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Mit seinem optisch und technisch aufgemotzten Nissan Skyline wird Marco Dörr sofort zur Poserszene gezählt. Wie so oft täuscht der erste Eindruck.

Aufgemotzter Nissan

Autofreak aus Bad Nauheim unter Poser-Verdacht

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Er will doch nur basteln oder mit Freunden eine gemütliche Tour unternehmen. Doch seit in Bad Nauheim Poser aufgetaucht sind, stehen Marco Dörr und sein sportliches Auto plötzlich unter Verdacht.

Wer den Nissan Skyline R34 von Marco Dörr aus Bad Nauheim in Augenschein nimmt, zieht gleich eine Schublade auf: Der Besitzer rast gerne rum, lässt den Motor unnötig aufheulen, nimmt keine Rücksicht auf seine Mitmenschen. Dieses Vorurteil entsteht weniger durch das Auto selbst, eher durch die vielen Aufkleber. »Speedhunters« oder »Racecar« ist dort zu lesen, für eine Essen Motor Show wird geworben und als Krönung folgender Satz: »If one day speed kills me don’t cry because I was smiling.« Frei übersetzt: »Wenn die Geschwindigkeit mich eines Tages tötet, weine nicht, denn ich habe gelächelt.«

Ja, Marco Dörr ist bekennender Autofreak, hat sich schon als Kind eines Vaters, der Motorrad-Rennen fuhr, durch Filme wie die aus der Reihe »The Fast and the Furios« für schnelle Wagen begeistern lassen. »Ich liebe es, an Autos rumzubasteln oder den satten Sound zu hören«, sagt der 27-Jährige, der diese Leidenschaft mit Freunden teilt. Sein Nissan, Baujahr 1999, ist als Direktimport aus Japan etwas Besonderes. Nur dort wird der Skyline R34 hergestellt, deshalb ist er ein Rechtslenker.

Kindheitstraum ging in Erfüllung

Dörr hat den Wagen 2018 von einem deutschen Vorbesitzer erworben, von dem die meisten Aufkleber stammen. Für den 27-Jährigen ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Trotz des auffälligen Äußeren seines Fahrzeugs zählt sich der Bad Nauheimer nicht zur Poserszene. Das Protzen mit seinem Auto lehnt er ebenso ab wie zu schnelles Fahren, provozierendes Gehabe oder Lärmbelästigung durch unnötiges Beschleunigen.

Trotzdem wird dem 27-Jährige in jüngster Zeit mit Misstrauen begegnet. Begonnen hat alles mit der Gründung der Bürgerinitiative »Stop!Posing - Gegen Verkehrsterror in Bad Nauheim« und der WZ-Berichterstattung. Plötzlich wird er zum ersten Mal in seinem Fahrerleben kontrolliert, und das morgens um 9 Uhr. »Auf dem Eleonorenring wurde ich rausgewunken. Der Polizist hat das Auto gründlich untersucht, etwa Reifenabstand und Auspuffanlage. Alles wurde mit den Eintragungen im Fahrzeugschein abgeglichen.«

Der Halt dauerte länger, denn die Zusatzeinträge im Schein des Nissan sind ellenlang. Nicht serienmäßig sind etwa Spoiler und Auspuffanlage. Der Motor ist dagegen nicht getunt: 280 PS, 2,6 Liter, 6 Zylinder, Höchstgeschwindigkeit 180 km/h. Die letzte Zahl zeigt schon, dass es dem Besitzer nicht um atemberaubendes Tempo geht. »In Japan sind die Motoren gedrosselt, weil dort 180 km/h die zulässige Höchstgeschwindigkeit ist. In Deutschland dürfte ich die Drosselung rausnehmen, dann brächte der Wagen 270 km/h«, erläutert der 27-Jährige.

Böse Blicke und Kopfschütteln

Bei der Polizeikontrolle gab’s keine Beanstandungen, aber den Hinweis auf die Poserszene, die BI und Bürgerbeschwerden. Am selben Tag beim Einkaufen fühlte sich der Bad Nauheimer beobachtet, Leute warfen ihm böse Blicke zu oder nahmen den auffälligen Nissan mit Kopfschütteln zur Kenntnis. Ähnliche Reaktionen folgten, allerdings auch ein Lob. In Nieder-Mörlen, wo Marco Dörr öfter unterwegs ist, kam er mit einem Mann ins Gespräch. »Er wollte sich bedanken, weil ich immer so vorsichtig fahre und keinen unnützen Lärm mache.«

Sein merkwürdigstes Erlebnis hatte Dörr vor der BI-Gründung. Damals wollte er seinen Nissan, der in Bad Nauheim einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, in einem Karosseriebau-Betrieb reparieren lassen. Empfangen wurde er mit dem Satz: »Ach, der Verhasste in Bad Nauheim.« Wie ihm der Handwerker verdeutlichte, halte er nichts von »tätowierten Machos, die mit ihrem Auto etwas kompensieren wollen«. Der Betrieb verzichtete auf den Auftrag.

»Ich bin kein Heiliger. Mein Auto ist ziemlich laut, manchmal drehe ich die Musikanlage auf. Aber ich beachte alle Regeln, bin bisher nur zweimal geblitzt worden«, sagt der Nissan-Fahrer. Volles Verständnis hat er für Anlieger der Parkstraße und anderer Straßen Bad Nauheims, die sich über die Poserszene beschweren. Diese Gruppe von Fahrern hat Dörr kürzlich selbst erlebt. Gegen 22.30 Uhr begegnete er im Nissan einer Kolonne aufgemotzter Autos am Esso-Kreisel und in der Mittelstraße. »Dort hielt sich keiner an Tempo 30.« Dörr wurde mit Lichthupe empfangen, die Poser glaubten, einen der Ihren erkannt zu haben.

Auch sie waren einem Vorurteil aufgesessen.

Mehr Kontrollen und Online-Petition

Vor etwa zwei Monaten hat sich in Bad Nauheim die Bürgerinitiative »Stop!Posing - Gegen Verkehrsterror in Bad Nauheim« gegründet. Die Initiative ging von einigen Bürgern aus, die sich über nächtliche Lärmbelästigung, zu schnelles Fahren und aggressives Verhalten der Autoposerszene in verschiedenen Straßen der Innenstadt beschweren. Eine entsprechende Online-Petition wurde bislang von knapp 300 Bürgern unterzeichnet.

Die BI-Sprecher hatten zwei Gespräche mit Vertretern von Stadt und Polizei. Ende Februar entwickelte die Polizei ein Konzept, mit dem die Szene aus der Kurstadt vertrieben werden soll. Dazu gehören verstärkte Fahrzeug- und Geschwindigkeitskontrollen sowie die enge Auslegung der Straßenverkehrsordnung gegenüber dieser Gruppe.

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