Bauleiter Alexander Schmidt (Mitte) beantwortet auf dem Therme-Gelände einige Fragen zum Mammutbauprojekt.
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Bauleiter Alexander Schmidt (Mitte) beantwortet auf dem Therme-Gelände einige Fragen zum Mammutbauprojekt.

Neue Führung

„Keine plumpe Jugendstil-Kopie“: Neues von der Thermen-Baustelle in Bad Nauheim

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Langsam nimmt die Baustelle in der Bad Nauheimer Ludwigstraße Formen an, die der Laie nachvollziehen kann. Die neue Therme samt Hotel und Tiefgarage ist für die Stadt ein Jahrhundertprojekt.

Bad Nauheim – Christian Karl vom federführenden Friedberger Architekturbüro BLFP ist erleichtert. »Endlich fließt der Beton, es geht so richtig los. Das ist aufregend«, sagt der Planer, der sich im Auftrag der Stadt Bad Nauheim bereits mehrere Jahre mit dem Thermalbad-Bauvorhaben beschäftigt. Karl sitzt mit der Hälfte der Teilnehmer an einer Führung über die Baustelle am Donnerstagnachmittag gerade in einem warmen Container, während Bauleiter Alexander Schmidt die anderen 50 Prozent draußen über den Baufortschritt informiert. Etwa 20 Bürger haben sich für die erste Führung der neuen Reihe »Kurstadt mal anders« angemeldet. Mehr geht nicht - Corona lässt grüßen.

Klar, wer sich für das Projekt interessiert, hat aufgrund der umfassenden Berichterstattung bereits ein grobes Bild. Doch alle Details können die Journalisten nicht nennen. So nehmen die Besucher die Aussage des Architekten mit Erstaunen zur Kenntnis, wonach mehr als die Hälfte des umbauten Raums im Keller liegt und mit Technik gefüllt wird. »Durch die Entlüftungsrohre kann ein Auto fahren«, sagt Karl, der auch einige eindrucksvolle Zahlen nennt. Im Keller seien die »Organe« des Thermalbads zu finden.

Bad Nauheim: Neues Thermalbad wird keine plumpe Jugendstil-Kopie

Die Zuhörer merken dem Planer an, wie angetan er von dem »wichtigen Projekt vor der Haustür unseres Büros« ist. Interessant ist seine Arbeit nicht zuletzt wegen des Zusammenspiels von denkmalgeschütztem Sprudelhof-Badehaus 2 und moderner Architektur. Wobei heutzutage alles dreidimensional am Computer entworfen wird, die Experten sprechen von einem »digitalen Zwilling« des jeweiligen Gebäudes. Karl: »Wir machen keine plumpe Jugendstil-Kopie, übernehmen aber einige Elemente.« So werde die Höhe des Neubaus dem Badehaus angepasst. Auch das Thema Arkaden sei für die Therme aufgegriffen worden.

Das neue Thermalbad wird von der Grundfläche her übrigens nicht größer als das alte, aber die Wasserlandschaft nimmt deutlich größeren Raum ein, vor allem im Freien. Und noch ein außergewöhnliches Detail verrät der Planer: »Einige Aufträge gehen sogar an Firmen, die schon 1909 Material für den Bau des Sprudelhofs geliefert haben.«

Draußen bei Bauleiter Schmidt gibt es weniger Zahlen und Fakten, hier stellen die mit Schutzhelmen und festem Schuhwerk ausgerüsteten Teilnehmer Fragen zu ihren Beobachtungen. Wobei das nur vom Rand der vier Meter tiefen Baugrube möglich ist, denn ein Zugang ist aus Sicherheitsgründen nicht machbar. Überhaupt die Sicherheit: Darauf legt Schmidt äußerst viel wert. »Die beiden Kräne arbeiten noch, deshalb den Blick immer mal nach oben richten«, empfiehlt er.

Bad Nauheim: Pumpen auf Thermen-Baustelle ständig im Einsatz

Unten werden gerade Bodenplatten gegossen, unterteilt in sechs Bauabschnitte, die auf verschiedenen Ebenen liegen. Arbeiten können die Baufirmen dort nur, weil das Gelände mit 250 Meter langen und bis zu 14 Meter tief in die Erde gerammten Spundwänden trockengelegt wurde. Trotzdem muss ständig gepumpt werden, um das Grundwasser abzusenken. »Ohne Pumpen würden wir da unten schwimmen«, sagt der Bauleiter.

Er ist zufrieden mit dem Fortschritt, zumal es trotz teils lärmintensiver Arbeiten wie dem Reinrammen der Wände bislang keinerlei Beschwerden der Nachbarn gegeben habe. Schmidt nennt den Zuhörern die wichtigsten Daten des Zeitplans. Der Therme-Rohbau wird im Sommer kommenden Jahres abgeschlossen. Erst dann wird mit dem Bau des Hotels (vor der Kerckhoff-Rehaklinik) und der Tiefgarage (an der Stelle, wo der alte Parkplatz lag) begonnen. Alles zusammen soll im September 2023 übergeben werden, wobei es beim Hotel vielleicht etwas länger dauert. Um diese Planung einhalten zu können, wird auf der Baustelle manchmal bereits ab 5 Uhr gearbeitet, derzeit ist zwischen 6 und 7 Uhr Beginn. Nur während der dreiwöchigen Betriebsferien der Firma zwischen den Jahren gibt’s eine Ruhepause.

Die Teilnehmer sind mit dem Verlauf zufrieden, sprechen von einem »spannenden Thema« oder freuen sich, dass auch der Waitz’sche Turm als Teil der Sauna ins Therme-Konzept integriert wird.

Interessante Zahlen zum Thermen-Bau

Architekt Christian Karl und Fachbereichsleiter Steffen Schneider (Kur und Service) nannten den Führungsteilnehmern etliche Zahlen und Fakten. So werden von Stadt, Land und Unternehmen deutlich mehr als 100 Millionen Euro in den Neubau von Therme, Hotel und Tiefgarage sowie Sanierung und Umbau des Sprudelhofs investiert.

Abwasserleitung über zwei Kilometer

Die Therme wird einen Rauminhalt von 46 000 Kubikmetern haben, was etwa 60 Einfamilienhäusern entspricht. 20 000 m3 Erde wurden der Baugrube entnommen, die jetzt mit 8000 m3 Beton (1300 Lkw-Fahrten) und 1550 Tonnen Bewehrungsstahl gefüllt wird. Allein die Leitung, die das Abwasser abtransportiert, wird 2,1 Kilometer lang.

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