Ein Schmuckstück ist die alte Zahnfabrik in der Bad Nauheimer Frankfurter Straße wahrlich nicht. Ein Investor möchte auf dem Gelände 54 Eigentumswohnungen in drei Gebäuden schaffen.
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Ein Schmuckstück ist die alte Zahnfabrik in der Bad Nauheimer Frankfurter Straße wahrlich nicht. Ein Investor möchte auf dem Gelände 54 Eigentumswohnungen in drei Gebäuden schaffen.

Wohnungsbau

Wohnungsmarkt in Bad Nauheim: Viele kritische Fragen zu Zahnfabrik-Plänen

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Abreißen, neu bauen - fertig. So einfach dürfte es auf dem Zahnfabrik-Gelände in Bad Nauheim nicht werden. Im Ortsbeirat wurden viele kritische Fragen zum Wohnungsbau-Projekt gestellt.

Bad Nauheim - Der Bedarf an hochpreisigen Eigentumswohnungen in Bad Nauheim ist immer noch nicht gedeckt. Gerade entstehen etliche Einheiten im Neubaugebiet Bad Nauheim Süd, konkrete Formen nehmen Pläne an, im Gewerbegebiet Am Taubenbaum und auf dem Zahnfabrik-Gelände in der Frankfurter Straße zahlreiche Angebote für zahlungskräftiges Klientel zu schaffen.

Gefühlt liegt die Zahnfabrik dank direkter Anbindung an den Kurpark mitten in der Kernstadt. Tatsächlich gehört das Areal zu Nieder-Mörlen, weshalb sich der dortige Ortsbeirat am Mittwochabend als erstes politisches Gremium mit dem Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan »Ehemalige Zahnfabrik« befasste.

Wie deutlich wurde, teilen die lokalen Politiker die Ansicht des Magistrats, wonach die Immobilie aktuell »einen schwerwiegenden städtebaulichen Missstand« darstellt. Der frühere Besitzer hatte lange Jahre Kaufangebote abgelehnt und sich 2017 im WZ-Gespräch gegen die Schaffung von Wohnraum ausgesprochen. Im vergangenen Jahr erfolgte dann doch der Verkauf.

Gegen eine Wohnbebauung hat in Politikerkreisen niemand etwas einzuwenden, zumal der Investor für 15 Prozent der Wohnfläche 700 Euro pro Quadratmeter an die Stadt zahlt. Dadurch kommen 546 000 Euro zusammen, die von der städtischen Wohnungsbau-Gesellschaft in bezahlbaren Wohnraum investiert werden sollen.

Der Ortsbeirat votierte geschlossen für den Aufstellungsbeschluss. Die Am Nauheimer Bach GmbH des Investors Isa Utay (Großostheim) will 54 Wohnungen in drei Gebäuden samt Tiefgarage schaffen. Geprägt wird das Ensemble durch einen großen Riegelbau entlang der Frankfurter Straße, der vier Etagen (plus Staffelgeschoss) erhält.

Zahnfabrik Bad Nauheim: Weinhandel und Gastronomie bleiben

Die Höhe dieses neuen Gebäudes entspreche dem Altbau, sagte Tobias Brandt (Bauleitplanung) bei der Vorstellung einiger Planungsdetails. Diese Geschosszahl passe sich dem Bestand in der Frankfurter Straße an, während im westlichen Teil des 4800 Quadratmeter großen Grundstücks (Richtung Am Nauheimer Bach) zwei kleine Bauwerke mit je zwei Etagen (plus Staffelgeschoss) erlaubt seien.

Der Norden des Areals wird in den B-Plan aufgenommen, soll aber laut Brandt unverändert bleiben. Dort existiert ein Gebäude mit Weinhandel und Gastronomie. »Die Eigentümer wollen den Bestand sichern, derzeit aber keinen Wohnungsbau«, sagte der Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Notwendig sei möglicherweise eine Änderung des Flächennutzungsplans, um aus einem Misch- ein reines Wohngebiet zu machen. Mit einem Baubeginn rechnet Brandt im Lauf des kommenden Jahres.

Mit kritischen Fragen meldete sich vor allem Johannes Krautwurst (SPD) zu Wort, ein direkter Anlieger des Geländes. »Jedes Gebäude ist dort asbestverseucht, vom Keller bis zum Dach. Deshalb muss beim Abriss genau auf den Schutz von Mitarbeitern und Anwohnern geachtet werden«, sagte Krautwurst. Ortsvorsteher Matthias Lüder-Weckler (UWG) sprach eine Belastung des Bodens mit Schadstoffen an. Der SPD-Vertreter befürchtet zudem eine Rückkehr des Hochwasserproblems in der Straße Am Nauheimer Bach. Dort wurden vor dem Bau eines Pumpwerks häufig Keller geflutet, weil der Regenwasserkanal überlastet war. Krautwurst: »Der Bau einer Zisterne auf dem Zahnfabrik-Gelände ist unbedingt notwendig. Sonst könnte das Pumpwerk bei starken Regenfällen überfordert sein.«

Zahnfabrik Bad Nauheim: Rückstau auf Frankfurter Straße?

Zwei andere Aspekte erwähnten die Stadtverordneten Fokke Fokken (CDU) und Markus Philipp (UWG), die beide nicht dem Ortsbeirat angehören. Philipp befürchtet Rückstaus auf der Frankfurter Straße, weil noch mehr Linksabbieger, die aus Richtung Kernstadt kommen, in eine Tiefgarage einfahren möchten. Nur wenige Meter weiter, in der My-Park-Wohnanlage, gebe es ebenfalls eine Tiefgarage, aber keine Linksabbiegerspur.

Fokken wollte etwas über Bonität und Ruf des Investors wissen. »Ist dessen Seriosität geprüft worden? Eine GmbH mit einem Eigenkapital von 25 000 Euro klingt nicht sehr vertrauenswürdig.« Laut Brandt handelt es sich um einen »soliden Partner«, der ähnliche Projekte in anderen Städten realisiert habe.

Der Ortsbeirat ergänzte die Beschlussvorlage um die Themen Asbestbelastung, Zisternenbau, Verkehrsgutachten sowie Verlegung des Fußwegs auf dem Gelände. Die Beratungen über das Neubauprojekt werden nach den Ferien im Bauausschuss und Stadtparlament fortgesetzt.

Die Historie

Die Zahnfabrik war einst ein blühendes Unternehmen in Bad Nauheim. Die Gründung erfolgte 1911 durch den Kurstadt-Zahnarzt Dr. Josef Hoddes. 16 Jahre später erfolgte der Umzug der Firma in das 1906 als Wohnhaus errichtete Gebäude in der Frankfurter Straße. Wie alle jüdischen Mediziner in Bad Nauheim wurde Hoddes von den Nazis verfolgt und diskriminiert. 1939 wurde der Unternehmensgründer gezwungen, die Zahnfabrik unter Wert zu verkaufen. Nach 1945 erhielt er seine Firma allerdings zurück. Unter Hoddes Schwiegersohn Adolf Schönleber erlebte die Zahnfabrik einen neuen Aufschwung, beschäftigte weltweit bis zu 450 Mitarbeiter.

Mitte der 80er Jahre wurde die Zahnfabrik an die Hamburger Beteiligungs- und Treuhand GmbH verkauft. Heute beschäftigt die Firma in Bad Nauheim nur noch etwa zehn Mitarbeiter, die den Rohstoff für Zahnersatz liefern. Produziert wird auf den Philippinen und in Kolumbien. In dem großen Gebäude haben sich noch andere Firmen eingemietet, außerdem unterhält Geschäftsführer Torsten Griess-Nega, der die Immobilie kürzlich veräußert hat, dort seit 2017 Büros, in denen er seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Honorarkonsul der Philippinnen nachgeht.

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