Arzt gesteht tödlichen Irrtum

Bad Nauheim/Gießen (tan). Vor einer Berufungskammer des Gießener Landgerichts wurde am Montag erneut über den Fall einer werdenden Mutter verhandelt, die am 26. August 2008 im Bad Nauheimer Hochwaldkrankenhaus während der Geburt verstorben war.

Der damalige Anästhesist, der für die Periduralanästhesie (PDA) zuständig war, hatte der Frau versehentlich die erhöhte Dosis des Lokalanästhetikums Naropin gespritzt. Bereits in erster Instanz war der Mediziner vor dem Friedberger Amtsgericht dafür wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 15 000 Euro verurteilt worden. Gegen die Strafe hatte der Arzt, der erst auf dem zweiten Bildungsweg zur Medizin gekommen war, Berufung eingelegt. Die Gießener Berufungskammer reduzierte diese Strafe gestern um 3000 Euro.

Nach mehreren Stunden Gerichtsverhandlung äußerte der fast 60-jährige Mediziner, er habe damals versehentlich die Ampullen vertauscht. Erstinstanzlich hatte der Mann noch durch seinen Anwalt erklären lassen, er habe sich nichts vorzuwerfen. Am 26. August 2008 war die schwangere Münzenbergerin mit ihrem Ehemann in das Hochwaldkrankenhaus gefahren, um dort ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Als die Geburt stockte, entschied sich das Paar für eine PDA. Der Angeklagte legte der Frau einen Katheter im Periduralraum der Wirbelsäule und spritze ihr insgesamt dreimal das Anästhetikum Naropin.

Beim dritten Mal brachte der Mediziner das Medikament schon mit in den Kreißsaal und zog es aus seiner Kitteltasche. Dabei handelte es sich allerdings nicht um die 0,2-prozentige Lösung, die generell in diesen Fällen verabreicht wird, sondern um eine 0,75-prozentige Lösung. Die Frau starb kurze Zeit später an einer Vergiftung. Das Kind konnte durch einen Notkaiserschnitt gerettet werden.

Verteidiger Andreas Götz beantragte am Montag lediglich eine Entscheidung bezüglich der Strafhöhe auf 90 Tagessätze oder geringer. "Wir haben es hier mit einem Menschen zu tun. Ein menschlicher Fehler, der jedem passieren kann." Der Angeklagte habe der Frau helfen wollen, als ihm der Fehler unterlaufen sei. "Auch für den Angeklagten war das ein sehr einschneidendes Ereignis."

Staatsanwalt Thomas Hauburger stimmte dem Verteidiger in einigen Dingen zu, forderte aber, das Prozessverhalten des Angeklagten zu beachten. Zunächst sei ein Freispruch gefordert worden. Nun werde "in einem Halbsatz" die Verwechslung des Medikaments eingestanden. "Wie sie mit diesem Vorwurf umgehen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Das ist ein grober Behandlungsfehler." Auch der Ehemann der Münzenbergerin, der als Nebenkläger auftrat, sagte, er hätte ein "Beleuchten der eigenen Rolle" durch den Angeklagten erwartet. "Für mich persönlich hat das nicht gereicht."

Vorsitzender Richter Dr. Johannes Nink sagte, dass bereits beim zweiten Spritzen "keine Alarmreaktion" beim Angeklagten erfolgt sei. Bei der dritten Injektion sei durch "zwei fatale Fehler" das Medikament verwechselt und gleichzeitig falsch in die Vene injiziert worden. "Die Reaktion des Angeklagten danach spricht Bände", sagte der Richter. Der Arzt habe "in Schockstarre" neben der Patientin gestanden. "Das ist in höchstem Maße tragisch." Es handele sich dennoch um einen Behandlungsfehler, der zu schweren Folgen geführt habe. "Das Bedarf der Sanktion."

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