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Abriss der Bad Nauheimer Zahnfabrik beginnt – Ein Stück Stadtgeschichte endet

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Von: Bernd Klühs

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Schweres Gerät zum Abriss der Gebäudehülle wird Rafael Jantos vermutlich erst ab März einsetzen. Erste Arbeitsschritte werden die zeitaufwendige Entrümpelung und Entkernung sein.
Schweres Gerät zum Abriss der Gebäudehülle wird Rafael Jantos vermutlich erst ab März einsetzen. Erste Arbeitsschritte werden die zeitaufwendige Entrümpelung und Entkernung sein. © Nicole Merz

Mit der Zahnfabrik verschwindet ein Stück Bad Nauheimer Industriegeschichte, was manche Bürger vielleicht bedauern. Die Gebäude sollen Eigentumswohnungen weichen.

Bad Nauheim – Als Bauunternehmer Rafael Jantos die Gebäude der Bad Nauheimer Zahnfabrik in der Frankfurter Straße zum ersten Mal inspizierte, musste er sich doch sehr wundern. Es sieht so aus, als ob der Vorbesitzer und seine Mitarbeiter über Nacht die Flucht ergriffen hätten. »Sie haben alles stehen und liegen lassen«. sagt Jantos, der vom Käufer der Immobilie mit den Abrissarbeiten beauftragt worden ist.

Tatsächlich fallen beim Blick durch die Fenster nicht nur veraltete Maschinen zum Mischen der Keramikmasse für Zahnersatz und Brennöfen ins Auge, sondern auch alte Implantate, Preislisten, jede Menge Computerausdrucke und anderer Müll, der überall herumliegt. Selbst benutzte Kaffeetassen stehen noch auf den Tischen.

Das siebenköpfige Team von Jantos muss seit Montag zunächst einmal umfangreiche Entrümpelungsarbeiten erledigen. Ein Großteil des Abfalls könne recycelt werden, vor allem Metall lasse sich auch verkaufen. Mit der Entkernung der Innenräume wird anschließend der eigentliche Abriss beginnen. Nächster, sehr aufwendiger Schritt wird das Abräumen der undichten Eternitdächer sein. »Dabei müssen wir wegen des hohen Asbestanteils mit Schutzanzügen arbeiten«, erläutert Jantos.

Zahnfabrik-Abriss in Bad Nauheim: Weniger Schadstoffe als erwartet

Insgesamt sei der Schadstoffanteil in dem über hundert Jahre alten Hauptgebäude geringer als erwartet. Weil es sich eben nicht um eine »klassische Fabrik« gehandelt habe, sei beispielsweise der Boden nicht mit Ölrückständen verunreinigt. Neben Asbest müssen vor allem PCB-haltige Materialien zu Sondermülldeponien transportiert werden. Dazu kooperiert die Abrissfirma mit einem lokalen Entsorgungsunternehmen. Beim Bau der Zahnfabrik wurde sehr viel Holz verwendet, das mit schadstoffhaltigen Schutzmitteln belastet ist.

Erst wenn die Dächer entfernt sind, kommt ab März schweres Gerät zum Einsatz, um die Mauern einzureißen. Das wird ebenfalls seine Zeit dauern, denn der umbaute Raum hat immerhin eine Größenordnung von 10 000 Kubikmeter. Mit einer Belästigung der Anwohner rechnet Jantos auch in dieser Phase nicht. »Im Idealfall wird von Lärm und Staub kaum etwas zu spüren sein«, verspricht der Unternehmer den Nachbarn.

Etwa vier Monate sind für den Abriss insgesamt eingeplant. Der Investor, der anschließend Eigentumswohnungen errichten wird, muss dafür mit Kosten in Höhe eines mittleren sechsstelligen Euro-Betrags rechnen. Im Sommer will er mit dem Neubau starten, zwei Jahre später soll alles fertig sein.

Zahnfabrik in Bad Nauheim hat eine wechselvolle Geschichte

Die Zahnfabrik hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Das 1906 errichtete Gebäude wurde zunächst als Kneipe und Wohnhaus genutzt. Erst 1927 verlagerte der Bad Nauheimer Unternehmer Dr. Josef Hoddes seine elf Jahre zuvor gegründete Produktionsstätte für Zahnersatz in diese Immobilie. Weil er jüdischen Glaubens war, wurde Hoddes 1939 zum Verkauf der Fabrik gezwungen. Nach der Rückkehr aus dem Exil erreichte der Gründer eine Rückgabe der Firma, die in der Folgezeit unter Leitung seines Schwiegersohns Adolf Schönleber ihre Blütezeit erlebte. Zeitweise waren dort 450 Mitarbeiter beschäftigt.

Zuletzt wurde die Zahnfabrik von Torsten Griess-Nega geleitet. In Bad Nauheim war nur noch die Entwicklungsabteilung angesiedelt, produziert wurde im Ausland, vor allem auf den Philippinen. 2017 wurde Griess-Nega zum Honorarkonsul dieses Inselstaates ernannt. Die Büros des Konsulats waren ebenfalls im Fabrikgebäude untergebracht.

Große Pläne für ehemalige Bad Nauheimer Zahnfabrik: 54 Wohnungen in drei Gebäuden

Auf dem 7000 Quadratmeter großen Zahnfabrik-Grundstück in der Frankfurter Straße 70 wird ein Investor aus Aschaffenburg drei Gebäude mit bis zu fünf Stockwerken (vier Etagen plus Staffelgeschoss) hochziehen lassen. Es entstehen 54 Eigentumswohnungen, die notwendigen Stellplätze werden in einer Tiefgarage bereitgestellt.

Das Parlament hat die Voraussetzung für das Projekt mit dem Bebauungsplan »Ehemalige Zahnfabrik« geschaffen. Der Satzungsbeschluss wurde Ende November gefasst. Danach konnte der Grundstückseigentümer den Bauantrag stellen. Er wird der erste Investor sein, der die von der Politik beschlossene Abgabe zur Förderung bezahlbaren Wohnraums an die Stadt zahlt. 550 000 Euro werden fällig.

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