bk_polizei2_110321_4c
+
Christof Stark (r.), Leiter des Polizeipostens Friedberg, sitzt selten am Steuer, doch seit Anfang März zeigen deutlich mehr Streifenwagen in Bad Nauheim Präsenz. Bei Kontrollen oft dabei ist Schutzmann vor Ort, Bernd Büthe.

Erfolg für BI

Bad Nauheim: Schwieriger Kampf gegen Auto-Poser – Zieht die Zermürbungstaktik?

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
    schließen

Es gibt getunte Boliden und besonders PS-starke Autos - doch die Polizei will nicht von einer regelrechten Poserszene in Bad Nauheim sprechen. Trotzdem gehen Beamte jetzt gegen die Unsitte vor.

Bad Nauheim – Die Parkstraße in Bad Nauheim steht schon vom Namen her für Ruhe und Erholung. Wenn dort und in anderen Straßen in manchen Nächten quietschende Reifen oder aufheulende Motoren für Lärmbelästigung sorgen, wenn die zulässige Geschwindigkeit grob missachtet wird, ist die Toleranzschwelle der Anwohner bald überschritten. Sie gründen eine BI, fordern Polizei und Stadt unter dem Motto »Stop!Posing - Gegen Verkehrsterror in Bad Nauheim« zum Handeln auf. Eine Online-Petition der BI zu diesem Thema hat fast 300 Unterstützer.

Wie schätzt die Friedberger Polizei die Situation ein? Nach Aussage von Christof Stark, Leiter des Polizeipostens, spielt die Verkehrsüberwachung stets eine wichtige Rolle. Bis vor kurzem seien aus Bad Nauheim allerdings keine nennenswerten Beschwerden laut geworden. Erst die Aktivitäten der BI und die WZ-Berichterstattung hätten das Posing in den Fokus gerückt.

Stark und Bernd Büthe, Schutzmann vor Ort in der Kurstadt, raten zu einer nüchternen Betrachtungsweise. »So dramatisch, wie sie geschildert wurde, ist die Lage nicht«, betont Stark. Vor allem beim Vergleich mit Vorfällen in anderen Städten, wo sich Hunderte Fahrer PS-starker und getunter Autos versammelten. Auch Büthe, der oft bei nächtlichen Kontrollen dabei ist, hat keine »hohen Auffälligkeiten« festgestellt. Seiner Schilderung zufolge handelt es sich in der Kurstadt um eine heterogene Gruppe junger Leute. »Da gibt es welche ohne Auto, andere fahren alte Kisten. Nur wenige haben PS-starke oder getunte Autos«, beschreibt Büthe den Ist-Zustand.

Bad Nauheim: Verständnis für Beschwerden über Auto-Poser

Trotzdem nimmt die Polizei die Lärmbelastung der Anwohner ernst, hat für Beschwerden volles Verständnis. Stark: »Es reichen ein, zwei Fahrer, die nachts ihre Runden drehen, um für Schlaflosigkeit zu sorgen. Dann hat der Betroffene am Morgen einen dicken Hals.« Deshalb hat der Leiter des Friedberger Postens mit seinem Team Ende Februar ein Kontrollkonzept erarbeitet. »Die Örtlichkeiten in Bad Nauheim werden intensiver überwacht.« Details möchte Stark nicht nennen, um für Störenfriede einige Überraschungen bereithalten zu können.

Manche Bad Nauheimer haben die gestiegene Polizeipräsenz zu fortgeschrittener Stunde bereits bemerkt. Seit Anfang März sind deutlich mehr Streifenwagen unterwegs, per Laserpistole werden Geschwindigkeiten gemessen, Autos angehalten und kontrolliert. Dabei hat Büthe Erstaunliches festgestellt: »Wir haben keinen einzigen Pkw angetroffen, bei dem illegale Veränderungen vorgenommen wurden. Selbst beim Audi, bei dem ein Lärmpegel von 108 Dezibel gemessen wurde, ist alles ordnungsgemäß im Fahrzeugschein eingetragen. Das gilt auch für den 7er Golf mit neuer Auspuffanlage für 6000 Euro. Die ist unsagbar laut, aber legal.« Somit hat die Polizei keine Handhabe, diese getunten Fahrzeuge aus dem Verkehr zu ziehen. Bleibt eine Zermürbungstaktik.

Bad Nauheim: Bußgeld-Bescheide und Anzeigen gegen Auto-Poser

Die wird zum Beispiel am Parkdeck Schwalheimer Straßen angewandt, immer noch der zentrale Treffpunkt. Dort versperrt die Stadt nachts alle Rampen durch Rolltore, deshalb kommen die jungen Leute vor dem Parkdeck zusammen. Der Schutzmann vor Ort und seine Kollegen gehen dazu über, Bußgelder für nicht ordnungsgemäß abgestellte Autos zu verteilen oder wegen Missachtung der Corona-Regeln. Das soll nerven und der Gruppe den Spaß vermiesen. Auf aggressives Verhalten der Poser oder regelrechte Rennen in der Innenstadt - beides wird von der BI berichtet - hat die Polizei bisher keine konkreten Hinweise.

Zahlen, die Stark nennt, zeigen, wie sich die Polizei engagiert. So wurden seit Ende Februar bei Geschwindigkeitskontrollen per Laserpistole zwischen 19 und 22 Uhr 352 Fahrzeuge erfasst, aber nur 17 waren zu schnell unterwegs. Außerdem sprach die Polizei nach Kontrollen 63 Verwarnungen wegen verschiedener Verstöße aus. Größere Vergehen hatten neun Anzeigen zur Folge. Zudem gab es fünf Strafanzeigen, dabei ging es um Fahren ohne Führerschein, nicht zugelassene Autos sowie Drogen- oder Alkoholeinfluss am Steuer.

Bei ihrem Versuch, die Poserszene zurückzudrängen, wollen Polizei und Stadt auch auf das »Mannheimer Modell« zurückgreifen. Ein schwieriges und langwieriges Unterfangen, das in der süddeutschen Großstadt aber zum Erfolg geführt hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare