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Blick zurück: Nach 31 Jahren nimmt Manfred Schneider Abschied von der Bad Nauheimer Kommunalpolitik.

Abschied von Politik

Bad Nauheimer Parlament ohne Manfred Schneider: Originalität geht verloren

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Auf die Trennung von seriöser Politik und närrischem Übermut hat Manfred Schneider nie großen Wert gelegt. Mit dem Rückzug des Bad Nauheimer FDP-Urgesteins geht ein Stück Originalität verloren.

Wie sagte einst der SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering: »Opposition ist Mist«. Manfred Schneider hat in seinen 31 Jahren als FDP-Stadtverordneter in Bad Nauheim, die nach der Wahl am Sonntag zu Ende gehen, praktisch nichts anderes als Opposition erlebt. Sieht man vom Kurzgastspiel eines sogenannten Viererbündnisses ab, das schnell am Ende war. In den Kommunen gelten allerdings andere Gesetze als im Bund. So wurden Entscheidungen im Kurstadt-Parlament zuletzt mit wechselnden Mehrheiten getroffen. Ein Zustand, dem Schneider viel abgewinnen kann. »Auch kleine Fraktionen haben bessere Chancen, mal einen Antrag durchzubringen. Der Austausch und die Diskussion unter den Fraktionen wird gefördert.«

Schneider, der 20 Jahren lang die FDP-Fraktion führte, war immer ein Freund pragmatischen Handelns, suchte Kompromisse, trauerte politischen Niederlage nicht lange nach. »Der Neubau der Therme ist das wichtigste Projekt der letzten Jahrzehnte«, sagt der 77-Jährige. Er verschweigt dabei keineswegs, mit dem damaligen Bürgermeister Armin Häuser (CDU) für die Sanierungslösung gestritten zu haben. Die Mehrheit entschied sich anders. Ist Opposition also doch Mist? Nicht für Manfred Schneider. Längst hat er sich mit den millionenschweren Plänen fürs neue Thermalbad angefreundet, lobt die Konzeption. Auch mit einer seiner Lieblingsideen, der Anmeldung des Sprudelhofs als Weltkulturerbe, konnte sich der Freidemokrat nicht durchsetzen. »Selbst in meiner Partei haben das einige anders gesehen«, sagt Schneider heute.

Alter einziger Grund für den Rückzug

Gerne hätte der 77-Jährige auch den frühzeitigen Neubau eines Eisstadions auf dem Stoll-Gelände gesehen. »Das alte Stadion kann an diesem Standort keine zehn Jahre mehr überleben«, ist sich der scheidende Stadtverordnete sicher. Dieses Projekt war ebenfalls nicht durchsetzbar. Und die Multifunktionsarena, von der derzeit die Rede ist, sieht Schneider noch in weiter Ferne. Wichtige Beschlüsse, die zunächst nicht seiner Linie entsprachen, waren allerdings nicht Ursache seines Rückzugs. Der ist allein dem Alter geschuldet. »Irgendwann muss mal Schluss sein«, sagt der FDP-Mann.

An unzähligen Sitzungen hat der gebürtige Bad Nauheimer teilgenommen. Seit der Investmentbanker der Deutschen Bank 2004 in Rente ging, fehlte er in kaum einer Ausschuss- oder Ortsbeiratssitzung. Unzählige Male hat er in den letzten Jahrzehnten das Wort in der Stadtverordnetenversammlung ergriffen. Nicht selten sorgte er dabei für Heiterkeit in den Parlamentsreihen, einige Politiker fühlten sich bei manchen Gelegenheiten an eine Hiesbach-Sitzung erinnert. Schneider redete eben, wie ihm der Schnabel gewachsen war, ein deftiger Stil war ihm allemal lieber als eine diplomatische Ausdrucksweise.

Deshalb verschrieb er sich auch dem Karneval. Der in der Altstadt geborene Schneider wurde 1982 von Hiesbach-Ikone Hans »Bimbo« Capellen als Büttenredner entdeckt. »Du hast die richtige Schnut’ dafür«, befand Capellen - Widerworte zwecklos. In unpolitischen Rollen - etwa als Jäger, Müllmann oder Busfahrer - sorgte der Bad Nauheimer für Heiterkeit in der Faschingszeit. Als Transvestit verkleidet gab es gerne auch ein Küsschen für den damaligen Bürgermeister Bernd Rohde. Wobei Schneider bei seinen Haupt-Ehrenämtern früher gar keinen Ortswechsel vornehmen musste: Parlament und Hiesbach tagten beide im Sportheim.

Ausflüge der feuchtfröhlichen Art

Beim Blick zurück denkt Schneider gerne an die Pflege der Geselligkeit zwischen Stadtverwaltung und Politik. Mit einem Schmunzeln erwähnt er gemeinsame Ausflüge von städtischen Mitarbeitern und Stadtverordneten. »Unvergessen bleibt die Reise mit sieben Bussen gen Süden und dem Besuch des Volksfestes Cannstatter Wasen in Stuttgart. Manche Teilnehmer hatten einiges intus und erschienen nicht zum Abfahrtstermin. Bürgermeister Rohde erwies sich als Macher und schleppte die Leute eigenhändig aus dem Festzelt.« Diese Zeiten sind vorbei.

Die FDP Bad Nauheim sieht der 77-Jährige gut aufgestellt. Der Verjüngungsprozess habe mit der Übergabe des Fraktionsvorsitzes von ihm an Benjamin Pizarro 2016 begonnen und werde sich bei dieser Wahl fortsetzen. Schneider: »2016 hatten wir schon ein ordentliches Ergebnis, vielleicht werden wir noch etwas draufsatteln.«

Weiter engagiert in Kirchengemeinde

Drei ehrenamtliche Standbeine hatte Manfred Schneider in den zurückliegenden Jahrzehnten: neben Politik und Karneval auch die Kirchengemeinde. Seine Arbeit als Stadtverordneter geht jetzt zu Ende, der närrische Einsatz für die Hiesbach hatte bereits 1982 begonnen und lief 2017 aus. »Man hat mir gesagt, jetzt seien Jüngere an der Reihe«, sagt Manfred Schneider. Mit klaren Ansagen kann der Ur-Bad-Nauheim gut leben. Der Hiesbach bleibt der 77-Jährige trotzdem verbunden, wurde er doch 1944 in der Bad Nauheimer Altstadt geboren. Seinen Vater, der in russische Kriegsgefangenschaft geriet und in einem Lazarett starb, hat Schneider nie kennengelernt. Trotzdem machte er einen guten Weg: Abi an der ELS, Jurastudium, Karriere bei der Deutschen Bank.

Sein Engagement in der evangelischen Gemeinde Bad Nauheim möchte er fortsetzen. Dort hat Schneider das »Montagsforum« mitgegründet und gehört dem Kirchenvorstand an, für den er wieder kandidiert. Seine Freizeit wird er gemeinsam mit seiner aus Ex-Jugoslawien stammenden Ehefrau künftig öfter im Ferienhaus in Serbien verbringen.

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