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Bahnhof mit Barrieren

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Für Rollstuhlfahrer ist es schwierig, in den Friedberger Bahnhof zu gelangen.
Für Rollstuhlfahrer ist es schwierig, in den Friedberger Bahnhof zu gelangen. © Jürgen Wagner

Friedberg (jw). »Keine Chance«, sagt Christa Mansky. »Mit dem Rollstuhl komme ich nicht durch die Tür.« Sie beugt sich weit vor, drückt gegen die schwere Eingangstür des Bahnhofs. Ohne Hilfe ist nichts zu machen. Mehrere Gruppen hatten zum Aktionstag für Barrierefreiheit eingeladen. Die Bahn muss endlich handeln, wird gefordert.

Überall lauern im Friedberger Bahnhof Barrieren. Es handelt sich gewissermaßen um einen barriereunfreien Bahnhof. Rollstuhlfahrer werden vom Zugverkehr ausgeschlossen, Blinde tappen im Dunkeln, Frauen müssen frühmorgens oder spätabends Angst haben, dass sie angesichts der schlechten Beleuchtung heil zum Ausgang kommen. Aber wie fühlt sich das an, im Rollstuhl zu sitzen und keine Chance zu haben, den Zug auf Gleis 2 zu erreichen?

»Es ist ein Gefühl von Ausgeliefertsein«, sagt Christa Mansky vom »Suse«-Netzwerk des Frauen-Notrufs Wetterau. »Suse« steht für »Sicher und selbstbestimmt. Frauen und Mädchen mit Behinderung stärken«. Zusammen mit dem VdK Wetterau, dem Seniorenbeirat und dem Behindertenbeirat des Wetteraukreises wollen die Mitglieder Druck auf die Bahn machen. Die Umgestaltung des Bahnhofs ist seit Langem angekündigt, getan hat sich nichts. Mansky ist nicht gehbehindert, aber sie will selbst ausprobieren, wie man im Bahnhof in einem Rollstuhl zurechtkommt. Wir rollen zum Fahrplan. »Jetzt hätte ich gerne ein Fernglas«, sagt sie. Auch der Fahrkartenautomat ist ohne Hilfe nicht zu bedienen. Wer schlecht sieht, kann die kleinen Buchstaben nicht entziffern.

Doch dann kommt’s richtig dicke: An der großen Treppe vor der Unterführung, die zum Gleis 2 führt, ist Schluss. Ich probiere das aus, fahre bis an die erste Stufe. Beim Blick nach unten, wird mir schwindelig. Was auffällt: Junge Leute, viele davon mit dunkler Hautfarbe und eher geringen Deutschkenntnissen, bieten sofort ihre Hilfe an, wollen uns gar die Treppe hinuntertragen. Viele, die aus der Unterführung kommen, sind irritiert, bis sie merken, dass dies nur eine Simulation ist. Oben in der Empfangshalle ist die Aktion nicht zu übersehen – und vor allem nicht zu überhören. Die Stimmen hallen, der Schall macht eine Orientierung gerade für Hörgeschädigte schwierig. »Die Akustik ist eine Katastrophe«, sagt Elke Sawatzki, Erzieherin an der Johann-Peter-Schäfer-Schule für Blinde und Sehbehinderte.

Ihre Kollegin Anna Nowozenski hat sich mit Langstock und Spezialbrille ausgestattet. Sie sieht jetzt nur schemenhaft, Sawatzki führt sie die Treppe runter. »Früher war hier ein Gepäckband. Deshalb kann man sich nur schlecht am Geländer festhalten.« Auch für ältere Menschen sei die Treppe ein Horror. »Hier fehlen Aufzüge, die es an vielen kleineren Bahnhöfen gibt«, sagt Sawatzki.

Denkmalschutz ist wichtiger

Auch den Bahn-Bediensteten ist das peinlich. »Gut, dass Sie sich darum kümmern«, sagt eine Zugbegleiterin. Auch sie hatte ihre Hilfe angeboten. »Die Bahn hat den Termin heute morgen abgesagt«, berichten Ellen Benölken und Helmut Dietz vom VdK. »Die haben wohl Angst.«

Sie verteilen Flyer über Barrierefreiheit. »Das neue VGO-Büro ist nur über drei Stufen erreichbar«, berichtet Benölken. »Die VGO hätte das gerne geändert, aber der Denkmalschutz hat’s verboten. Denkmalschutz ist wichtiger als Barrierefreiheit«, sagt sie bitter. Gekommen ist Stefan Klöppel vom ZOV. Der ist zwar nicht für die Umgestaltung des Bahnhofs zuständig, aber Klöppel gibt sich alle Mühe, die Gemüter zu beruhigen. »Die Planung läuft«, sagt er. Toiletten gehörten aber nicht dazu.

Das ist der nächste Schwachpunkt, und es geht weiter. Die sehbehinderte Gaby Stoll zeigt an Gleis 1, dass Bodenindikatoren fehlen. Mit dem Langstock tappt sie ins Leere. »Hier kann man auf die Gleise fallen. Bad Nauheim ist eine Katastrophe, aber hier ist es unterirdisch«, sagt sie. »Wir warten auf die Überarbeitung der Umbaupläne«, sagt Lena Herget von der Stadtverwaltung. Die Stadt muss sich finanziell beteiligen, Geld für die Planung stehe bereit, auch für den Busbahnhof, aber das ist eine eigene, nicht minder traurige Geschichte. Traurig ist auch, dass sich manche Frauen nur noch durch die Unterführung trauen, wenn sie Pfefferspray dabei haben. »Die Beleuchtung des Nachtausgangs ist schlecht«, sagt Konny Schäfer, Frauenbeauftragte beim Wetteraukreis. Für Hans-Helmut Hoos ist das alles »skandalös«: »Wir haben zig Einrichtungen für Behinderte in der Stadt. Seit acht Jahren fordern wir im Seniorenbeirat eine Verbesserung. Nichts hat sich getan.«

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