Zum heutigen Welttag der Patientensicherheit machen (v. l.) Prof. Yeong-Hoon Choi, Dr. Katharina Madlener und Andreas Greco auf die Mechanismen aufmerksam, mit denen die Kerckhoff-Klinik Fehler möglichst ausschließen will.
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Zum heutigen Welttag der Patientensicherheit machen (v. l.) Prof. Yeong-Hoon Choi, Dr. Katharina Madlener und Andreas Greco auf die Mechanismen aufmerksam, mit denen die Kerckhoff-Klinik Fehler möglichst ausschließen will.

Tag der Patientensicherheit

Einblick in die Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Wie werden Fehler vermieden?

  • Christoph Agel
    VonChristoph Agel
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Das falsche Bein amputiert - hat es schon gegeben. Zum heutigen Tag der Patientensicherheit gewährt die Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik Einblicke in ihr System, das Fehler verhindern soll.

Bad Nauheim – Wer als Patient stationär in die Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik aufgenommen wird, bekommt ein Armband. Es sei denn, er oder sie möchte es nicht und unterschreibt ein entsprechendes Formular. Das aber komme äußerst selten vor, sagt der stellvertretende Pflegedirektor Andreas Greco.

Das Armband ist nicht einfach ein Armband, sondern ein Patientenidentifikationsarmband. Auf ihm sind Name, Vorname, Geburtsdatum und Aufnahmenummer vermerkt, außerdem ein Barcode, der an den verschiedenen Stationen in der Klinik eingescannt wird und in dem die genannten Informationen hinterlegt sind. Man habe also zwei Möglichkeiten, die Identität des Patienten zu überprüfen, erläutert Greco.

Armband für Patienten in Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik: Auch bei Blutzuckermessung im Einsatz

Ein Beispiel für den Armbandeinsatz ist die Blutzuckermessung. Um sie am Gerät auszulösen, muss die Krankenschwester oder der Pfleger den Code einscannen. Das Gerät identifiziert den Patienten anhand des Barcodes und ordnet den gemessenen Wert der entsprechenden Person zu. Dieser Wert wandert via WLAN in das Krankenhaus-Informations- und -Laborsystem und damit in die digitale Patientenakte. Im Zusammenspiel sind Armband und Akte also ziemlich effektiv, mit dem Armband alleine könnte man aber kaum etwas anfangen - wegen der wenigen dort vermerkten Daten.

»Außerhalb der Klinik nutzt Ihnen das Armband nichts«, sagt Greco. Diese Erkenntnis ist für den Datenschutz wichtig. Nach der Entlassung des Patienten wird das Armband dennoch datenschutzkonform entsorgt.

Armband für Patienten in Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik nützlich: Der richtige Patient? Welche OP steht an?

Das Armband kommt in zahlreichen Klinik-Situationen zum Einsatz. Beispielsweise auch beim Verabreichen von Medikamenten oder beim Einschleusen des Patienten in den OP-Saal. »Ist es der richtige Patient zur richtigen Akte, die ich vorliegen habe? Und ist es die richtige Operation?«, unterstreicht der stellvertretende Pflegedirektor die Bedeutung.

Das Armband sei auch vor dem Hintergrund der relativ hohen Fluktuation der Patienten wichtig, sagt Greco. Die einen verlassen die Klinik, neue Patienten kommen hinzu. Das Armband unterstützt das Personal dabei, den Überblick zu behalten. »Das nimmt natürlich auch Druck, es gibt ein sichereres Gefühl.«

Diese Sicherheit ist natürlich beim wohl wichtigsten Teil eines Klinikaufenthaltes von besonderer Bedeutung: der Operation. Prof. Yeong-Hoon Choi, Direktor der Abteilung Herzchirurgie der Kerckhoff-Klinik, erklärt, wie immens wichtig das »Team Timeout« vor der OP ist. Dabei handelt es sich um eine Besprechung des gesamten OP-Teams. Chirurg, Anästhesist, Anästhesiepflege, OP-Pflege und Kardiotechnik gehen alles noch mal durch: Ist es der richtige Patient? Liegen die richtigen Instrumente und Materialien bereit? Wie lautet die Diagnose? Welcher Eingriff steht bevor? Ist die Herz-Lungen-Maschine funktionsbereit?

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Zählkontrolle bei Operationen

»Es wäre das Schlimmste, wenn Sie mit der OP anfangen und es ist irgendwas, das sie unbedingt brauchen, nicht verfügbar«, sagt Choi. Von den Herzklappenimplantaten müssen pro Größe mindestens zwei vorliegen, für den Fall, dass eines beschädigt wird. Vor der Operation müssen also Fehlerquellen ausgeschlossen werden, damit es während des Eingriffs keine Komplikationen gibt, die auf Nachlässigkeiten zurückzuführen wären. Ebenso wichtig ist es, dass zum Ende der OP hin alles korrekt abläuft. »Ehe ein Schritt gemacht wird, der nur mit viel Aufwand wieder rückgängig gemacht werden kann, bevor zum Beispiel der Brustkorb verschlossen wird, beginnt die Zählkontrolle«, erläutert Choi. So werden unter anderem die Kompressen vorher gezählt. Auch wenn beispielsweise der Inhalt von zehn Kompressen auf der Verpackung vermerkt ist, wird diese Anzahl beim Anreichen noch einmal kontrolliert, da theoretisch auch beim Herstellungsprozess Fehler unterlaufen können.

Zum Ende der Operation wird die Vollständigkeit aller Materialien, die nicht beim Patienten verbleiben dürfen, per Zählkontrolle sichergestellt. Sinn des Ganzen: Es darf keine Kompresse - und auch kein sonstiges Material oder Instrument - im Körper des Patienten verbleiben. Alles wird abgezählt, jeder OP-Schritt wird protokolliert.

Nach der OP nimmt der Chirurg die Übergabe auf der Intensivstation vor, berichtet, wie der Eingriff verlaufen ist. Zu diesem Zeitpunkt trägt der Patient wieder sein Armband, damit auch weiterhin nichts und niemand verwechselt wird.

Medikamenten Vergabe in der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik: Digitaler Prozess

Bei der Einnahme von Medikamenten kann man viel falsch machen: Man kann zu wenig, zu viel oder die falschen Medikamente einnehmen. In einer Klinik sorgen Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal dafür, dass den Patienten die richtige Arznei zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Menge verabreicht wird. Um dabei nichts falsch zu machen, setzt die Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik vermehrt auf einen digitalen Prozess, der weiter ausgebaut werde, wie Dr. Katharina Madlener, Direktorin der Abteilung Labormedizin und Krankenhaushygiene, erläutert.

Das System fängt damit an, dass Medikamente und Dosis elektronisch - und nicht handschriftlich und damit eventuell undeutlich - eingetragen werden. Außerdem gibt das System vor, in welcher Einheit die Dosis anzugeben ist. Nicht, dass ein Mitarbeiter die Zahl 1 schreibt und damit eine Tablette meint und der Kollege es als ein Milligramm interpretiert. »Das hört sich einfach an, es ist aber ein Riesen-IT-Prozess, der dahintersteht«, sagt Madlener.

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Elektronische Warnung vor Wechselwirkungen

Nächster Punkt: Früher habe die Nachtschwester die Medikamente für den nächsten Tag einsortiert, aber es könne ja sein, dass sich im Laufe des nächsten Tages etwas an der Medikamentierung ändere, weil der Arzt dies für sinnvoll erachte. Deshalb geht man nun an der Kerckhoff-Klinik folgendermaßen vor: Die Medikamente werden möglichst direkt vor der Einnahme einsortiert, und zwar nach dem Vier-Augen-Prinzip. Zudem wird die Medikamentierung mit dem Eintrag in der digitalen Patientenakte abgeglichen. Ist der Patient ansprechbar, dann wird auch er noch einbezogen, ihm wird gesagt, was er bekommen soll.

Der wichtigste Punkt aber sei die Medikamenten-Interaktion, sagt Madlener. Es geht um Wechselwirkungen. »Keiner von uns hat die Interaktion von 1500 Medikamenten im Kopf.« So viele verschiedene Medikamente hat die Klinik vorrätig, hinzukommen unzählige Sonderbestellungen. Das elektronische System warnt, wenn zwei Medikamente eingetragen werden, die im Zusammenspiel dem Patienten schaden könnten. Beispiel aus der Praxis: Ein Herzpatient wurde von einem Hund gebissen, brauchte ein Antibiotikum. Da stellte sich die Frage: Verträgt sich dieses Medikament mit den Herzmitteln? »Das ist eine seltene Kombination, die hat keiner von uns im Kopf«, sagt Madlener. Ein weiterer Vorteil des elektronischen Systems: Die Computer können auch auf die Labordaten des Patienten zurückgreifen. Hat er einen schweren Nieren- oder Leberschaden, stellt sich die Frage, wie Medikamente in seinem Körper abgebaut werden. Mit all diesen Kontrollmechanismen wollen Madlener und das Kerckhoff-Team Fehler ausschließen »Die Patientensicherheit hat absolute Priorität.«

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