In Bad Nauheim kontrolliert die Polizei regelmäßig Autoposer. (Symbolbild)
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In Bad Nauheim kontrolliert die Polizei regelmäßig Autoposer. (Symbolbild)

Parkstraße

Autoposer in Bad Nauheim: Berichte über Selbstjustiz – Polizeistrategie wirkungslos?

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Die scharfen Polizeikontrollen gegen die Autoposer-Szene in Bad Nauheim scheinen nicht die gewünschte Wirkung zu erzielen. Immer mehr junge Leute treffen sich an Wochenenden in der Parkstraße.

Bad Nauheim – Was Michael Denz, Ralf Rogler und Sven Matheis (alle Namen geändert) zu erzählen haben, ist kaum zu glauben, deckt sich aber mit Informationen aus anderen Quellen. Die Konfrontation zwischen Autoposern und manchen Bewohnern der Bad Nauheimer Parkstraße scheint sich immer mehr zuzuspitzen.

»Wir werden in Sozialen Medien und verbal beschimpft und beleidigt. Passanten und Fahrzeuge werden aus Wohnungsfenstern mit faulen Eiern und leeren Flaschen beworfen«, berichtet Ralf Rogler. Bei Facebook habe ein Anlieger dazu aufgerufen, sich mit Paintball-Pistolen zu »bewaffnen«. Das hat offenbar Wirkung gezeigt, wie Michael Denz erzählt. »Mein Auto stand nur fünf Minuten unbeaufsichtigt in der Parkstraße. Schon war es mit Farbe verschmiert. Ich habe Anzeige erstattet.« Trotz der erhöhten Polizeipräsenz in Bad Nauheim schreiten manche genervte Bürger offenbar zur Selbstjustiz. Das Trio im Alter zwischen 18 und 20 Jahren möchte weder Namen noch Automarken nennen, weil es Übergriffe befürchtet.

Autoposer in Bad Nauheim: Tempo-30-Schild wird abgerissen

An den vergangenen Wochenenden haben sich laut Sven Matheis teilweise 200 bis 300 junge Leute in der Parkstraße getroffen. Wie die drei Männer schildern, komme es zu Autokorsos, Biertische würden aufgestellt, es werde Musik gehört und eine Wasserpfeife geraucht. Ein Tempo-30-Schild sei abgerissen worden. Und wenn die Polizei nicht präsent ist, kommt es nachts zu rasanten Fahrten.

Die jungen Leuten fühlten sich von Polizei, BI »Stop!Posing« und der Berichterstattung provoziert. Zudem würden nur junge Fahrer aufs Korn genommen, der ältere Herr, der seinen PS-starken Porsche 911 röhrend durch die Parkstraße steuere, habe nichts zu befürchten. Angeheizt werde die gereizte Stimmung auf beiden Seiten von den starren Corona-Regeln.

Die drei Freunde gehören zu einer Gruppe, die sich seit Jahren am oder auf dem Parkdeck in der Schwalheimer Straße trifft. Mit der Zeit seien Leute mit getunten Autos hinzugekommen. »Wir stellen Klapptische auf, reden, holen uns was zu essen, räumen den Müll weg. Es gab nie große Probleme«, sagt Ralf Rogler. An diesem zentralen Treffpunkt sei das Verhalten kontrollierbar gewesen. Jetzt versuchten Polizei und Stadt, die jungen Leute von dort zu verdrängen, die Szene weiche deshalb aus - vor allem in die Parkstraße, aber auch auf den P + R-Platz am Bahnhof oder ans Usa-Wellenbad.

Nennen wir ihn Sven Matheis. Er und sein Freunde sind Autofans, werden von Außenstehenden zur Poserszene gerechnet. Sie wollen anonym bleiben, erwähnen nicht mal die Marken ihrer Fahrzeuge, weil sie Übergriffe befürchten.

Michael Denz und seine Freunde sind bekennende Autofans. »Das begann bei mir in der Kita, noch heute sind Autos mein Hobby«, sagt er. Auch er hat seinen Wagen äußerlich und technisch verändert. Manche getunte Fahrzeuge hätten zulässige Auspuffanlagen, die Geräusche in einer Lautstärke von über 100 Dezibel verursachten. Das alles sei legal. Darauf legt das Trio ohnehin viel wert: Sie seien die Guten, verhielten sich gesetzestreu, setzten sich nicht alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss ans Steuer, akzeptierten die zulässige Geschwindigkeit. Für die Sorgen der Parkstraßen-Anwohner zeigen sie gewisses Verständnis. Michael Denz hat ein langes Gespräch mit einem Vertreter der BI »Stop!Posing« geführt.

Bad Nauheim: „Schwarze Schafe“ in der organisierten Gruppe „Cars of Hessen“?

Anders verhalte es sich mit einer in der Wetterau gegründeten Gruppe namens »Cars of Hessen«, deren Mitglieder an Autoaufklebern zu erkennen seien und fast täglich in Bad Nauheim auftauchten. Dort gebe es einige »schwarze Schafe«, die sich nicht an Regeln hielten und durch die Parkstraße rasten. Ralf Rogler zeigt ein Video, auf dem ein VW Golf mit extrem hoher Geschwindigkeit unterwegs ist.

Differenziert werde nicht, weder von der Polizei noch von Anwohnern. »In den letzten zwei Wochen wurde ich neunmal kontrolliert. Zuletzt bin ich laut geworden«, erzählt Ralf Rogler, der die 40-Stunden-Woche deutlich überschreitet, um sein Hobby finanzieren zu können. Besonders schmerzen ihn Beschimpfungen als »Versager«, die er auch zu hören bekomme.

Die aktuelle Polizeistrategie hält das Trio für wirkungslos. Bauten Ordnungshüter Kontrollstellen auf, sei das allen Autofans zwei bis drei Minuten später bekannt. Es existierten drei Whatsapp-Gruppen mit 900 Teilnehmern. »Die Polizei kann noch fünf Jahre so weitermachen - diese Verschwendung von Steuergeldern bringt gar nichts«, betont Michael Denz.

Autoposer-Szene in Bad Nauheim: Polizei hält an Konzept fest

Gelingt es der Polizei, die Autoposerszene weitgehend aus Bad Nauheim zu vertreiben? Für eine Antwort auf diese Frage sei es deutlich zu früh, erklärt Christof Stark, Dienststellenleiter der Polizeistation in Friedberg. Seit Anfang März ist die Polizeipräsenz in der Kurstadt deutlich erhöht, ständig wird kontrolliert. An dieser Vorgehensweise soll Stark zufolge festgehalten werden. »Es hat bereits zahlreiche Ahndungen von Verstößen gegeben, und es ist auch originärer Auftrag der Polizei- und Ordnungsbehörden, Verstöße zu verfolgen und Kontrollen mit Präventivwirkung vorzunehmen.« Wer wiederholt Ordnungswidrigkeiten begehe, dem drohe eine »verschärfte Sanktionierung«.

Wie der Erste Polizeihauptkommissar bestätigt, sei es an den vergangenen Wochenenden zu einem gewissen Zulauf junger Leute in die Parkstraße gekommen. Stark führt das auf die anhaltende Diskussion über das Thema - vornehmlich in den sozialen Medien - zurück. Dadurch werde das Interesse bestimmter Personengruppen verstärkt, sich das »Treiben« in Bad Nauheim einmal anzuschauen. Fehlende Freizeitangebote wegen Corona trügen sicher ebenfalls dazu bei. »Insofern wird unser Konzept fortlaufend der Lage angepasst und fortgesetzt«, sagt der Dienststellenleiter.

Die nächtliche Ausgangssperre ab 22 Uhr gibt Polizei und Ordnungsamt ein neues Werkzeug an die Hand, um gegen die Poserszene vorzugehen. Wer gegen die Ausgangsbeschränkung verstoße, müsse mit einem Platzverweis rechnen. Zusätzlich würden die Daten der Person an die Kreisverwaltung weitergegeben, die für eine Ahndung solcher Ordnungswidrigkeiten zuständig sei.

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