Peter Riehl bevorzugt die Tasche zum Austragen, seine Frau Gudrun dagegen den Wagen. "Ich habe auch mehr Zeitungen zu stecken", sagt sie.
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Peter Riehl bevorzugt die Tasche zum Austragen, seine Frau Gudrun dagegen den Wagen. »Ich habe auch mehr Zeitungen zu stecken«, sagt sie.

Jubiläum

Bad Nauheimer Ehepaar trägt seit 35 Jahren die Wetterauer Zeitung aus

  • VonLarissa Wolf
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Ob Wind, Regen oder Schnee - für Gudrun und Peter Riehl spielt das keine Rolle. Die beiden Zusteller tragen seit 35 Jahren die Wetterauer Zeitung in Bad Nauheim aus.

Die Kundin sagt, sie habe ihre Zeitung nicht bekommen«, ruft Peter Riehl seiner Frau zu, das Telefon in der Hand. »Das kann nicht sein«, sagt Gudrun Riehl, »ich habe sie wie immer unter der Tür durchgeschoben.« So einen Anruf bekommen Riehls häufiger, wenn mal eine Zeitung fehlt. Denn sie tragen seit Oktober 1986 die Wetterauer Zeitung aus.

Als Peter Riehl sich vor 35 Jahren in der Versicherungsbranche selbstständig machte, begann Gudrun Riehl mit dem Austragen von Zeitungen. Die gelernte Schuhfachverkäuferin suchte damals nach einer Nebeneinkunft. »Mein Vater hat auch Zeitungen ausgetragen. Er brauchte die Bewegung für seine Gesundheit«, sagt die 59-Jährige. »Wenn man diesen Job macht, ist Bewegung ein Muss. Das hat mir gefallen.«

Ihr Mann schloss sich ihr bald an, arbeitete jahrelang nebenher als Springer. »Ich war in allen Stadtteilen Bad Nauheims unterwegs. Wenn ich Vertretung gemacht habe, musste ich mit der Taschenlampe die richtigen Häuser suchen«, sagt der 62-Jährige und lacht. Heute stellen er und seine Frau noch in drei Bezirken die Zeitung zu, darunter die Bad Nauheimer Altstadt.

Den morgendlichen Ablauf haben Riehls nach 35 Jahren optimiert. Sechsmal die Woche klingelt um kurz nach 3 Uhr der Wecker. »Zuerst schaue ich nach der Temperatur und dem Wetter«, sagt Gudrun Riehl. »Danach ziehen wir uns dementsprechend an, packen die Zeitungen ein, die vor dem Haus liegen, und dann geht es los.« Ein Stück fahren die beiden mit dem Auto, vor allem im Höhenweg gehe das nicht anders. »Dann setze ich sie ab, mache meinen Bezirk und hole sie dann wieder ab. Unser Timing ist mittlerweile fast perfekt«, sagt Peter Riehl. Unter dem Motto »Arbeitsteilung und Teamwork« entstünden so keine unnötigen Wege. Gegen 5.30 Uhr kehren beide von ihrer Tour zurück. »Dann wird erstmal die Zeitung gelesen.«

Bad Nauheimer Zusteller-Paar deckt Zeitungsdiebstähle auf

Nur zweimal in 35 Jahren haben Riehls die Zeitung aufgrund der Wetterlage nicht zustellen können. Sonst sei das Wetter kein Problem. »Wenn Schnee liegt oder es Bindfäden regnet, kommen die Jogger nicht raus, die man sonst jeden Morgen sieht. Wir gehen raus bei Wind und Wetter«, sagt Gudrun Riehl. Sie genieße die Dunkelheit und die Stille morgens sehr. »Um diese Zeit hat man die Stadt für sich allein. Das liebe ich so.«

Das frühe Aufstehen und das manchmal raue Wetter macht den beiden nichts aus. »Es ist Natur pur. Wir sehen Sternschnuppen, Füchse, Igel. Rehe und ganze Waschbärfamilien in Bäumen. Wer kann das von sich behaupten?«, sagt Peter Riehl und fügt hinzu: »Das Vogelgezwitscher im Frühling ist mit am schönsten.«

Aber auch skurrile Dinge passieren, wenn man so früh morgens unterwegs ist. »Ein gehbehinderter Kunde hat sich einmal ausgesperrt. Also bin ich durch das Fenster eingestiegen und habe ihm die Tür von innen geöffnet«, erzählt Peter Riehl. Seine Frau sei einmal beschuldigt worden, Hosen von der Wäscheleine eines Kunden geklaut zu haben. »Das war wirklich krass, aber das hat sich zum Glück aufgeklärt«, sagt Gudrun Riehl und lacht darüber. Auch den ein oder anderen Zeitungsdieb haben die beiden bereits gestellt. »Die Montags- und die Samstagsausgaben sind da sehr beliebt«, erklärt Gudrun Riehl. »Wir wissen mittlerweile, wo das besonders oft vorkommt und stecken die Zeitung schon anders.«

Bad Nauheimer Zusteller-Paar hat die Welt zu Fuß umrundet

Nach so langer Zeit kennen Riehls die Leser gut und erfüllen auch gerne Sonderwünsche. »Wer nett fragt, bekommt auch seine Zeitung ans Fenster gebracht oder unter der Tür durchgeschoben«, sagt Gudrun Riehl. Da laufe man schon mal den ein oder anderen Schritt mehr. »Ich gehe etwa fünf Kilometer jeden Morgen, mein Mann dreieinhalb.« Über 40 000 Kilometer haben die Riehls in 35 Jahren schon zurückgelegt und sind damit quasi einmal um die Welt gelaufen. »Mich würde interessieren, wie viele Tonnen Papier wir schon durch die Gegend geschleppt haben«, sagt Peter Riehl und lacht. »Zeitungen austragen ist wie Jogging mit Gewichten. Da ist das Fitnessstudio nichts dagegen.« Wenn es die Gesundheit zulässt, wollen die beiden die 40 Jahre vollmachen. »Wir würden wirklich gerne die Rubin-Hochzeit mit der WZ feiern«, sagt Gudrun Riehl.

Und sonntags? »Sonntags schlafe ich aus, meistens so bis um sieben. Länger geht nicht«, sagt Peter Riehl. Seine Frau hat keinen freien Tag - sie trägt zusätzlich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aus. »Und wenn sie dann heimkommt, frühstücken wir schön.«

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