bk_steh5-B_183442_4c_1
+
Die Parkstraße eignet sich als Rennstrecke, vor allem nachts, wenn kaum Verkehr herrscht. Doch das Rasen ist nur ein Problem, inzwischen häufen sich Vandalismus, Schlägereien und massive Lärmbelästigung.

Politik alarmiert

Chaoten in Bad Nauheim: Randale-Tourismus aus Rhein-Main? „Es ist eine Katastrophe“

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
    schließen

Beschauliches Bad Nauheim - das war einmal. Die Kurstadt ist zum Anziehungspunkt für Randalierer aus der Region geworden. Die Rathaus-Spitze zeichnet ein schonungsloses Bild der Sicherheitslage.

Bad Nauheim – Im Sommer 2020 trat das Problem von Posern und Rasern in der Parkstraße und an anderen Stellen Bad Nauheims richtig zutage. Bis zum März handelte es sich um eine kleine Gruppe, die mit röhrenden Motoren, lauter Musik und rasantem Fahren Anwohner verärgerte und für die Gründung einer Bürgerinitiative sorgte. Doch in den letzten Wochen ist ein Wandel eingetreten.

Wie Erster Stadtrat Peter Krank am Dienstagabend im Kernstadt-Ortsbeirat erklärte, kämen immer mehr junge Leute aus dem Rhein-Main-Gebiet in die Stadt, um bis spät in die Nacht zu feiern und zu randalieren. Vandalismus, Böllerschüsse, Schlägereien, Rasen und Beleidigung von Polizisten - so stellte sich die Lage am vergangenen langen Wochenende dar. Die Ausschreitungen begannen in der Parkstraße am Mittwochabend.

Auswärtige sorgen für Krawalle in Bad Nauheim

Die Politik ist alarmiert. Magistrat und Ortsbeirat haben sich am Dienstag mit dem Thema befasst, heute (19.30 Uhr, Frauenwaldhalle) berät das Parlament einen Eilantrag. Die Rathausspitze lieferte im Ortsbeirat eine schonungslose Bestandsaufnahme. Erster Stadtrat Peter Krank: »Es ist eine Katastrophe. Durch diese Ereignisse wird das Ansehen der Gesundheitsstadt ausgesprochen beschädigt.« Bad Nauheim sei ein Stück weit in Gefahr, die Kontrolle drohe zu entgleiten.

Die Randale-Szene, die zum Bad-Nauheim-Besuch aufrufe, lebe von Aufmerksamkeit. Die bekomme sie durch BI-Aktivitäten und breite Medienberichterstattung. »Ganz klar: Im April, als Radio FFH berichtete, ging hier richtig die Post ab«, betonte Krank. Ein wichtiger Faktor als Organisator der Treffen sei die gut vernetzte Gruppe »Cars of Hessen«. Die Szene werde sich möglicherweise verfestigen. »Davor habe ich Angst«, so Krank. Für Krawalle seien in allererster Linie Auswärtige verantwortlich.

Kreß: Bad Nauheim ist Poser-Kommune Nummer eins

Die Geschehnisse dürften nicht schöngeredet werden, die Stadt hätte vielleicht mehr tun können, sagte Bürgermeister Klaus Kreß. »Mit Freizeitaktivitäten und Corona-Frust hat das nichts zu tun. Hier werden Straftaten begangen.« In den sogenannten sozialen Medien werde die Stimmung weiter angeheizt. »Bad Nauheim wird Poser-Kommune Nummer eins. Die Botschaft: Mehr Spaß kannst du nirgends haben, da hauen wir richtig auf die Kacke. Unsere Stadt ist hochattraktiv für Störer, Idioten und Randalierer«, unterstrich der Rathauschef.

Die Polizei habe kaum eine Chance. Kreß beschrieb eine typische Szene. Vier Beamte sprechen eine Menge alkoholisierter junger Leute an. Die Polizisten werden auf übelste Weise beschimpft und richten nichts aus. Der Bürgermeister zeigt gewisses Verständnis für Anwohner-Reaktionen. »Leute werden aggressiv, weil sie keinen Schlaf finden.« Trotzdem seien Flaschenwürfe oder Paintball-Waffen-Einsatz ebenfalls Straftaten. Den jungen Tätern passiere nichts. Manche Bürger meinten deshalb, sich selbst schützen zu müssen.

BI übt harte Kritik und wirft Stadt Bad Nauheim „Versagen“ vor

Kreß und Krank kündigten rigoroses Vorgehen gegen Krawallmacher an - erstmals am Pfingstwochenende. Einzelheiten wurden aus polizeitaktischen Erwägungen nicht genannt. Laut Kreß kommen alle Möglichkeiten auf den Tisch. »Wir gehen in die juristische Grauzone, es darf kein Tabu mehr geben. Die“.«

Diese Ankündigung erfreute Sven Diederichs von der BI »Stop!Posing - Gegen Verkehrsterror in Bad Nauheim«. Er übte harte Kritik an den Verantwortlichen - vom »Versagen der Stadt« und einer »Chronik der Versäumnisse« war die Rede. Diederichs bescheinigte Krank, die Situation lange verharmlost zu haben. »Warum löschen wir erst das Haus, wenn schon der Dachstuhl brennt?«, fragte der BI-Sprecher. Jetzt werde es lange dauern, die Poserszene und ihre Begleiterscheinungen zu verdrängen.

Diederichs forderte den Ersten Stadtrat zum Rücktritt auf - er äußerte damit seine persönliche Ansicht. Diese Aussage wurde von den meisten Politikern zurückgewiesen. Nur Grünen-Stadtverordnete Maria El Haidag zeigte gewisses Verständnis. »Die Stadt hat zu wenig gemacht, sonst würde es BI und Berichterstattung nicht geben.«

Kurz nach Sitzungsende kam es zu einem Vorfall, der zur Debatte passte. Ein Auto raste an der Trinkkuranlage vorbei durch die Kurstraße. »Der hatte 100 bis 120 km/h drauf«, berichtete Ortsvorsteher Kurt Linkenbach.

Böller und Schlägereien stören Anwohner in Bad Nauheim

Die sinkende Corona-Inzidenz und der Wegfall der Ausgangssperre spielen den Krawallmachern in die Karten. Von Mittwochabend bis Samstagnacht tummelten sich zu später Stunde jeweils zwischen 80 und 150 junge Leute in der Parkstraße, um zu feiern, Anwohner zu provozieren und ihrer Aggressivität freien Lauf zu lassen. So berichtet es ein Anlieger, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Zwar wird von Posern und anderen Autofahrern immer noch mit bis zu 100 oder mehr km/h durch die Tempo-30-Straße gerast, das ist nach Aussage von Anwohnern aber nicht mehr das Hauptproblem. »Große Böller, die extrem laut sind, werden gezündet und in Richtung Häuser geworfen. Wir haben in der Nacht zum Donnerstag gegen 1.30 Uhr senkrecht im Bett gestanden«, sagt der Augen- und Ohrenzeuge. Erst gegen 2 Uhr habe der Lärm geendet, mit dem die Anwohner vom Schlafen abgehalten werden sollten.

Ähnliches erzählt Grünen-Stadtverordnete Maria El Haidag, die mit ihrer Familie auch in der Parkstraße lebt. An ihrer Haustür sei ständig geklingelt worden, Böllerschläge seien ertönt. »Unser kleines Kind kam nicht zum Schlafen.« Von der Polizei ist sie enttäuscht. Eine Stunde nach ihrem Anruf in Friedberg sei noch keine Reaktion erfolgt.

Dabei war die Polizei nach Angaben des Anwohners öfters vor Ort, er habe in den Nächten allerdings höchstens drei Streifenwagen beobachtet, die gleichzeitig im Einsatz gewesen seien. Zudem seien die Randalierer gut organisiert und bereits informiert, bevor die Polizei in der Parkstraße eintreffe. Dann zögen sich viele in den nahen Park zurück. Wenn die Polizei weiterfahre, dauere es höchstens fünf Minuten bis zur Rückkehr der jungen Leute.

Randale vor einem Bad Nauheimer Restaurant

Erlebt hat der Mann auch eine Schlägerei, die sich in der Nacht zum Sonntag vor dem Kaufhaus Weyrauch ereignete. Etwa 20 Personen hätten sich beteiligt, Flaschen seien geflogen. In diesem Fall hätten Polizeibeamte die Lage beruhigt. »Dieses Wochenende war der negative Höhepunkt in diesem Jahr«, sagt der Anlieger.

In der unteren Parkstraße schlugen die Krawallmacher ebenfalls zu. Eine Gruppe von 30 bis 40 Leuten - die meisten alkoholisiert - tummelte sich am späten Samstagabend vor dem italienischen Restaurant »Da Davide«. Dort stießen sie Tische um, ließen Müll zurück und demolierten mit Fußtritten ein Behältnis, in dem der Betreiber Gasflaschen aufbewahrt. Der Gastronom wollte gerade zuschließen, als die Randale begann.

Er alarmierte die Polizei, zwei Beamte erschienen. »Sie wurden verspottet und beleidigt«, berichtet der Wirt. Das Team von »Da Davide« wandte sich nach den Vorfällen per Facebook an die jungen Leute. Darin werden sie zur Rücksichtnahme aufgefordert. »Passt auf euch auf und denkt bitte mal darüber nach. Die Gastronomie hat genug gelitten«, heißt es in dem Post. Zu Vandalismus kam es auch in der Trinkkuranlage, wo Stühle durch die Luft flogen.

Die Polizei hat die Medien nicht über die Vorfälle informiert. Laut Pressesprecher Tobias Kremp soll den Tätern nicht noch mehr Aufmerksamkeit verschafft werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare