Professor Lothar Kreimendahl erläutert eines der bedeutendsten Werke der modernen Philosophie. 	FOTO: GK
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Professor Lothar Kreimendahl erläutert eines der bedeutendsten Werke der modernen Philosophie. FOTO: GK

Der »Alleszermalmer«

  • vonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim (gk). Endlich wieder philosophische Vorträge! Nach über dreimonatiger Zwangsabstinenz beglückte Prof. Lothar Kreimendahl von der Uni Mannheim die zahlreich im großen Saal der Trinkkuranlage erschienenen Gäste mit einem gut 45-minütigen Vortrag über Immanuel Kants »Kritik der reinen Vernunft« (KrV) von 1781. Dem überaus gelungenen Referat schloss sich eine halbstündige Gesprächsrunde an, die davon zeugte, dass Kreimendahls Ausführungen auf fruchtbaren Boden gefallen waren.

Schneise durch das Dickicht

Der Inhalt eines der bedeutendsten Werke der modernen Philosophie, über das Abertausende wissenschaftlicher Untersuchungen verfasst wurden, lasse sich unmöglich in 45 Minuten, ja nicht einmal in 45 Stunden angemessen referieren, sagte der Redner. Dass es ihm trotzdem gelang, eine Schneise durch das Dickicht der KrV zu schlagen, war seiner konsequenten Beschränkung auf deren Kerngedanken zu verdanken. Der »Alleszermalmer« (so nannte Moses Mendelssohn den Geistesriesen aus Königsberg) räumte radikal mit der traditionellen abendländischen Metaphysik bis hin zu Leibniz und Chr. Wolff auf, indem er deren Fragestellungen (zum Beispiel nach dem Anfang der Welt und der Existenz Gottes) als unzulässig und damit unbeantwortbar entlarvte. Als »Kompetenzüberschreitungen« des menschlichen Verstandes, bleiben die weder beweis- noch widerlegbaren Thesen der klassischen Metaphysik bloße »Ideen der reinen Vernunft«.

Was können wir wirklich wissen? Die Beantwortung dieser Grundfrage nach den »Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis« (wie Kant es nennt) nimmt eine prominente Stelle in dem mehrhundertseitigen Werk ein. Der menschliche Verstand, so Kant, verfügt über »apriorische« und »aposteriorische« »Kategorien«. Vor allem als Erfahrungswissen nehmen wir die Welt der Erscheinungen raum-zeitlich wahr. »Raum« und »Zeit« stellen also keine objektiven bzw. realen Gegebenheiten dar, sondern sind apriorische Verstandeskategorien. Was sich - unerkennbar - »hinter« dieser von unserem Verstand raumzeitlich erfassten Erscheinungswelt befindet, ist unserer Wahrnehmung prinzipiell unzugänglich. Kant nennt dies den Bereich des »Ding an sich«. Mit dieser radikalen These distanziert er sich sowohl vom englischen Empirismus eines John Locke wie auch von Leibniz‹ metaphysischen Spekulationen über das »Wesen der Dinge«.

Wer, wie Isaac Newton, Raum zu einer objektiven Realität hochstilisiert (als einen das Ganze der Welt beinhaltenden »Container«), verfällt nach Kant metaphysischer Spekulation.

Dasselbe gilt für die »Zeit«. Auch sie ist keine »objektive«, sondern reine Verstandeskategorie a priori. Aber ist es nicht trotzdem das gute Recht der Metaphysik, nach der »objektiven« Realität bzw. dem Wesen, der Substanz der Erscheinungen zu fragen?

In diesem Zusammenhang wies Prof. Kreimendahl darauf hin, dass Kant auch sprachkritisch argumentiert. Er unterscheidet »analytische Sätze a priori« (»Der Schimmel ist weiß«) von »synthetischen Sätzen a posteriori« (»Der Schimmel ist drei Jahre alt«). In ersteren ist das Prädikat bereits im Subjekt enthalten. Die Rede vom weißen Schimmel ist ohne Wert, da Schimmel immer weiß sind. Muss es dann nicht auch synthetische Sätze a priori geben? Die Beantwortung dieser diffizilen Frage ließ Kant offen.

Die dem mit viel Beifall quittierten Vortrag folgende Fragerunde kreiste unter anderem um folgende Themen: Ist Kants »Zweiwelten-Theorie« (Sphäre des »Ding an sich« vs. Erscheinungswelt) nicht versteckter Platonismus? Welchen Stellenwert nimmt die Kategorie »Kausalität« in Kants Denken ein? Hat Kant die Möglichkeit von Metaphysik grundsätzlich verneint?

Am Freitag, 21. August, wird Professorin Dr. Petra Gehring von der TU Darmstadt über die praktische Philosophie Kants referieren. Beginn ist um 19.30 Uhr. Der genaue Veranstaltungsort wird noch bekannt gegeben.

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