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Vor wenigen Wochen ist das Mariabildchen vollkommen zerstört worden. Zudem hat jemand versucht, das darüber zur Mahnung angebrachte »Auge Gottes« herunterzureißen.

Entsetzen im Wald

„Ich habe bitter geweint“: Bekanntes Marienbild in Bad Nauheim zerstört

  • vonHanna von Prosch
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Vielleicht 100 Jahre oder länger hing das „Mariabildchen“ an der alten Eiche nahe der Nieder-Mörler Eichberghütte. Menschen fanden an dem Ort Trost und Hoffnung. Bis vor rund drei Wochen.

Bad Nauheim – »Ich habe bitter geweint. Es war meine Ikone. Es war ein heiliger Ort«, sagt sie. Wir nennen sie Lucia, denn das, was die Bad Nauheimer Spaziergängerin erzählt, ist für sie so intim, dass sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Als sie vor mehr als zehn Jahren nach Bad Nauheim zog, entdeckte die Frau bei ihren weiten Spaziergängen das Marienbild, das sie Ikone nennt - wenige Meter im Wald zwischen den Nieder-Mörler Streuobstwiesen und der Rundfahrt. Es war schon eingewachsen in den dicken Eichenstamm, war geschmückt mit kleinen Gaben, Blumen, Bildchen.

Marienbild in Bad Nauheim: Vor drei Jahren der erste Schock

Der Ort hatte für Lucia, die eigentlich nicht tief gläubig ist, sofort eine besondere Ausstrahlung. Das spürte auch die Freundin, die sie dorthin mitnahm. Sie freuten sich daran, dass es offensichtlich auch anderen so erging, denn mal war ein Hochzeitsschmuck niedergelegt, mal ein gebundener Kranz, Kerzen oder kleine Skulpturen. Ihr wurde bewusst, der Ort war wichtig für die Hoffnungslosen, die hier Kraft und Glauben wiederfanden. Vor drei Jahren dann der erste Schock: Die liebevoll abgelegten Dinge lagen zertrümmert herum oder waren in der Nähe weggeworfen worden. Das Glas über dem Bild war kaputt, dem Jesuskind waren die Augen ausgestochen worden. Lucia hat heute noch mit den Emotionen zu kämpfen, wenn sie darüber spricht: »Ich bin auch Mutter mit einem Kind. Ich war entsetzt.«

Marienbild in Bad Nauheim: Ins „Auge Gottes“ gestochen

Ein ewig währender Kampf begann. Ohne einander zu kennen, bauten sie und andere Hoffnungsuchende immer wieder alles auf. Doch beim nächsten Besuch fanden sie es erneut zertreten und verwüstet vor. Freunde rieten Lucia dazu, aufzugeben, es sei zwecklos. Aber sie sagte, sie müsse etwas gegen diese Boshaftigkeit tun. Noch vor Weihnachten brachte sie gemeinsam mit Freunden ein Schild mit der Bitte an: »Zerstört nicht, was anderen heilig ist.« Und weit oben drüber ein mit dicker Folie geschütztes »Auge Gottes« mit der Inschrift: »Gott sieht alles«. Aber dann dies: Das Glas herausgeschnitten, das Bild bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt, mit einem Stock in das »Auge Gottes« gestochen. »Jetzt ist eine Grenze überschritten«, sagt Lucia resigniert und traurig. Natürlich fragte sie sich, wer so etwas macht. Sie kam zu dem Schluss, dass es vielleicht jemand getan hatte, der eine großen Hass habe auf Gläubige, die christliche Religion, jemand, der enttäuscht worden war, der sehr unzufrieden sei und auch anderen nichts gönnen wolle. »Die Wege sind tagsüber belebt. Es kann nur nachts geschehen sein, ganz gezielt«, sagt Lucia.

Zu der alten Eiche kann sie jetzt nicht gehen. Für sie ist etwas gestorben - und das tut ihr weh. Aber sie will mit der Geschichte aufrütteln. Weil es eine von vielen sei, wie sie sagt: »Man könnte schreiben über zerschlagene Scheiben, zerschlitzte Sitze, angezündete Mülleimer und mehr. Die Täter sind jung und alt, reich und arm, doch sie alle werden von einer inneren Wut und Respektlosigkeit getrieben, gegenüber anderen und damit gegenüber den Werten unserer Gesellschaft. Und wir, die Umstehenden, wir schauen einfach weg, denn es betrifft uns meistens nicht persönlich - bis es uns betrifft.« Man könne zwar ein neues Bild anbringen, aber es sei nicht mehr das, was es war, resümiert Lucia. »Es war nur ein Gegenstand. Das Gute dahinter kann man nicht zerstören.«

Marienbild in Bad Nauheim: Ort der Volksfrömmigkeit

Viele Nieder-Mörler wissen wahrscheinlich noch gar nichts von der Tat. Sie kennen aber das Mariabildchen seit Generationen. So wie Winfried Philipp. Der 88-Jährige erinnert sich an die drei Flurprozessionen in jedem Mai, an denen er schon als junger Messdiener teilgenommen hat und die zu dem Bild der Mutter Gottes mit dem Kind im Arm geführt haben. An der alten Eiche wurde gebetet, Dank und Bitten wurden ausgesprochen. Eine Betbank zeugt noch davon. Eine Frau aus der katholischen Kirchengemeinde weiß, dass ihr Opa, Peter Zimmer, den Rahmen mit dem Dach geschnitzt hat. »Auch als es keine Prozessionen mehr gab, kamen viele Frauen hierher, legten Gaben ab und beteten«, erzählt Philipp. Wo das Bild ursprünglich gehangen hat, weiß man nicht sicher. Manche sagen, es war an einem anderen Baum, der durch Blitzschlag zerstört wurde. Andere meinen, es sei aus Dank angebracht worden, weil ein Blitzeinschlag in einen nahe gelegenen Baum ein Leben verschont haben soll. Wie alt das Mariabildchen ist, weiß man auch nicht genau. Aus Philipps Erinnerung hängt es schon ewig dort.

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