht minder anschaulich, ohne Worte.

In dem englischen Volkslied vom zur See fahrenden Matrosen und seiner sehnsüchtig auf ihn wartenden Geliebten, die schließlich in den Tod geht, hören wir Melrose zum ersten Mal singen. In dem traurigen Lied sind die leisen Töne angesagt.

Eines von zahlreichen Highlights ist der Instrumentaltitel "Around the corner in 80 minutes" - eine Liebeserklärung an die aussterbende Spezies der Berliner Eckkneipe.

Vielen von Melroses Titeln mit oder ohne Gesang liegt ein ganz alltägliches Erlebnis zugrunde. Der sympathische Gitarrist gehört nicht zu jenen, die etwas von sich hermachen, sich in Szene setzen, mit ihrem Können prunken. Understatement, Selbstironie, Melancholie: So ließe sich die Signatur des Berliner Schotten wohl auf die kürzeste Formel bringen. "Strolling through Florence" - durch Florenz schlendern und sich von der Renaissance-Atmosphäre dieser unvergleichlichen Stadt berauschen lassen: Auch dieser Titel ist ein Glanzstück virtuoser Lautmalerei. Welch ein Kontrast zu den Samba-Rhythmen gleich danach!

Zum Schluss Ballade aus der Heimat

Unmerklich ist es dunkel geworden, und zahllose Sterne beginnen vom Nachthimmel zu blinken. Dies verleiht dem Spiritual "Swing low, sweet chariot, coming for to carry me home" besondere Strahlkraft und Innigkeit.

Bevor sich Melrose mit einem Song an der Tin Whistle und einer weiteren Zugabe vom Auditorium verabschiedet, lässt der schottische "Fingerpicker" (so seine bescheidene Selbstbezeichnung) noch eine Ballade aus seiner Heimat erklingen.

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