Für Artec-Chef Jerry J. Artishdad, 2016 als "Unternehmer des Jahres" im Wetteraukreis ausgezeichnet, ist der Neubau in Bad Nauheim die größte Investition in der 25-jährigen Firmengeschichte.
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Für Artec-Chef Jerry J. Artishdad, 2016 als »Unternehmer des Jahres« im Wetteraukreis ausgezeichnet, ist der Neubau in Bad Nauheim die größte Investition in der 25-jährigen Firmengeschichte.

IT-Firma investiert

Artec-Neubau in Bad Nauheim: Raum für Nomaden und die Cloud

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Im Bad Nauheimer Gewerbegebiet wächst ein vierstöckiges Bauwerk. Ungewöhnlich für ein Gewerbe-Gebäude: Die Musik spielt im Keller, wo das elektronische Herz der Artec-Filiale schlagen wird.

Übertrieben formuliert könnte Jerry J. Artishdad als »Sicherheitsfanatiker« bezeichnet werden. Ständig führt der Chef der Artec IT Solutions AG mit Hauptsitz in Karben die Worte »Datenschutz« und »Datensicherheit« im Mund. Zurzeit muss sich der Vorstandsvorsitzende allerdings mit der Sicherheit auf seiner Baustelle im Bad Nauheimer Gewerbegebiet beschäftigen. Dabei geht es um mehr als Schutzhelme und Sicherheitsschuhe, der Bauherr des 9-Millionen-Euro-Projekts muss sich in Corona-Zeiten um Hygienestandards kümmern.

»Corona sorgt für eine gewisse Verzögerung«, sagt Artishdad. Etwa ein Jahr nach dem Spatenstich für das Bürogebäude samt Rechenzentrum ist der Rohbau fertig. Im Herbst 2021 soll das Gebäude eingeweiht werden, das Raum für rund 120 Mitarbeiter und Hunderte von Servern bietet.

»Den Standort Bad Nauheim haben wir wegen der schnellen Glasfaserleitung und der Nähe zum Mutterhaus in Karben gewählt«, erläutert Artishdad, der Artec vor 25 Jahren gegründet hat. Auch die Zweitniederlassung in Bad Nauheim dient der Sicherheit. Kommt es im Hauptsitz zu einem Großbrand oder einer Überschwemmung, ist eine Kopie der Kundendaten auf den Rechnern im Neubau gesichert. Schon deshalb lohnt sich die größte Investition in der Unternehmensgeschichte.

Wie ein »aufbruchsicherer Tresor«

Mit dem Slogan »Sicherer Hafen für alle Unternehmensdaten« wirbt Artec, das auch in den USA und Südkorea vertreten ist, um Kunden. Kleine Firmen mit fünf Mitarbeitern suchen ebenso die Zusammenarbeit mit der IT-Firma wie Großbetriebe mit 67 000 Beschäftigten. Sie vertrauen ihre Daten der Cloud von Artec an. Das Unternehmen hat die Spezialsoftware EMA und das Betriebssystem selbst entwickelt. »Dadurch haben wir einen technologischen Vorsprung. Eine Cyberattacke auf uns war noch nie erfolgreich und wird es nie sein. Das hier ist wie ein aufbruchsicherer Tresor«, verspricht Artishdad.

Die Cloud mit riesiger Speicherkapazität wird im Untergeschoss zu finden sein. Kunden können Daten langfristig speichern und schnell darauf zugreifen. Für Datenschutz sorgt ein ausgeklügeltes Verschlüsselungssystem. »Den Schlüssel hält der Kunde in Händen, das ist wie ein Personalausweis. Wir haben keinen direkten Zugriff. Das ist der Hauptunterschied zur Konkurrenz«, sagt der Artec-Gründer.

Zutritt zum Sicherheitsbereich werden nur wenige Mitarbeiter haben. Wer rein möchte, muss einen codierten Schlüssel haben und vom Fingerabdruck-Scanner sowie dem Gesichtserkennungssystem akzeptiert werden. Es gibt zwei große Räume, in denen je 250 Server Platz finden, aber auch kleine Einheiten. Laut Artishdad legen einige Kunden wert auf noch mehr Sicherheit, wollen eigene Rechner im eigenen Raum.

Mieter im Neubau willkommen

Wer sich mit Datenschutz beschäftigt, kommt an der USA nicht vorbei. Konzerne wie Google, Facebook oder Amazon transferieren Daten ihrer europäischen Kunden zu ihren US-Rechenzentren. Qua Gesetz sind diese Unternehmen verpflichtet, Behörden und Geheimdiensten Zugriff zu gewähren. »Die USA will Zugriff auf alle Daten - weltweit«, betont Artishdad.

Die EU begreife jetzt die Bedeutung des Aufbaus von Cloud-Kapazitäten in den eigenen Ländern mit höheren Datenschutz-Standards. Doch der Fortschritt komme nur langsam voran. »Mir ist ein Rätsel, warum die deutsche Polizei ihre Daten in einem Rechenzentrum von Amazon speichert«, sagt der Artec-Chef. Sein Unternehmen kooperiere kaum mit staatlichen Institutionen. Mit der Bundeswehr gebe es Verträge, Gespräche würden mit Ministerien und Polizei geführt. Wachstum verspricht sich Artishdad von einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Datentransfer in die USA.

Während im Untergeschoss ein rigides Sicherheitsmanagement herrscht, geht es weiter oben locker zu. Auf 3000 Quadratmetern Nutzfläche entstehen Großraumbüros. Jeder Arbeitsplatz kann von eigenen oder externen Mitarbeitern genutzt werden, stunden- oder tageweise. Die Hälfte des Neubaus soll zunächst an branchennahe Firmen vermietet werden. »Für uns sind viele moderne Nomaden tätig, die ein Notebook im Rucksack dabei haben und sich mal kurz an einen Schreibtisch setzen«, erklärt Artishdad. Homeoffice spiele eine immer größere Rolle. Wie sich jetzt gezeigt habe, sei die Tätigkeit zu Hause aber nicht für alle ideal.

Datenschutzvereinbarung ungültig

Im Datenaustausch zwischen der EU und den USA läuft einiges schief. Das wurde Mitte Juli vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) bescheinigt, das in einem Urteil die Datenschutzvereinbarung Privacy Shield zwischen der EU und den Vereinigten Staaten für ungültig erklärt hat. Auslöser war eine Klage des Datenschutz-Aktivisten Max Schrems aus Österreich. Er war als Facebook-Nutzer gegen die Praxis der irischen Tochter des Konzerns vorgegangen, seine Daten zu Rechenzentren im den USA zu transferieren. In den Vereinigten Staaten können nicht nur Unternehmen, sondern auch Geheimdienste ohne richterlichen Beschluss auf personenbezogene Daten von EU-Bürgern zugreifen. Das wollte Schrems mit seiner Klage verhindern. Die USA müssten ihre Überwachungsgesetze aufgrund des EuGH-Urteils »ernsthaft ändern«, glaubt Schrems. Von dem Datentransfer in die USA ist fast jeder deutsche Bürger betroffen, sofern er Angebote von Amazon, Facebook, WhatsApp oder Google nutzt. Wie es mit der - jetzt ungültigen - Datenschutzvereinbarung weitergeht, ist unklar.

Artec-Chef Jerry J. Artishdad geht davon aus, dass die EuGH-Entscheidung einen Aufschwung für europäische Cloud-Dienstleister bringt. Unternehmen, die auf ausreichenden Datenschutz setzten, müssten sich EU-Cloud-Anbieter als Partner suchen. »Wir müssen uns von der Technologie der US-Konzerne unabhängig machen. Daten müssen nicht über den Großen Teich geschickt werden«, betont Artishdad.

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