Geigerin Gudrun Knapp und Frank Scheffler an der Orgel haben das Publikum eindrucksvoll durch das barocke Italien geführt. FOTO: HMS
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Geigerin Gudrun Knapp und Frank Scheffler an der Orgel haben das Publikum eindrucksvoll durch das barocke Italien geführt. FOTO: HMS

Barocke Sehnsucht nach Italien

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim(hms). Das Mittwochskonzert mit einer Reise ins barocke Italien war diesmal ein Sehnsuchtskonzert, denn für viele war das Urlaubsland in diesem Sommer unerreichbar geblieben. Eine Sehnsucht war für die Violinistin Gudrun Knapp hingegen in Erfüllung gegangen, denn sie durfte auf einer Geige von 1660 spielen. So erfüllten sich mehrere Klangträume auf einmal.

Auch Kantor Frank Scheffler hat eine Sehnsucht: die von einer funktionierenden neuen Orgel in der Dankeskirche. Durch den Verschleiß sprechen die Tasten immer schlechter an und das Zusammenspiel wird immer schwieriger. "Ich versuche alles auszugleichen, sodass es die Zuhörerinnen und Zuhörer nicht mitbekommen, aber wer mit mir musiziert, merkt die Verzögerung", erklärt er. In den virtuosen Sätzen, welche die italienischen Barockkomponisten besonders prächtig ausbauten, und die in verschiedenen Sonaten zu hören waren, ist das eine große Herausforderung. Zur Erfüllung des Orgelwunsches diente auch dieses Benefizkonzert in der unter Corona-Bedingungen nahezu voll besetzten Kirche.

Italien gilt mit den Familien Stradivari und Guarneri, aus der Paganinis Geige stammte, als Wiege der Geigenbaukunst. Gudrun Knapp absolvierte ein Studium als Konzertviolinistin und ist als Konzertmeisterin und Organisatorin des Barockorchesters "Via Nova" in Bad Nauheim bestens bekannt. Durch künstlerische Kontakte ist sie eng mit Italien verbunden.

Sehr schwer zu spielen

Dort lernte sie bei den Meistern die historische Aufführungspraxis, die sie immer wieder begeistert. Die alten Instrumente seien sehr schwer zu spielen, sagt sie. Für die Fantasie Nr. 9 für Geige solo "Sicilienne" von Georg Philipp Telemann griff sie zu ihrem "Schätzchen". Der Klang war seidig, fein glänzend poliert wie das Holz, das von der Empore herab schimmerte. "Man wird es hören", hatte sie versprochen. Und sie hatte recht.

Alle Werke auf diesem Instrument zu spielen war jedoch nicht möglich, denn die Orgel verlangt eine Stimmung, die einen Halbton höher liegt als die von Barockinstrumenten. Allerdings konnte sie auch mit ihrer zweiten Geige, einem Nachbau einer Guaneri, brillieren. Die Sonaten von Corelli, Vivaldi und Veracini boten viel Stoff für Virtuosität. Allein Corente und Giga aus Vivaldis dritter Sonata und das Allegro aus der vierten sprühten nur so vor Lebendigkeit. Zahllose Verzierungen nahm man in Perfektion gespielt wahr. Selbst in den nachdenklichen Passagen, zumeist in den langsamen Präludien, die Scheffler auf der Orgel als basso continuo sehr zurückhaltend begleitete, war eine positive Energie spürbar. Musik war damals und ist heute Leben und Lebensfreude. Nicht umsonst gilt Italien, neben Frankreich, in der Barockzeit als Zentrum der Kunstmusik und Ursprungsland der Oper. Viele Komponisten reisten zu Studien dorthin und beeinflussten damit die europäische Musikwelt.

Wie für das letzte Stück geschaffen, die Ciacona D-Dur von Francesco Veracini, waren die Worte von Pfarrerin Meike Naumann über das besondere Licht der Septembersonne.

Die Geigenklänge spielten mit den Strahlen, blitzten durchs lichter werdende Laub, brachte noch einmal volle Wärme, bestimmt und herausfordernd als ob man wisse, dass der Sonnenschein, wie die Töne, bald verschwinden würden.

Das große Interesse und der stets dankbare und anerkennende Applaus zeigt, dass die kleine Form dieser Mittwochskonzerte ein guter Weg ist, regionale treue Künstler zu unterstützen und gleichzeitig den Menschen eine Freude zu bereiten.

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