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Nacht der offenen Tür: Ein Einbrecher verschafft sich Zutritt zu einer Wohnung. Angeblich verwenden professionelle Täter dabei Werkzeuge wie »Sputnik« oder Schlagschlüssel, die keine äußeren Spuren hinterlassen.

Polizei ermittelt nicht

Bad Nauheimerin behauptet: Bei mir haben Einbrecher gehaust – aber die Polizei glaubt ihr nicht

Die Bad Nauheimerin ist verunsichert. Einbrecher haben sich bei ihr häuslich niedergelassen - davon war die Rentnerin überzeugt, als sie von einer Kur zurückkehrte. Die Polizei glaubt ihr nicht.

  • Ein mysteriöser Fall aus Bad Nauheim belastet eine Rentnerin schwer – die Polizei will ihr aber nicht helfen.
  • Die Frau ist sicher: In ihrer Wohnung wurde eingebrochen, die Beamten sehen dafür keine Anhaltspunkte.
  • Ein „Einbruch ohne Spuren“ in Bad Nauheim? Die Ermittler warnen vor Internetmythen.

Bad Nauheim – Mathilde Samer (Name geändert, d. Red.) lebt seit Jahren in Bad Nauheim. Vor kurzem hat die Rentnerin eine neue Wohnung in Bahnhofsnähe erworben. Das kleine Refugium reicht der alleinstehenden Dame völlig aus. Im Gespräch mit der WZ macht sie weder einen verwirrten noch einen allzu ängstlichen Eindruck. Nur Unsicherheit ist spürbar, denn sie weiß ihre Wahrnehmungen selbst nicht ganz einzuordnen.

Alles beginnt mit einer mehrwöchigen Reha-Kur Ende vergangenen Jahres Als Mathilde Samer nach Bad Nauheim zurückkehrt, präsentiert sich ihre Wohnung scheinbar unverändert. »Es sah alles aus wie immer«, sagt die Rentnerin. Dieser Eindruck ändert sich bald. In den Schränken fehlen Eier, Müsli und Kaffee. Mathilde Samer ist sich sicher: Vor ihrer Abreise waren Vorräte da. Weiteres Indiz ist die verschmutzte Toilette, die sie garantiert nicht so hinterlassen hat. »Es müssen Einbrecher gewesen sein, die sich hier regelrecht niedergelassen und gefrühstückt haben«, ist die Rentnerin überzeugt. Es fehlt nur ein Wertgegenstand: die lange Perlenkette.

Einbruch oder Einbildung? Bad Nauheimerin macht sich auf Spurensuche

Einbruchspuren gibt es nicht, was die Sache noch mysteriöser macht. Über den Balkon können die Eindringlinge nicht gekommen sein, denn die Wohnung liegt in einer oberen Etage. Mathilde Samer beginnt an sich selbst zu zweifeln. Bildet sie sich alles nur ein? Doch nach der Recherche im Internet ist sie zuversichtlicher. Dort gibt es Einträge zum Thema »Einbruch ohne Spuren«. Es wird auf Werkzeuge wie »Sputnik« oder Schlagschlüssel verwiesen, dank derer Ganoven keine äußere Spuren an Schloss oder Tür hinterlassen. Zehn Prozent aller Einbrüche würden mit solchen Werkzeugen begangen, wird behauptet.

Obwohl ihre Tür ein Sicherheitsschloss hat, glaubt die Rentnerin wieder fest an Einbruch. »Ich lasse den Schlüssel manchmal irgendwo liegen. Vielleicht wurde er nachgemacht«, lautet eine weitere Hypothese. Sie wendet sich an die Polizei. Eine Streife schaut vorbei, »zeigt aber kein großes Interesse«, wie Mathilde Samer berichtet. Ein Blick in die Wohnung und aufs Schloss - und die Beamten hätten sich verabschiedet. Die Bitte, den Schließzylinder auszubauen und zu untersuchen, hätten die Polizisten abgelehnt.

Bad Nauheimerin fühlt sich von der Polizei nicht ernst genommen

Die Rentnerin meldet sich noch mal telefonisch bei der Polizei, wird von Friedberg nach Bad Nauheim verwiesen - und zurück. »Ich fühle mich nicht ernst genommen«, schildert sie ihre Eindrücke. Ein Gesprächspartner habe ihr geraten, sich nicht aufzuregen, ein anderer habe von offenbar geistig verwirrten Frauen erzählt, die über verschwundene Gegenstände klagten.

Mathilde Samer ist enttäuscht von der Polizei, hätte mehr Engagement erwartet, um die Sache eindeutig zu klären. Sie glaubt weiter an den Einbruch ohne Spuren. »Ich möchte keine Panik verbreiten, sondern informieren, welche Möglichkeiten Täter heutzutage haben.«

Einbruch in Bad Nauheim? – Polizei: Spuren gibt es immer

Die Polizei in Friedberg geht nicht ins Detail. Trotzdem sind die Aussagen von Pressesprecher Tobias Kremp eindeutig. »Sollten sich für unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Straftat ergeben, wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. In dem von Ihnen geschilderten Sachverhalt war dies nicht der Fall.« Die Dienststelle erhalte nur wenige Mitteilungen über Einbrüche, bei denen sich keinerlei Hinweise ergäben. Dabei könnten bestimmte Erkrankungen der Bewohner eine Rolle spielen.

Kremp empfiehlt, Internet-Meldungen nicht als bare Münze zu nehmen. »Für den Laien mag es so erscheinen, einen Einbruch ohne Spuren gibt es jedoch nicht. In der Regel finden sich an jedem Tatort Spuren, seien es mechanische, chemische, digitale oder sonstige. Unsere Aufgabe als Polizei ist es, diese Spuren zu finden.« Auf eine genauere Beschreibung der Untersuchungsmethoden verzichtet der Pressesprecher aus »ermittlungstaktischen und polizeirechtlichen Gründen«. Der Einsatz von »Sputnik« oder Schlagschlüssel sei eine sehr seltene Variante des Einbruchs, die in der Wetterau in sehr geringem Umfang beobachtet werde.

Jeder vermeintliche Tatort wird laut Kremp genau in Augenschein genommen. Im Fall vom Mathilde Samer sah die Polizei keinen Anlass, aufwendigere Untersuchungsmethoden anzuwenden.

Mysteriöser Fall aus Bad Nauheim: Von »Sputnik« und Schlagschlüssel

Wer im Internet zu »Einbruch ohne Spuren« recherchiert, stößt vor allem auf zwei Begriffe: »Sputnik« und Schlagschlüssel. Nur für einfache Schließzylinder ist der Schlagschlüssel geeignet, der auf den ersten Blick nicht von einem normalen Schlüssel zu unterscheiden ist. Für jede Art einfacher Schließzylinder gibt es eine passenden Schlagschlüssel. Bei seinem Einsatz zeigen sich keine äußeren Spuren, nimmt ein Fachmann den Zylinder auseinander, lassen sich im Innern allerdings Kratzer entdecken.

Ausgefeilter ist die Technik von »Sputnik«. Nach Angaben von Schlüsseldiensten, die das Werkzeug ebenfalls verwenden, lässt sich damit jedes beliebige Zylinderschloss öffnen. Der »Sputnik« hat einen sehr schmalen Schlüsselbart. Er besitzt zudem feine Kanäle, durch die dünne Drähte geführt werden. Jeder Draht ist mit einem Hebel verbunden, womit sich jeder einzelne Stift des Schließzylinders bewegen lässt. »Sputnik« wird auch genutzt, um bei Bedarf einen Nachschlüssel anfertigen zu können.

Mieter oder Eigentümer von Wohnungen, bei denen solche Werkzeuge zum Einsatz kommen, können Schwierigkeiten mit der Versicherung bekommen. Wenn die Polizei nicht wegen eines Einbruchs ermittelt, kann die Tat vom Betroffenen nicht eindeutig nachgewiesen werden.

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