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Begegnung von Skulptur und Text

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Von: Beatrix van Ooyen

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steht dabei im Vordergrund. © Beantrix van Ooyen

Bad Nauheim (ooy). Allmonatlich wechseln im Geschäft von Henry Christopher Alt in der Stresemannstraße 4 die ausstellenden Künstler, Verleger und Autoren. Zu ihrer Unterstützung stellt der Ladeninhaber ihnen eine Fläche zur Verfügung, die Aussteller stimmen er und die Bad Nauheimer Ernst-Ludwig-Buchmesse ab. In der »Strese 4« gibt es seit einigen Monaten nicht nur integrierte Kunst- und Kultur-Ausstellungen, sondern auch kostenlose Tipps zum jeweiligen Thema.

In der Vergangenheit gab der Booy-Verlag beispielsweise Tipps zum Bücherschreiben und Selberverlegen, Iris Müller welche zum Aquarellieren, Tipps für die Gesundheit kamen von Bettina Fornoff. Seit gestern und für den ganzen April stellen Bildhauer Michael Priester und Wort-Künstlerin Dagmar Reichardt aus Nieder-Weisel im Bad Nauheimer Laden aus.

»Mich haben Kunstwerke, die sich mit menschlichen Figuren und Formen beschäftigen, schon immer angesprochen«, sagt Priester, der aus besonderen Hölzern oder unterschiedlichen Gesteinsarten Skulpturen fertigt. Die Faszination an der menschlichen Figur teilen sich der Bildhauer und die Haiku-Autorin Dagmar Reichardt. Text und Skulptur befinden sich in der Ausstellung im Dialog.

Spannungsbogen spürbar

Sie zielen unter anderem auf die Fragestellung ab: Wo stehen Frauen heute? Was macht den Reiz der Nacktheit aus? Wie fühlen sich die verschiedenen Rollen an, in denen Frauen heute leben? Die Magie, die von den Skulpturen ausgeht, wird durch den gedruckten Text von Haikus zum Klingen gebracht. Ein Spannungsbogen zwischen den Skulpturen und den Haikus wird spürbar - die weiblichen Torsi korrespondieren mit den japanischen Dreizeilern.

»Beim Anfertigen und Lesen eines Haikus finde ich Ruhe und Entspannung«, sagt die Text-Schöpferin, es sei meditativ. Wie das klappen kann und wie Haikus geschrieben werden, erläutert sie vor Ort. Vor wenigen Jahren machte Reichardt erstmals mit dem Thema »Schubladendenken« auf sich und ihre Wort-Experimente aufmerksam. Einige betextete Schubladen sind auch in der Ausstellung zu sehen.

»Wie auf ein Kunstwerk reagiert der Betrachter auch auf das geschriebene Wort«, sagt sie. Einzelne Worte, Gedichte und Geschichten lösen in ihnen Gefühle und Erinnerungen aus, Freude oder auch Ablehnung - genauso wie auch durch eine Skulptur oder ein Bild.

»Manchmal reicht nur ein einziges Wort für ein besonderes Erlebnis«, ist die Autorin überzeugt. »Mit einem Wort kann sich bei dem einen oder anderen eine Tür zu einer ganzen Geschichte öffnen. Denn der Betrachter ergänze das Neue, was er sieht, hört oder liest, und verbindet es mit seiner eigenen Erlebniswelt.«

Mit ihren Texten möchte Reichardt die Betrachter erreichen und sie zum Innehalten und Nachdenken anregen sowie ihnen auch eine Erholung von ihrem täglichen Stress ermöglichen. Neu ist das Zusammenspiel von Text und Skulptur für beide Künstler - es ist ihr erste gemeinsame Ausstellung.

Im Bad Salzhausener Kurpark und im Massenheimer Auenpark haben zwei größere Stein-Skulpturen von Michael Priester ihren festen Platz. Von deren Anmut und Korrespondenz mit der freien Natur lässt sich die Autorin Dagmar Reichardt noch heute beim Texten inspirieren. Ihr Ziel ist es, mit ihren Gedichten zu überraschen: »Für mich ist es wichtig, den Bruch hineinzubringen. Und zwar so, wie es in der dritten Zeile eines Haikus vorgesehen ist.«

Künstler geben Besuchern Tipps

Reichardt gefällt es, dass ihre Haikus in kein Schubladendenken hineinpassen - denn viel zu oft seien die Menschen leider dazu geneigt, unguten und starren Stereotypen zu folgen. Eine Haiku-Kostprobe von der Autorin, bei der im wörtlichen Sinne eine Schublade aus der »Schubladendenken-Serie« die Verbindung mit einem Haiku eingeht, zum Thema »Fremd« lautet:

»Welch enge Grenzen.

Gezwängt in Erwartungen.

Blickkontakt. Lächle!«

Die Künstler werden sich und ihre Arbeiten in der »Strese 4« vorstellen und Tipps geben: Bildhauer Michael Priester am Samstag, 9. April, von 12 bis 14 Uhr. Wort- und Haiku-Spezialistin Dagmar Reichardt am Samstag, 16. April, von 12 bis 14 Uhr sowie Freitag, 29. April, von 14 bis 16 Uhr.

Den Dialog ihrer Kunstwerke werden beide auf den Licher Kulturtagen »Kunst in Scheunen« vom Samstag, 10., bis Sonntag, 11. September, in der Licher Güterumschlaghalle am Bahnhof fortsetzen.

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