Vor dem Landgericht Gießen muss sich ein ehemaliger Abteilungsleiter verantworten, der 1,8 Millionen Euro an Firmengeldern veruntreut haben soll. (Archiv)
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Vor dem Landgericht Gießen muss sich ein ehemaliger Abteilungsleiter verantworten, der 1,8 Millionen Euro an Firmengeldern veruntreut haben soll. (Archiv)

Prozess am Landgericht

Bad Nauheim: 1,8 Millionen Euro veruntreut - Angeklagter Firmenmitarbeiter gesteht

  • vonConstantin Hoppe
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1,8 Millionen Euro soll ein Ex-Abteilungsleiter einer Bad Nauheimer Firma veruntreut haben. So heißt es in der Anklageschrift, die am Dienstag vor dem Gießener Landgericht verlesen wurde.

Der 58-jährige Angeklagte R. aus Bad Nauheim räumte die Vorwürfe zum Prozessauftakt grundsätzlich ein. Ihn beschuldigt die Staatsanwaltschaft, in seiner Funktion als Abteilungsleiter insgesamt 132 Untreuehandlungen begangen zu haben. Dadurch soll der international agierenden Firma, in der er tätig war, zwischen 2016 und 2020 ein Schaden in Höhe von 1,8 Millionen Euro entstanden sein.

Laut Anklage hat R. die Straftaten zusammen mit seinem gesondert verfolgten Cousin zu verantworten. Der Komplize hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft zwei Gesellschaften gegründet, als deren Geschäftsführer er Rechnungen an das geschädigte Unternehmen stellte. Von R. seien die Rechnungen aus dem Budget seiner Abteilung beglichen worden, obwohl die Firma keine Gegenleistung erhalten habe.

Diese Vorwürfe nahm der Angeklagte mit deutscher und iranischer Staatsangehörigkeit vor Gericht zur Kenntnis - er war allerdings bestrebt, die alleinige Schuld auf sich zu nehmen. »Mein Cousin war einfach nur ein Strohmann - ich habe nur seinen Namen genutzt, um die Firmen zu gründen«, gab der 58-Jährige an. »Dafür habe ich ihm 500 bis 600 Euro im Monat gezahlt. Er wusste aber nicht, dass ich für die gestellten Rechnungen keine Gegenleistungen erbringe. Ich hatte ihm gesagt, aufgrund meiner arbeitsrechtlichen Situation keine Unternehmen auf meinen Namen gründen zu dürfen.«

Bad Nauheim: Ehefrau ebenfalls angeklagt

Außerdem trat R. für seine Ehefrau ein, die in dem Verfahren ebenfalls angeklagt ist. Eines der Konten, auf die der Beschuldigte das Geld weitergeleitet hat, läuft auf ihren Namen. »Sie wusste nicht, woher das Geld auf ihrem Konto kommt«, erklärte der Angeklagte. Zudem zeigte er sich bestrebt, die Schadensersatzforderungen, die gegen seinen Cousin erhoben werden, zu begleichen.

Vor den Untreuehandlungen war R. 15 Jahre lang in dem Unternehmen tätig und hatte sich in dieser Zeit ein großes Vertrauen erarbeitet. Als Leiter seiner Abteilung prüfte er die Rechnungen und wies letztlich alleinverantwortlich die Zahlungen an. Eigentlich sollte jede Rechnung noch einmal von seinem Vorgesetzten kontrolliert werden, doch diese Verfahrensweise wurde nur bis 2016 angewandt. »Warum es so kam, weiß ich nicht«, meinte R. vor Gericht. »Ich gehe davon aus, dass die Firma die Übersicht über ihre Geschäfte verloren hat. Aber ich hätte das nicht tun sollen, das weiß ich«, sagte der 58-Jährige.

Bad Nauheim: Immobilienbesitz in Teheran

Einer der Gründe, warum er die Handlungen begangen habe, sei die fehlende Wertschätzung seiner Arbeit gewesen: »Es gab externe Dienstleister, die mehr verdient haben als ich«, betonte er. Warum er dann nicht gekündigt habe und nicht ebenfalls als externer Dienstleister tätig geworden sei, wollte Staatsanwalt Dr. Volker Bützler von dem Angeklagten wissen. »Das habe ich mich auch gefragt - aber es kam einfach nicht die Gelegenheit dazu«, antwortete R. Als die Veruntreuung schließlich im Februar 2020 aufflog, wurde dem Abteilungsleiter fristlos gekündigt. Am 29. April 2020 wurde ein Haftbefehl erlassen und etwa eine Woche später vollstreckt. Nach Zahlung einer Kaution in Höhe von 200 000 Euro ist der Haftbefehl seit Juni vergangenen Jahres ausgesetzt.

Am Dienstag ging es nicht nur um die eigentlichen Tatvorwürfe, sondern vor allem um den Besitz des Angeklagten im In- und Ausland: Denn seit 1985 ist R. auch im Immobiliengeschäft tätig, ihm gehören Grundstücke und Wohnungen in Teheran.

Der Prozess vor dem Landgericht wird fortgesetzt.

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