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Abstand - aber nicht von Beethoven

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Verdi-Requiem abgesagt. Festivals abgesagt. Auftritt des Landesjugend-Sinfonieorchesters abgesagt, Konzertreisen und Chorworkshops - und vieles mehr, auf das sich Aktive und Publikum gefreut haben. Das bedeutet nicht nur keine Einnahmen für die Musiker und die Veranstalter, keine Spenden für Benefizzwecke, sondern auch große Enttäuschung für die Laienchöre und Orchester. Gerade das Beethoven-Jubiläum hätte so viel geboten - auch in der Wetterau.

Klassik Online, digitale Chorproben, Wohnzimmerkonzerte der Stars, noch nicht einmal gemeinsames Singen von den Balkonen machen wett, was an Liveerlebnis derzeit verloren geht. Musikfreunde sehnen sich nach dem direkten Moment des musikalischen Eindrucks gemeinsam mit Gleichgesinnten. Insbesondere den Chorsängerinnen und Sängern fehlt das gemeinsame Proben, das Atmen der Töne.

Weltweit bereitete man sich in elysischer Euphorie auf den diesjährigen 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens vor: Ausstellungen und Konzerterlebnisse nicht nur in seiner Geburtsstadt Bonn und in Wien, wo er starb. Neue Akzente krönen seine sowieso immer wieder neu zu entdeckende Musik. Die junge Generation beschäftigt sich mit dem seit seinem 28. Lebensjahr ertaubenden Komponisten, der trotz oder gerade wegen seines Schicksals nie aufgab.

Ein eigenes Musical

So erarbeitet der Musikpädagoge Andreas Ziegler mit der Klasse 6b der Ernst-Ludwig-Schule in Bad Nauheim ein selbst komponiertes Musical zu Beethoven. »Die Kinder schreiben gerade eigene Achttakter und stellen Stücke zusammen, die sie selbst schon gespielt haben«, berichtet er und hofft, dass es mit einer Aufführung noch klappt. Im »Viva-la-Musica-Konzert« wollte er sich mit dem großen Chor Beethoven nähern über »Joyful, Joyful« aus dem Film Sister Act - einer Bearbeitung der Ode an die Freude.

Auch Kantor Frank Scheffler wagt keine Prognose. Er hatte als Hommage an Beethoven die »Chorfantasie« - wegen der vorweggenommenen Melodie des berühmten Schlusssatzes auch »Kleine Neunte« genannt - für den 26. September geplant. Die Chorfantasie schrieb Beethoven 1808 in großer Eile und improvisierte sogar den Schluss während der Aufführung.

Hoffnung auf Sommer

Sie sollte den glanzvollen Schlusspunkt einer Akademie bilden. Improvisieren ist aber für die Kantorei keine Option. Wann die Chorproben wieder starten können und ob sie für die Aufführung dann ausreichen, ist fraglich.

Für Ulrich Seeger besteht Hoffnung, dass die Friedberger Sommerkonzerte mit dem Streichquartett B-Dur, op. 18, gespielt vom Römerberg-Quartett, am 5. Juli eröffnet werden. Am 18. August könnte man Beethovens selten gespielte »Flötenuhr-Stücke« hören. Er komponierte die fünf Stücke 1799 für die damals so bezeichneten Musikautomaten, sie wurden aber erst 1902 im verstreuten Beethoven-Nachlass entdeckt.

Eine szenisch-komödiantische Version des ersten Satzes aus der 5. Sinfonie hatten sich die Neuen Kurkonzerte mit Dirigent Markus Neumayer und der Akteurin Ingrid El Sigari am 17. Mai vorgenommen. Das sollte unbedingt nachgeholt werden. Ob das Hessische Jugendsinfonieorchester am 11. Oktober sein Beethoven-Programm spielen kann, wird sich in Kürze entscheiden.

Die Vorfreude bleibt

Glück hatte die Kammerphilharmonie Bad Nauheim, die zum Auftakt im März bereits die Ouvertüre op. 115 »Zur Namensfeier« aufführte und dem berühmten Komponisten damit gratulierte. Hoffentlich kann auch die Kammermusik-Reihe am 28. Juni mit dem Württemberg Wind Quintett noch einmal Beethovens Kammermusikschaffen aufleben lassen.

Vielversprechend klingt die Ankündigung der Stadtkapelle Friedberg, die zum Weihnachtskonzert die Egmont-Ouvertüre und ein großartig inszeniertes Stück »70 Jahre Grundgesetz« mit Beethovens »Ode an die Freude« plant. Doch auch hier der Vorbehalt von genügend Probenzeit. Es bleibt also die Vorfreude - im Zweifelsfall eben auf nächstes Jahr.

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