Die Microbox-Mitarbeiter Denis Wenzel (h.) und Gernot Gajarszky nehmen den feuerroten Musterbus unter die Lupe. Die Firma wird ihre Dienstleistungen nun nicht nur für feste Bibliothekseinrichtungen anbieten, sondern auch für die rollenden Bücherwelten.
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Die Microbox-Mitarbeiter Denis Wenzel (h.) und Gernot Gajarszky nehmen den feuerroten Musterbus unter die Lupe. Die Firma wird ihre Dienstleistungen nun nicht nur für feste Bibliothekseinrichtungen anbieten, sondern auch für die rollenden Bücherwelten.

Lokale Wirtschaft

Weltunternehmen aus Bad Nauheim liefert besonderen Bus nach Saudi-Arabien

  • VonHanna von Prosch
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Microbox aus Bad Nauheim ist ein Weltunternehmen, seine Technik kommt bei der Digitalisierung von Büchern und Archivalien zum Einsatz. Nun geht es um Bibliotheksbusse für Saudi-Arabien.

Bad Nauheim – Was macht der große rote, namen- und fensterlose Bus hier?« Das fragten sich die Firmen- und Wohnnachbarn vergangenen Mittwoch zur frühen Morgenstunde. Auf dem Parkplatz der Bad Nauheimer Firma Microbox warteten gespannt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zückten ihre Smart- phones fürs Foto. Des Rätsels Lösung: Ein Muster-Bibliotheksbus war angerollt, denn Microbox wird solche Busse bald in Bad Nauheim für ihre Kunden individuell projektieren.

Das Weltunternehmen ist buchaffin: Kameras, Scanner, Reprosysteme und Software zur Digitalisierung von Büchern und Archivalien sind sein Spezialgebiet. Jetzt baut die Firma ihren Dienstleistungsbereich aus und bietet ihren teilweise recht exotischen Kunden das komplette Projektmanagement für Bibliotheksbusse an. »Wir haben viel mit Büchern und historischen Dokumenten zu tun. Und wir haben anspruchsvolle Kunden. Da liegt es nahe, dass wir das Geschäftsfeld in diese Richtung erweitern«, sagt Stephan Welp, Geschäftsführer der Microbox GmbH.

Bad Nauheimer Unternehmen hat Kunden von Dubai bis Dänemark

Das Architekturarchiv und das Zeitungsarchiv in Irland, das Justizministerium Usbekistans, Bibliotheken in Dubai, Polen und Dänemark, das Senckenberg-Museum, das Hessische Hauptstaatsarchiv oder die Ludwig-Maximilians-Universität München sind langjährige Geschäftspartner. Für sie sind beim Scannen ihrer Archivbestände oder bei Reprosystemen für Forschung und Wissenschaft Individuallösungen wichtig - genauso wie bei einer rollenden Bibliothek.

Staunend stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor dem knallroten Bus der finnischen Firma Kiitokori, die Spezialfahrzeuge ausstattet: Mobile Kindergärten, Gefängnisbusse, rollende Arztpraxen und eben Bibliotheksbusse. Die Mitarbeiter lassen sich den leistungsstarken Motor zeigen und von den vielfältigen technischen Qualitäten überzeugen. Sie begutachten die Basisausstattung des Innenraums mit Leseecke, noch leeren Regalen für Zeitschriften und Bücher jeden Formats, mit Theke und Netzwerkanschluss. Jede Individuallösung ist machbar, auch Buch-Scanner aus Bad Nauheim können eingebaut werden.

Bad Nauheimer liefern Bücherbus nach Saudi-Arabien: Anderes Land, andere Vorschriften

Als Welp vom Preis von rund einer halben Million Euro spricht, kommt Staunen auf: »Es ist kein absenkbarer Niederflurbus und er ist innen sparsam möbliert. Die Werte kommen mit den Büchern und den Sonderausstattungen rein.« Die Busse sind Maßanfertigungen. Wenn ein Bus in Länder mit extrem hohen Temperaturen geht, muss er eine starke Kühlung haben. Die Fahrzeuge verfügen über besondere Brandschutzvorrichtungen und Spezialverglasung. Vorschriften müssen länderspezifisch bedacht werden. Mitunter sind verschiedene Kraftstoffarten zu berücksichtigen. »Wir sind praktisch Generalunternehmer. Wir koordinieren für die Kunden das gesamte Projekt und wickeln es ab#, vom Einkauf, über die Wunschausstattung bis zur Einhaltung der jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen«, erklärt Welp. Und weil er auch die Ansprüche und den Kulturkreis seiner Auftraggeber kennt, weiß er: »Ein Bus, der in Polen fährt, wird ganz anders aussehen, als der für das saudische Kulturministerium. Da sind dicke Ledersessel drin, weniger Bücher, Glitzer und viel Schnickschnack.«

Die zunächst drei geplanten Busse für Saudi-Arabien werden für Microbox erst der Anfang sein. »Wir erwarten vor allem Interesse aus Osteuropa. Die Menschen dort sind sehr kulturaffin und wollen auch außerhalb der Metropolen gut versorgt sein«, blickt Welp zuversichtlich in die Zukunft. Schließlich ist er stolz darauf, mit seinen Produkten und Dienstleistungen einen Beitrag zu Erhalt und Erschließung von Kulturgütern leisten zu können. Jetzt auch mit der rollenden Bibliothek.

Aufwendige Buchprojekte aus Bad Nauheim

Die Firma Microbox GmbH wurde 1958 von Dr. Ulrich Welp gegründet und hatte ihren Firmensitz in Schwalheim. Sie entwickelte sich schnell zum führenden deutschen Hersteller und Anbieter von Kamerasystemen für Großformatverfilmung. Die ersten Kameras wurden im Vermessungs- und Katasterwesen eingesetzt. 1975 begann Microbox mit computergesteuerten Prozessorkameras die Verfilmung von technischen Dokumentationen. 1984/85 stieg Stephan Welp in die Firma des Vaters ein. Seit 2020 ist mit Sohn Tim die dritte Generation im Unternehmen tätig. Seit 2012 heißt der Firmensitz Hohe Straße 4 - 6. Im Jahre 1994 begann bei Microbox das digitale Zeitalter.

Das Unternehmen ist auf zum Teil außergewöhnlich wertvolle und aufwendige Buchprojekte aus nationalem Erbe spezialisiert. So wurde 2006 mit der britischen Nationalbibliothek und dem Nationalarchiv Schweden der erste Buchscanner entwickelt. Mit der Marke »book2net« setzt Microbox neue Maßstäbe für Digitalkameras in Scan-Systemen von A3 bis A0-Großformat. Es werden spezielle Archivscanner konzipiert sowie Museumsscanner, die besonderen konservatorischen Anforderungen genügen. Das Team aus 57 Mitarbeitern bringt Produkte und Serviceleistungen in zwölf verschiedenen Sprachen zu den Kunden.

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