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Bad Nauheim: Lehrjahre am Bahnhof - Horst Schulz erinnert sich

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Von: Hanna von Prosch

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Dort hinten ist das Stellwerk gewesen. Hier, am Ende des Bahnsteigs, wo Horst Schulz steht, haben auch die Postler die Schienen zu Gleis zwei überquert, um die Postsäcke entgegenzunehmen. Das ist nicht ungefährlich gewesen. © Hanna von Prosch

Die Geschichte vom und um den Bahnhof weckt in Bad Nauheim viel Interesse. Erinnerungen werden wach, so auch beim Wisselsheimer Horst Schulz, der ab 1957 bei der Bahn gelernt hat.

Geh zur Bahn, da hast du einen sicheren Arbeitsplatz«, riet der Vater dem damals 14-jährigen Horst Schulz. Am 1. April 1957 fing der dann als Jungwerker an, wie man die Bahnlehrlinge nannte. Zehn waren sie während der dreijährigen Lehrzeit. Zu manchen hat der Wisselsheimer lange Kontakt gehalten, obwohl Schulz eineinhalb Jahre nach Ende der Lehre zur Post gewechselt war.

»Bahnhofsvorsteher war zu dieser Zeit Herr Weber, sein Stellvertreter Herr Ziemer«, erinnert sich der 79-jährige Schulz. Namen hat er sich behalten, viele von den 100 Beschäftigten im Bad Nauheimer Bahnhof in den Fünfzigern. Es gab allein 18 Gepäckträger, darunter die Namen Klee, Langsdorf, Kranz, Scheingraber und die Brüder Pfeffer. Zugaufsichtsbeamte waren die Männer mit der roten Mütze und der Kelle, die den Zug mit ihrer Trillerpfeife auf dem Bahnsteig abfertigten. Drei Stellwerke waren im Zwei- und Dreischichtbetrieb besetzt.

Bad Nauheimer Bahnhof: Weichen geschmiert und Koks geschippt

Die Bahnhofsarbeiter Semrau und Püschel schmierten die Weichen an den Schienen und sorgten für dafür, dass es im Bahnhof warm war. »Wir Lehrlinge schaufelten den Koks aus den Kohlewagen in die Schütte zum Heizungskeller. Wenn wir schnell waren, hatten wir früher Feierabend«, erzählt Schulz. In der Ausbildung kamen die Lehrlinge auch zur sogenannten Rotte, den Gleisarbeitern, die mit einem Pickel die Schottersteine zwischen die Schwellen schoben. Weil der Horst aber klein und schmächtig war, musste er bei der schweißtreibenden Arbeit nicht helfen, sondern brachte den Männern Trinkwasser. Im Bahnhofsgebäude fegten zwei Putzfrauen jeden Tag die Halle mit Besen und Sägespänen, denen ein Ölgemisch zugefügt war, so dass der Boden blitzblank aussah.

Noch heute lacht Schulz über diese Geschichte: »Alle vier Wochen wurden ich und Wolfgang Holaschke aus Rockenberg nach Oppershofen geschickt, Sägespäne zu holen. Die Butzbach-Licher-Eisenbahn fuhr alle zwei, drei Stunden. Da hatten wir genug Zeit, um zwischendurch Fußball zu spielen und Brotzeit bei Wolfgangs Eltern zu machen. Gesagt hat damals niemand etwas, wenn wir einen Zug später zurückkamen.«

Bad Nauheimer Bahnhof: Horst Schulz war Zugbegleiter-Lehrling

Als Zugbegleiter-Lehrling fuhr er zwischen Frankfurt und Hagen noch mit der Dampflok hin und her. Eine Stunde dauerte die Fahrt von Bad Nauheim nach Frankfurt. »Das war dann doch was anderes, wenn der ›Roland‹ auf der Nord-Süd-Strecke mit einer Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern durch den Bahnhof brauste«, erzählt er noch heute staunend.

Besonders angetan war er von der Aufgabe des Fahrladeschaffners. Der nahm Stückgut auf den Zug, gab es aus und überwachte die Papiere. Als Schulz nach der Lehre noch einige Zeit auf dem Güterbahnhof in Frankfurt arbeitete, rangierten die Loks auf großen Drehscheiben, wie man sie heute nur noch bei Modellbahnen kennt. »Beim Laden von Stückgut ging es um Tonnen. Je mehr wir abfertigten, desto mehr Zuverdienst hatten wir. Die Waggons bekamen wir per Nummer zugeteilt. Pech, wenn nur Korbmöbel zu laden waren«, zuckt Schulz die Schultern. In Bad Nauheim habe er mal ein Riesenpaket mit einem Tretauto in die Schweiz verladen, Absender: Vico Torriani. Der Sänger habe damals ein Engagement in der Melodie-Bar in der Ludwigstraße 13 gehabt.

Bad Nauheimer Bahnhof: Schulz kehrt als Postler zurück

Zum Gepäckwaggon gehörte auch der Postwagen. Während des kurzen Aufenthalts im Bahnhof wurden die Postsäcke herausgeworfen und den örtlichen Postlern übergeben. Jahre später kehrte Schulz als einer dieser Postler in den Bahnhof zurück.

Info: Die Gepäckträger waren gefragt

Da es noch kaum Autos gab, fuhren viele Dauer-Fahrgäste mit dem Rad zum Bahnhof, 200 täglich, schätzt Schulz. Sie bekamen am nördlichen Bahnsteig eine Marke mit Nummer, das Fahrrad wurde abgestellt, und sie bekamen es bei ihrer Rückkehr bei Abgabe der Marke zurück. Bis weit in die 60er Jahre waren die Gepäckträger gefragte Leute. »Hallo, Gepäckträger«, klang es auf dem Bahnsteig nach Ankunft des Zuges. Die waren sofort zur Stelle und trugen gegen ein Trinkgeld die Koffer vom Bahnsteig die Treppen hinunter. Oft fuhren sie das Gepäck auch gleich mit ihren Lastenfahrrädern in die Hotels. Sehr zum Ärger der Taxis, die ein Koffergeld von 50 Pfennig erhoben und so eben nur die Personen beförderten. An einen der drei Stückgutspediteure erinnert sich Horst Schulz noch gut: »Das war der Herr Metzger, der hatte zwei Pferde und seine Station an der Burgpforte. Später war er mit der Kutsche unterwegs. Mein Vater fuhr zeitweise auch Taxi und sogar Elvis nach Frankfurt«, erwähnt Schulz fast nebenbei: »Aber es hatte keine Bedeutung für ihn, er mochte seine Musik nicht.«

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