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Zum letzten Mal vor dem OP-Bereich: Dr. Beate Zerbe (M.) zusammen mit ihrem Team (v. l.) Alice Hoppe, Dr. Joachim Patzak, Nachfolger Manfred Arndt, Andrea Velasco und Prof. Gabor Szalay.

Sportklinik

30 Jahre als Anästhesistin: Wetterauer Expertin für den »tiefen Schlaf« hört auf

  • VonHarald Schuchardt
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In der Wetterauer Sportklinik waren schon Stars wie Michael Schumacher und Fabian Hambüchen. Jetzt hört ein Urgestein der Klinik auf und blickt zurück.

Für Dr. Beate Zerbe war ihre Arbeit in der Anästhesie immer »der Traumberuf« schlechthin. Während ihrer Tätigkeit als ambulante Anästhesistin hat die Mutter zweier erwachsener Töchter und zweifache Großmutter viele Veränderungen erlebt. »Mit 66 war es Zeit, meine Kassenzulassung zurückzugeben«, erklärt die Ärztin, die in Wiesbaden geboren und in Bad Hersfeld aufgewachsen ist. Nach dem Abitur studierte sie in Gießen Medizin und erhielt danach eine Stelle als Assistenzärztin am Gießener Uniklinikum, wo sie erfolgreich die Ausbildung zur Fachärztin für Anästhesie abschloss.

Wetterauer Anästhesistin musste Beruf und Familie unter einen Hut bringen

»Als junge Mutter zweier Töchter war es nicht so einfach, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen«, erzählt Zerbe. Elternzeit war Ende der 80er Jahre noch kein Thema. Da kam das Angebot von Prof. Johannes Peil, der 1991 die Sportklinik eröffnet hatte, gerade richtig.

»Ich fuhr als freiberufliche Anästhesistin zweimal in der Woche zu den OPs von Marburg nach Bad Nauheim. Das war meine private Form der Elternzeit«, erinnert sich die Ärztin. »Seit der Aufnahme des OP-Betriebs in der Sportklinik bin ich dabei, ich bin schon so etwas wie ein Urgestein«, sagt Zerbe, die in den drei Jahrzehnten viele Veränderungen erlebt hat. »Professor Johannes Peil, sein Kollege Dr. Joachim Patzak und ich haben die Bedingungen in der ambulanten Anästhesie weiterentwickelt«, sagt Zerbe. Inzwischen sind mehrere Medikamente für ambulante Anästhesie auf dem Markt, die es ermöglichen, dass der Patient schon zwei Stunden nach der OP nach Hause darf.

In Wetterauer Sportklinik gehen Spitzensportler ein und aus

Doch auch die Patientenstruktur hat sich geändert. Lag die Altersgrenze für ambulante Operationen in der Sportklinik zunächst bei 60 Jahren, werden inzwischen auch ansonsten gesunde 80-Jährige operiert, erzählt Zerbe, die in ihrer langen Berufstätigkeit außerdem viele bekannte Sportler kennengelernt hat.

»Spitzensportler gehen hier ja ein und aus«, sagt die Narkose-Ärztin, die nur die Namen der Sportler nennt, die in der Öffentlichkeit über ihre Behandlungen in der Sportklinik gesprochen haben, allen voran Formel-1-Fahrer Michael Schumacher, Turner Fabian Hambüchen und Radprofi Klaus-Peter Thaler. Ex-Eintracht-Frankfurt-Trainer Dragoslav Stepanovic komme bis heute hin und wieder mal her, erzählt Zerbe. »Der Rest fällt unter die ärztliche Schweigepflicht.«

Wetterauer Anästhesistin erzählt von Patienten in Handschellen

Besonders gerne erinnert sich Zerbe an die drei Jahre, in denen sie als Intensivmedizinerin das Rallye-Dakar-Team von Volkswagen begleiten durfte. Im Jahre 2000 übernahm Peil die ärztliche Betreuung des Rallye-Teams, das 100 Personen umfasste. Dramatische Erlebnisse im VW-Team gab es bei der Rallye und den Trainingseinheiten in Afrika und Dubai glücklicherweise nicht. »Die Wüste zu erleben, das war einmalig«, sagt Zerbe.

Die Ärztin hat viele Menschen kennengelernt, darunter auch Insassen der JVA Rockenberg. Diese wurden von Polizisten begleitet. Erst nach Eintreten der Narkose wurden die Handschellen abgenommen.

An einen Häftling mit Meniskusschaden, den er sich beim Krafttraining zugezogen hat, erinnert sich Zerbe noch genau. »Es hat ein Knall im Knie getan wie bei einer Neun-Millimeter«, habe der Gefängnisinsasse ihr erzählt - in Anspielung auf den Knall bei einem Pistolenschuss. »Auf diesen Vergleich wäre ich nie gekommen«, sagt Zerbe.

Patientin schenkt Wetterauer Anästhesistin Handschuhe

»In einer Praxis kommt man den Menschen näher als in einem Klinikum«, erläutert die Ärztin, die einmal einer Patientin erzählt hat, dass sie schnell kalte Hände bekomme. 14 Tage später schenkte ihr die Frau ein Paar selbst gestrickte Handschuhe. Unvergessen bleibt Zerbe auch ein Patient, der vom Hals bis fast zum Knie vollständig tätowiert war. »Er erklärte mir die Technik dieser besonderen Tätowierung, die ein Maori - es sind dies die Ureinwohner Neuseelands - durchgeführt hat.«

Für Zerbe endet nun diese lange Zeit, doch ganz in den Ruhestand geht die 66-Jährige nicht. »Ich werde noch Vertretungen übernehmen und meine kleine Privatpraxis für Akupunktur und ästhetische Medizin in Marburg etwas ausbauen. Genießen werde ich jedoch meine neue zeitliche Unabhängigkeit«, kündigt Zerbe an, die zum Abschied von Klinikleiter Prof. Gabor Szalay einen großen Rosenstock und einen Gutschein erhielt. Eine Grußbotschaft schrieb auch Johannes Peil. Szalay: »Das ganze Team wird sie sehr vermissen.«

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