1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Bad Nauheim

Artensterben nimmt dramatische Ausmaße an

Erstellt:

Von: Gerhard Kollmer

Kommentare

agl_Pfuhl_081122_4c_1
Frank-Uwe Pfuhl © Gerhard Kollmer

Bad Nauheim (gk). Es sind Zahlen, die den Atem stocken lassen: In den vergangenen 25 Jahren sind rund 85 Prozent aller Insektenarten ausgestorben. Der Vogelschwund in Deutschland in dieser zeitspanne beläuft sich nach seriösen Schätzungen auf etwa 500 Millionen Exemplare. Die Zahl der Erdkröten ist in nur zehn Jahren um 90 Prozent zurückgegangen. Bei Rebhühnern liegt die Bestandsminderung gar bei 95 Prozent.

Frank Uwe Pfuhl, diplomierter Agrarwissenschaftler und seit 40 Jahren im Naturschutzbund NABU aktiv, nennt den sich ungebremst fortsetzenden weltweiten Artenschwund eine »Katastrophe«, die jegliche Vorstellungskraft übersteige. Auf Einladung des Kulturforums referierte er im Erika-Pitzer-Zentrum vor einem große Auditorium über die jüngste (und folgenreichste) der sechs großen Aussterbewellen der Erdgeschichte.

Anhand von Zahlen, Grafiken und Fotos ließ seine 90-minütige Bestandsaufnahme nie Langeweile aufkommen. Immer wieder stellte Pfuhl den Bezug zur Wetterau her, die ebenfalls stark vom Artenschwund betroffen ist.

Was man nicht kennt, dessen Verschwinden fällt nicht auf. Nur wenige Fragen des Referenten über Amphibien, Vögel oder Schmetterlinge konnten die Zuhörer richtig beantworten. Das bestätige den massiven Kenntnisschwund auf diesem Gebiet, sagte Pfuhl. Schuld daran sei ein zu theoretischer Biologieunterricht, der zu wenig Grundlagenwissen vermittele.

Aber was ist so schlimm daran, wenn Insektenarten aussterben, immer weniger Feldhasen über den Acker hoppeln oder kaum noch Vögel ihren Gesang hören lassen? Pfuhl demonstrierte am Insektenschwund, welche fatalen Folgen dieses noch viel zu wenig wahrgenommene Phänomen bereits hat. Insekten sind Nahrungsgrundlage für eine Vielzahl von Tierarten - von Vögeln bis zu Mäusen. Diese wiederum dienen anderen zum Fraß. Kurz und schlecht: Der weltweite Artenschwund zerstört auf lange Sicht das ökologische Gleichgewicht in der Natur. Dass dies nicht folgenlos für den Menschen bleibt, sollte sich eigentlich herumgesprochen haben.

Bodenversiegelung lässt Tiere sterben

Was sind die Hauptursachen für dieses globale Problem? Hierzulande trägt die massive Bodenversiegelung durch Wohnungs- und Straßenbau das ihre zum Artensterben bei. Des Weiteren ist der Agrarsektor zu nennen. Intensivlandwirtschaft gefährde bzw. vernichte die Lebensgrundlagen vieler Tierarten. Feld- und Wiesenraine, die noch vor wenigen Jahrzehnten zum Landschaftsbild gehörten, fallen einer primär ertragsorientierten Agrarwirtschaft zum Opfer. Dabei sind sie Basis für eine Vielzahl von Lebewesen. Dass es auch anders geht, zeigte Pfuhl am Beispiel der Stadt Reichelsheim. Ein anderes Problem: Viele von »grünem Beton« (Gras) geprägte Hausgärten seien an Sterilität nicht zu überbieten. Für Kleinlebewesen böten sie keinen Raum.

Anhand von Beispielen für gelungenen Artenschutz (etwa die Wiederansiedlung von Störchen und Bibern) demonstrierte Pfuhl am Ende seines mit langem Beifall aufgenommenen Vortrags, dass es allein vom Menschen abhängt, ob der Artenschwund zumindest gestoppt werden kann. FOTO: GK

Auch interessant

Kommentare