Der Lee Boulevard ist die einzige Straße in der ehemaligen amerikanischen Siedlung in Bad Nauheim, die ihren Namen behalten hat.
+
Der Lee Boulevard ist die einzige Straße in der ehemaligen amerikanischen Siedlung in Bad Nauheim, die ihren Namen behalten hat.

Umstrittener General

Aufregung wegen Lee Boulevard in Bad Nauheim: Es geht um den Namen

  • vonPetra Ihm-Fahle
    schließen

Sollte der Lee Boulevard umbenannt werden? Dieser Ansicht ist jedenfalls Roisin Russ aus Bad Nauheim, denn General Robert E. Lee stand auch für Sklavenhaltung. Der Name ist umstritten.

Bad Nauheim - Eine Kontroverse um den Lee Boulevard ist kürzlich im Bad Nauheimer Parlament entbrannt, da der Ortsbeirat kurz zuvor empfohlen hatte, die sogenannte Legende abzuhängen: Die Erläuterung, wer General Robert E. Lee war. Roisin Russ aus Bad Nauheim hatte im Vorfeld bei Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos) beantragt, den Namen der Straße komplett zu ändern. »Es ist nicht zeitgemäß. In den USA werden Monumente abgebaut, die Südstaatengenerälen gewidmet sind«, schrieb sie.

Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt Russ: »Es war, als dieses Jahr der Lee Boulevard saniert wurde und wir gleichzeitig die Kundgebung gegen Rassismus gegenüber des Aliceplatzes hatten. Ich dachte: ›Es passt jetzt gerade.‹« Sie habe sich immer gewundert, wieso die Stadt den Lee Boulevard 2010 nicht umbenannt habe, als die ehemalige Housing Area neu entwickelt worden sei, sagt Russ. Mit den übrigen amerikanischen Straßennamen wurde das anders gehandhabt.

Wie ein Blick in die US-amerikanische Presse zeige, seien General Lee und andere Südstaatengeneräle ein Symbol für Rassismus und Unterdrückung in den Staaten. »General Lee hat eine Ikonenbedeutung für die Verfechter der weißen Vorherrschaft. Es ist das umstrittene Erbe der Südstaatenkriege«, betont Russ, deren amerikanische Freundinnen das genauso sehen. In den USA hätten die Verlierer des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861 - 1865) die Geschichte uminterpretiert: Demnach kämpften die Südstaaten für die Unabhängigkeit. Tatsächlich sei es vor allem aber um die Sklavenfrage gegangen. Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd im Mai sei der Streit um die Südstaatendenkmäler in den USA neu entbrannt.

Wer war eigentlich General Lee?

Im Amerikanischen Bürgerkrieg befehligte Lee ab 1861 die Truppen der konföderierten Staaten im Süden. Von seinem Schwiegervater soll er 63 Sklaven geerbt haben, verbunden mit der Auflage, sie nach fünf Jahren freizulassen. Da der Schwiegerpapa Schulden gehabt hatte, vermietete Lee die Sklaven, bevor er sie weisungsgemäß in die Freiheit entließ. 1859 soll Lee als Oberstleutnant einen Sklavenaufstand verhindert haben, dessen Initiator sofort gehenkt wurde. Roisin Russ zitiert die »Chicago Tribune«, wonach Lee in eine wohlhabende Sklavenhalterfamilie eingeheiratet habe. Laut Dokumenten soll er »eine grausame Figur« gewesen sein, er habe seine Aufseher angehalten, Sklaven stark auszupeitschen, die entflohen waren (»Chicago Tribune«). Eine Sklavin soll laut dem Zeitungsbericht gesagt haben, er sei »einer der bösesten Männer gewesen, die sie je getroffen habe«. Anmerkung: Laut Wikipedia basieren diese Infos auf anonymen Briefen an die Zeitung aus der damaligen Zeit, denen ebenso anonym widersprochen worden war.

Roisin Russ sagt: »In diesen Zeiten ist so viel Hass - eine Umbenennung der Straße wäre eine Botschaft der Versöhnung.« Sie schlägt vor, die Straße nach Franz Metz oder Robert Wiedermann zu benennen, beides mutige Bad Nauheimer während des Dritten Reiches.

Argument gegen Umbenennung

Anderer Ansicht ist Armin Häfner, Lektor der vierbändigen Reihe »Amerikanische Spuren in Bad Nauheim« von Stadtarchivarin Brigitte Faatz. Telefonisch erklärt Häfner dieser Zeitung: »Das Entscheidende ist: General Lee ließ die Sklaven frei, nachdem die Schulden bezahlt waren.« Streiten lasse sich darüber, ob der Name entfernt werden könne, da Lee keinen Bezug zu Bad Nauheim gehabt habe. »Es war eine Namensgebung der Amerikaner. Es wäre naheliegender gewesen, die Patton Avenue nicht zu entwidmen, denn Patton hatte Bezug zu Bad Nauheim. Er hat hier residiert, der Bezug ist da.« Patton sei der Befreier des Konzentrationslagers Buchenwald gewesen. Nach Ansicht Häfners muss man Lee nicht nur negativ beurteilen. »Nicht ohne Grund hatte Präsident Abraham Lincoln ihm im Sezessionskrieg zuerst den Oberbefehl über das Unionsheer angeboten. Aber da er aus der Armee ausgeschieden war, lehnte er ab, erklärte sich seiner Heimat Virginia zuliebe aber bereit, Oberbefehlshaber des dortigen Heers zu werden.«

Aus Häfners Sicht muss Lee im Rahmen seiner Zeit gesehen werden. »Und da ist es eine beeindruckende Persönlichkeit. Man kann Geschichte nicht gegenstandslos machen, indem man Namen ausradiert. Das ist totalitär.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare