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Bad Nauheimer IT-Start-up plant den großen Wurf

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Von: Bernd Klühs

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Firmengründung im Zeichen der Pandemie: Seitdem die amanzii GmbH besteht, haben sich Oliver Kuklok, Julia Ringel und ihre Kollegen fast nur mit dem Thema Corona beschäftigt. Auch die Online-Portale fürs Impfen und Testen in der Wetterau geht auf die Entwcklung dieses Start-ups zurück. © Nicole Merz

Kur vor Corona gründete sich in Bad Nauheim das IT-Start-up amanzii für die Gesundheitsbranche. Zuerst wurde ein Impf- und Testportal entwickelt, jetzt hofft die Firma auf den großen Wurf.

Im Gesundheitswesen werden Milliarden umgesetzt, es ist eine der größten Wirtschaftssparten Deutschlands. Vor diesem Hintergrund entschied sich die Bad Nauheimer IT-Firma moXco, die amanzii GmbH als eigenständiges Unternehmen für diese Branche auszugründen. Unter der Regie von Geschäftsführer Oliver Kuklok legte das Start-up im Januar 2020 los - und stand sofort vor einer unerwarteten Herausforderung.

»Ohne große Vorbereitungen mussten wir uns mit dem Thema Corona und den besonderen Anforderungen beschäftigen, die damit verbunden sind«, sagt Kuklok. Die vier Mitarbeiter, die alle Erfahrungen in der Gesundheitsbranche haben und auf 120 IT-Spezialisten der Mutterfirma moXco zugreifen können, machten sich Gedanken über eine passendes Anmeldemanagement für Tests und Impfungen. Erste Testverfahren waren im Frühjahr 2020 bereits auf dem Markt, an der Entwicklung von Impfsera wurde fieberhaft gearbeitet. »Im April rief mich der Leiter des Wetterauer Gesundheitsamtes, Dr. Reinhold Merbs, an. Daraus entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit«, erzählt der 53-jährige Geschäftsführer.

Wenige Sekunden bis zum Termin

Zu Beginn der Test- und Impfoffensive gab es viel Unzufriedenheit bei den Bürgern. »Vieles musste manuell erledigt werden, und jede Behörde machte ihr eigenes Ding«, blickt Kuklok zurück. Im Herbst 2020 gelang der Durchbruch. Für die Arztpraxen, die in der Wetterau allein für die Terminvereinbarung im zentralen Testzentrum zuständig sind, stellte amanzii eine digitale Anmeldeplattform vor. »Die Bedien-Oberfläche ist einfach gestaltet, es sind nur wenige Klicks notwendig. Die Komplexität des Programms versteckt sich dahinter«, erläutert die gelernte Physiotherapeutin Julia Ringel, die bei dem Start-up den Bereich »Kunden und Produkte« leitet.

Sie demonstriert den Vorgang am Laptop: In wenigen Sekunden können Arzthelferinnen für den Patienten den passenden Termin buchen. Das Programm ist heute in fast allen Praxen des Kreises im Einsatz. Ähnlich aufgebaut ist das amanzii-Anmeldeportal fürs Impfen. Damit arbeitete zunächst nur das Gesundheitsamt, das die Terminvergabe an den Patienten regelte. Parallel konnten Bürger über das Portal des Landes einen Impftermin buchen. Seit dem Ende der Priorisierung nach Altersgruppen, Risikogruppen oder systemrelevanten Berufen wurde das amanzii-Programm für alle Nutzer freigegeben.

Iin der Frühphase der Pandemie-Bekämpfung hatte Kuklok für eine zentrale, möglichst bundesweit einheitliche Anmelde-Website geworben. »Wir hatten Kontakt mit dem Bundesgesundheitsministerium, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem hessischen Sozialministerium. Alle haben sich gegen eine große Lösung ausgesprochen«, berichtet Kuklok. In Hessen habe jeder Landkreis sein eigenes System implantiert, um Impfen und Testen zu organisieren.

Manche Vorgaben der Politik mussten auf kommunaler Ebene kurzzeitig umgesetzt werden. Nach Aussage des Geschäftsführers legten Software-Experten einige Nachtschichten ein. »Ein Kollege stellte ein Programm fertig, während er im Wehenraum der Klinik saß, wo seine Frau ein Kind erwartete. Sie war erst mal nicht gut auf unsere Firma zu sprechen«, erzählt der 53-Jährige lachend.

Bedeutung von Corona nimmt ab

Inzwischen hat sich die Corona-Bekämpfung eingespielt. Die Zeiten, in denen vieles schief lief und auf etlichen organisatorischen Ebenen ganz außergewöhnlicher Einsatz erforderlich war, enden. Laut Kuklok nimmt die Bedeutung von Corona auch für die Arbeit des Start-ups langsam ab.

Mit den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre möchte die Firma ein weit ehrgeizigeres Projekt starten: Eine Bediener-Plattform, mit der fast alle Akteure der Gesundheitsbranche verknüpft werden sollen. »Corona hat den Blick auf die Möglichkeiten der Digitalisierung gelenkt. Der Umstellungsprozess darf nicht von oben nach unten laufen. Wir wollen die Bedürfnisse der Patienten in den Vordergrund stellen und alle Player des Gesundheitswesens zum Mitmachen bewegen«, erklärt Julia Ringel das Fernziel des Unternehmens.

Klingt utopisch, müssten dafür doch neben vielen kommunalen und privaten Unternehmen auch Behörden, Politik und Krankenkassen an einem Strang ziehen. Ringel: »Da ist tatsächlich eine Menge Mut gefragt.«

Bestellen und Termine buchen

In Zeiten der Digitalisierung ist technisch einiges möglich. Das beweist aktuell der Onlinehandel, der immer mehr Marktanteile erobert. Mit wenigen Klicks wird ein Einkauf erledigt, für den alternativ der Besuch mehrerer Fachgeschäfte notwendig gewesen wäre. Eine ähnliche Entwicklung schwebt der Bad Nauheimer amanzii GmbH für die Gesundheitsbranche vor. Das IT-Unternehmen möchte eine Plattform entwickeln, die möglichst viele Anbieter und Kunden des Gesundheitswesens verknüpft.

Oliver Kuklok, Geschäftsführer des Start-ups, skizziert an einem Beispiel, wohin die Reise gehen könnte. Ein Schlaganfall-Patient muss nach dem Klinikaufenthalt vieles regeln: Reha, Nachsorge-Termine beim Facharzt, Kauf eines Rollstuhls, Arzneimittel-Bestellung, Physiotherapie, Training in einer Sportgruppe und beim Logopäden. »Auf unserer Plattform werden alle notwendigen Angebote in der Region auf einer Landkarte dargestellt. Der Patient kann sich informieren, bestellen und Termine buchen.« Laut Kuklok käme eine solche Plattform den jüngeren Generationen entgegen, die es gewohnt seien, alles mit Smartphone oder Laptop in möglichst kurzer Zeit zu regeln.

Ziel: Alles aus einer Hand

Julia Ringel, bei amanzii für Kunden und Produkte zuständig, setzt auf eine Digitalisierung des Gesundheitswesens, die von unten nach oben verlaufe. »Die Branche hat eine sehr verfestigte Struktur, die aber aufgebrochen werden kann, wenn alle den Blick auf die Ansprüche des Patienten richten«, sagt sie. Oft stünden bei der Entwicklung von Programmen interne Interessen im Fokus, der Kunde gerate aus dem Blick. Die Plattform, für deren Entwicklung das Start-up mit Fördergeldern kalkuliert, ist laut Ringel technisch machbar und könne beliebig erweitert werden. Selbst die direkte Abrechnung mit den Krankenkassen sei denkbar. Wie bei den Anmelde-Websites für Tests und Impfungen setzt die Firma auf eine bedienerfreundliche Oberfläche mit wenigen Elementen.

»Diese Entwicklung ist für uns mit einem großen wirtschaftlichen Risiko verbunden«, sagt Kuklok. Das Unternehmen, das bisher in Mittelhessen, im Raum Nürnberg und Braunschweig aktiv ist, setzt auf viele Gespräche mit zentralen Kliniken, Krankenkassen-Verbänden, Kassenärztlichen Vereinigungen oder Unternehmensverbänden. Bereits Mitte dieses Jahres soll die Plattform online gehen. »Ziel ist es, alle Angebote auf dem Gesundheitsmarkt aus einer Hand zu bekommen. Das Ganze wäre ein völlig neues IT-Produkt«, sagt der Geschäftsführer.

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