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Ein Bild aus unbeschwerten Tagen, in denen die Pandemie gerade »pausierte«: Amelie Bey (18, vorne links) mit anderen Freiwilligen in Italien.

Freiwilligendienst

Auslandsjahr in Corona-Zeiten: Drei Bad Nauheimer Abiturienten erzählen

Ein Auslandjahr in Zeiten von Corona? Viele schrecken davor zurück. Nicht so Alessia Döring, Amelie Bey und Tim Dauernheim. Die drei 18 Jahre alten Wetterauer sind nach dem Abi nach Italien aufgebrochen, um ihren Freiwilligendienst zu leisten - der aufgrund der Pandemie in vielen Teilen anders abläuft als erwartet.

Ein Auslandsjahr zwischen Abitur und Studium ist eine wertvolle Erfahrung: Man lernt fremde Kulturen kennen, neue Sprachen, neue Freunde. Wie viel Flexibilität und Umdenken dabei aber gefragt sein würden, das hatten Alessia Döring, Amelie Bey und Tim Dauernheim nicht geahnt, als sie nach ihrem Abitur an der Bad Nauheimer St.-Lioba-Schule zum Freiwilligendienst aufgebrochen sind - mitten im Corona-Jahr 2020.

Heute, ziemlich genau sechs Monate später, sitzen die drei 18-Jährigen in Italien: Alessia in einem kleinen Dorf am Ätna, Amelie in einem Ort in der Nähe von Bari, und Tim lebt in Rom. Jeden Tag engagieren sie sich hier in sozialen Projekten, wenn auch anders als geplant. Alessia sollte für ihre Umweltorganisation ursprünglich in Schulen Umweltschutz lehren. »Das geht wegen Corona natürlich nicht«, bedauert die Schwalheimerin. Stattdessen treibt sie die Umweltbildung nun in den sozialen Medien voran.

Amelie geht es ähnlich: Ihre Steckenpferde sind Interkulturalität und Kommunikation, mit dem gleichnamigen Projekt wollte sie innereuropäische Austausche für Jugendliche organisieren und bewerben - dazu produziert sie nun Podcasts und arbeitet an einer eigenen Webseite. »Darauf sollen Kochrezepte von allen 19 Freiwilligen aus ganz Europa veröffentlicht werden«, sagt die Friedbergerin.

Nur bei Tim Dauernheim, der an der Deutschen Schule in Rom ist, hat sich im Beruflichen kaum etwas geändert: Hier fallen zwar Tag der offenen Tür, Faschingsveranstaltungen und Co. aus, nicht jedoch der Unterricht. Doch: Während sich der Reichelsheimer auf das Kennenlernen neuer Freunde gefreut hatte, wenn sich - wie bei seinen Vorgängern - rund 100 Gäste aus aller Welt im Wohnheim tummeln würden, hat die Pandemie diesen Wohngemeinschaften den Garaus gemacht. Und um 22 Uhr ist Ausgangssperre in Rom. Keine idealen Bedingungen zum Kennenlernen Gleichaltriger. Und auch ein anderer Baustein, der ein Auslandsjahr sonst so besonders macht, fällt weg: das Erkunden des Landes. Aufgrund der Reisebeschränkungen musste ein geplanter Besuch Tims im Süden abgesagt werden, Alessia musste sogar vertraglich zusichern, nicht nur auf Familienbesuche in der Heimat zu verzichten, sondern auch auf Ausflüge in die nahen Städte. Während Amelie zumindest über Weihnachten nach Hause durfte, hoffen Tims Eltern noch immer auf ein Wiedersehen in Rom.

Keiner dachte ans Absagen

Und obwohl sich schon vor ihrer Anreise im Spätsommer 2020 - also mitten in der Pandemie - abgezeichnet hatte, dass ihr Auslandsjahr teils beschwerlich werden könnte: An ein Absagen hat keiner der drei gedacht. »Ich habe mich schon 2019 beworben«, sagt Tim. Seine Bewerbungsgespräche hatten zu Beginn des ersten Lockdowns in Italien stattgefunden. Auch Alessia sagt: »Ich wollte von klein auf ins Ausland nach dem Abi. Als ich dann die Zusage für mein Traumprojekt bekommen habe, habe ich das einfach nur als Chance gesehen.«

In der Tat ist es diese Sicht auf die Einschränkungen, die alle drei eint. »Letztlich hat man doch immer zwei Möglichkeiten, darauf zu blicken«, bringt es Amelie auf den Punkt. »Ich kann traurig darüber sein, dass ich hier nicht so viel erleben darf wie geplant - oder mich freuen, dass ich im Vergleich zu meinen Freundinnen, die in Deutschland gerade auch nur online studieren, doch mehr erlebe. Die einfachen Dinge gewinnen an Bedeutung!«

Dabei lehrt sie das Auslandsjahr nicht nur sogenannte Soft Skills, sondern durchaus auch Fähigkeiten fürs spätere Berufsleben. »Ein Freiwilligendienst ist nicht nur Urlaub, nicht nur Arbeit«, fasst Amelie zusammen. Sie habe sich bei der Wahl ihrer Stelle »vom Gefühl leiten« lassen - und sei heute überrascht, wie viel sie gelernt habe: Social Media, Webseitengestaltung, all das kann beim späteren Beruf helfen. Bei Alessia war das ähnlich: Nach sechs Monaten »Arbeit mit Menschen« weiß sie heute, dass sie dies auch weiterhin tun will. »Ich studiere Psychologie, wenn ich zurückkomme.« Und für Tim hat sich der Wunsch bestätigt, Informatik zu studieren. Die Frage sei nur noch, wo.

So nehmen alle drei wertvolle Erfahrungen mit, wenn sie in sechs Monaten zurückreisen: eine neu erlernte Sprache, Klarheit für die Berufswahl, vor allem aber offene Augen im Umgang mit schweren Situationen. »Die Erfahrung, die wir hier gemacht haben, war zwar anders als erhofft«, sagt Tim - und Amelie ergänzt: »Aber trotzdem wunderschön!« Das sei auch wichtig für die, die sich gerade aufs Abi vorbereiten, meint Alessia. »Man meint zwar immer, es gibt wegen Corona nicht so viele Möglichkeiten - aber das stimmt nicht! Es gibt viele Chancen, auch für ein Auslandsjahr.«

FSJ, FÖJ und BFD

Sich für andere engagieren und »nebenbei« erste Berufserfahrungen sammeln: Das ist die Grundidee eines Freiwilligendienstes. Dabei gibt es verschiedene Arten. Die zwei bekanntesten, die auch im Ausland absolviert werden können, sind das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) unddas Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ). Bei beiden müssen Teilnehmer jünger als 27 Jahre sein und die Schulpflicht erfüllt haben. Für ältere Interessierte gibt es den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Infos zu FSJ und FÖJ sowie eine Auflistung von Organisationen, die den Aufenthalt im Ausland ermöglichen, auf www.jugendfreiwilligendienste.de.

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