Eva Fahidi hat 45 Jahre lang nicht über Auschwitz und die Zwangsarbeit im KZ Münchmühle gesprochen. Doch dann fand sie eine Annonce in einer Zeitung. Nun ist sie zum zweiten Mal in Bad Nauheim. Und spricht über ihre Vergangenheit.
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Eva Fahidi hat 45 Jahre lang nicht über Auschwitz und die Zwangsarbeit im KZ Münchmühle gesprochen. Doch dann fand sie eine Annonce in einer Zeitung. Nun ist sie zum zweiten Mal in Bad Nauheim. Und spricht über ihre Vergangenheit.

Überlebende berichtet

Sie hat Auschwitz überlebt: Eva Fahidi erzählt in Bad Nauheim

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Eva Fahidi verlor in Auschwitz ihre Eltern und ihre Schwester. Sie überlebte als einzige aus der Familie. Heute ist sie 94 Jahre alt. Sie ist auf Einladung der jüdischen Gemeinde zu Besuch in der Synagoge in Bad Nauheim.

Die Reise ist anstrengend. Am Donnerstag der Flug von Budapest nach Frankfurt. Am Freitag ein Besuch in einer Schule in Seligenstadt. "Wenn man alt wird, ist das nicht mehr so einfach", sagt Eva Fahidi. Dann lächelt sie. "Aber ich bilde mir ein, dass es einen Sinn hat, sonst würde ich es doch nicht tun."

Es ist Abend. Die 94-Jährige war den ganzen Tag unterwegs. Nun ist sie wieder in ihrer Unterkunft - dem Hotel "Brunnenhof" in Bad Nauheim. Sie ist nicht das erste Mal hier. Nach Deutschland reist sie regelmäßig. "Jetzt zum 13. Mal."

Mit 18 Jahren deportiert

Sie kommt, um ihre Geschichte zu erzählen. Wie sie, weil sie Jüdin ist, 1944 mit 18 Jahren in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden ist. Wie sie später, weil sie "ein rüstiges und strammes Mädchen" war, in ein Arbeitslager nach Stadtallendorf kam. Und wie sie 1945 dem Todesmarsch entkommen konnte.

Sie erzählt vor allem jungen Menschen davon. "Die Kinder sagen mir, sie verstehen es so besser als aus Büchern. Und ich möchte, dass sie erfahren, wie es gewesen ist." Eva Fahidi geht in Ungarn und in Deutschland regelmäßig in Schulen, beantwortet die Fragen der Schüler: Wie sie befreit worden ist, welche Arbeit sie verrichten musste.

45 Jahre lang sprach sie nicht darüber

"Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn ich nicht darüber sprechen könnte", sagt sie. Doch das war nicht immer so. Es hat lange gedauert, bis sie über den Holocaust reden konnte. Nach der Befreiung ist sie zurückgekehrt nach Ungarn. Alleine. Ihr Mutter und ihre elfjährige Schwester waren sofort nach der Ankunft in Auschwitz in der Gaskammer ermordet worden. Ihr Vater starb wenig später.

In ihrer Heimat Ungarn begann sie mit 19 ein neues Leben. Sie arbeitete, heiratete, bekam eine Tochter - und sprach 45 Jahre kein Wort über das Erlebte. "Nicht mit meinem Mann, nicht mit meiner Tochter." Und, sagt sie: "Ich wollte nie mehr nach Deutschland."

Nach 60 Jahren wieder in Auschwitz

1990 las sie eine Annonce. Der Magistrat von Stadtallendorf im Kreis Marburg-Biedenkopf hatte in ungarischen Zeitungen einen Aufruf veröffentlicht: Gesucht wurden die Frauen, die im KZ Münchmühle Zwangsarbeit in der Sprengstofffabrik verrichtet hatten. "Ich habe das mehrmals gelesen", erzählt sie. "Dann habe ich gesagt: ›Mensch, das bist doch du.‹" 65 war sie damals. Und sie reiste nach Deutschland.

"Es war fantastisch", sagt sie. Die Stadt hatte ein Buch mit Texten der Zeitzeugen herausgegeben. "Ich sollte daraus vorlesen, und ich war sehr stolz. Ich war es nicht gewohnt, dass Menschen dort sitzen und mir zuhören."

2004 fuhr sie zum ersten Mal nach 60 Jahren in das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz. "Doch ich habe nicht gefunden, was ich dort gelassen habe. Deswegen habe ich ein Buch geschrieben." Es trägt den Titel "Die Seele der Dinge". Auf dem Cover ist ein Bild von ihr, sie steht vor dem Torgebäude. Ihre Haare sind schon weiß. "Ich hatte diese dumme Einbildung, dass ich dorthin fahre und es so sein wird, wie es war. Aber in 60 Jahren verändert sich alles." Auschwitz war ein anderer Ort geworden. "Es gab dort keine Bäume, keinen Grashalm. Nach 60 Jahren waren dort schöne große Bäume und viel Gras." Als sie mit 18 Jahren ins Lager kam, "hat man viele Leichen, für die in den Krematorien kein Platz gewesen ist, bei offenem Feuer verbrannt. Das ist nicht zum Aushalten, das brennende Menschenfleisch, es stinkt so sehr."

Entschieden, nicht mehr zu hassen

Es gibt nicht mehr viele, die vom Holocaust berichten können. Zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung sagte Eva Fahidi in einer Rede, nun könne sie fast für alle sprechen, die noch leben: "Wir haben entschieden, nicht mehr zu hassen." Natürlich habe sie gehasst - "diese Menschen, vor denen man so große Angst haben muss. Die einem sagen: Du bist nichts, und ich kann mit Dir machen, was ich will." Doch die Jahren seien vergangen. "Und ich will dieses entsetzliche Gefühl, jemand anderen zu hassen, nicht mehr empfinden."

Mit dieser Botschaft macht sie sich immer wieder auf den Weg. "Ich habe es erlebt, was es bedeutet, wenn man dort steht und nichts hat. Nur das Leben hat man, und ich habe sehr gut verstanden, was das ist."

Sie hat ihr Leben lang getanzt. Mit 90 stand sie das erste Mal als Tänzerin auf der Bühne. "Strandflieder" heißt das Stück, mit dem die 94-Jährige noch immer auftritt. Etwa zur Zeit der Premiere hat sie Andor Andrasi kennengelernt. Die zwei sind 2015 auf Einladung der Lagergemeinschaft Auschwitz nach Bad Nauheim gekommen. "Damals noch in getrennten Zimmern." Auch heute begleitet er sie. Daher die Hotelauswahl; "hier hat unsere kleine romantische Geschichte begonnen."

Sie fahren nun gemeinsam zu den Orten, an denen sie spricht. Und in "mein Stadtallendorf", wie sie es manchmal nennt. "Es ist ein wunderbarer Ort geworden. All die Menschen dort, viele mit unterschiedlichen Nationalitäten, leben friedlich zusammen."

Wie sie beim Todesmarsch entkam

Nach sechs Wochen in Auschwitz-Birkenau kam Eva Fahidi als Zwangsarbeiterin in das Konzentrationslager Münchmühle in Stadtallendorf. Dort mussten von August 1944 bis Ende März 1945 1000 Mädchen und Frauen, hauptsächlich aus Ungarn, Zwangsarbeit verrichten. Eva Fahidi, damals 18 Jahre alt, arbeitete in der Sprengstofffabrik. Die Geschichte, wie sie freikam, hat sie schon oft erzählt.

"Am 28. März 1945 erreichte uns der Befehl, dass keine der Armeen, die kommen, Lager finden dürfen, die funktionieren." In ganz Deutschland begannen die Todesmärsche. Sie führten in der Regel in die Mitte des Landes. "Wir hatten aber einen SS-Führer, der etwas mehr Verstand und Verantwortungsgefühl hatte als der durchschnittliche SS-Mann. Er hatte drei Töchter. Und er hat daran gedacht, sein eigenes Fell zu retten." Die 1000 Frauen schickte er in die Richtung, aus der die Alliierten kamen, erzählt Eva Fahidi. "Wir sind eine Nacht marschiert, dann haben wir eine Scheune gefunden." Als es wieder dunkel wurde, sollte es weiter gehen. Doch, sagt die 94-Jährige lächelnd: "Mein Name ist Eva Fahidi. Fahidi heißt so etwas wie Holzbrücke. Nomen est omen." Die Frauen sollten in Fünferreihen über eine kleine hölzerne Brücke gehen, doch sie war zu eng. Eva Fahidi, die ganz hinten stand, beobachtete, wie der SS-Mann nach vorne ging, "um Ordnung zu schaffen". "Ich war müde, und ich habe mich ins Gras gesetzt. Alle Menschen sind weggegangen, aber ich habe noch immer dort gesessen. Das war etwas Wunderbares. 1000 Menschen machen Lärm, und ich habe gehört, wie sich dieser Lärm entfernte." Sie erzählt, dass sie große Angst hatte: "Was passiert morgen mit mir? Und was, wenn der SS-Mann zurückkommt? Er ist bis heute nicht zurückgekommen." Sie ging zurück in die Scheune, fand dort ein anderes Mädchen, und im Laufe der Nacht kamen weitere zurück. Schließlich, erzählt sie, waren sie eine Gruppe von 20 Mädchen - "ausgehungert, Stroh im Haar, in Fetzen gekleidet" -, die dort in der Scheune warteten. Worauf, wussten sie nicht. Wenig später kamen Panzer der Amerikaner. Die Soldaten nahmen die Mädchen mit, brachten sie in den nächsten Ort, Ziegenhain, und sorgten dafür, dass sie ein Bad und ein Bett bekamen. "Ein frisches Bett hat einen wunderbaren Duft."

Veranstaltungen mit Eva Fahidi im Umkreis

Eva Fahidi ist auf Einladung des Vereins Lagergemeinschaft Auschwitz nach Bad Nauheim gekommen. Sie wird noch bis kommendes Wochenende in Deutschland sein. Am heutigen Montag ist sie ab 19 Uhr zu Gast im Büdinger Heuson-Museum. Am Mittwoch spricht sie ab 12.15 Uhr in Gießen (Justus-Liebig-Universität, Hörsaal 1 - Philosophikum), am Donnerstag, 19 Uhr, in Marburg (Biegenstr. 15) und am Samstag, 16. November, im Museum der Stadt Butzbach (16 Uhr).

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