Aufwühlende Szenen

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Am Freitag sind die Schwestern Lara und Lucie Gruber zusammen mit Helfern nach Lesbos aufgebrochen. Drei Tonnen Hilfsgüter hatten die Wettenbergerinnen dabei. Schon bei der Ankunft erlebten sie aufwühlende Szenen.

Es sind bewegende Eindrücke, die Lara Gruber (20) von ihrem ersten Tag auf Lesbos schildert. Szenen wie diese: "Wir waren noch keine zwei Minuten im Camp, da lag ein Mädchen in Lucies Armen und wich nicht mehr von unserer Seite."

Zusammen mit ihrer Schwester Lucie (18) und weiteren Helfern ist Lara Gruber am vergangenen Freitag von Gleiberg aus in Richtung Lesbos aufgebrochen. Jener griechischen Insel, deren Flüchtlingslager Moria nicht erst seit dem verheerenden Brand Europa vor Augen führt, wie sehr es die Menschen in den Lagern alleine lässt.

Drei Tonnen Hilfsgüter hatten die Schwestern dabei, dazu noch Geldspenden. Es war die Spendenbereitschaft der Menschen hierzulande, die die beiden jungen Frauen berührte, andersrum ist es ihr Engagement, das wiederum viele bewegt.

Wie geplant sind sie am Montag auf Lesbos angekommen. Dass auf ihrer Fahrt ausgerechnet österreichische Polizisten, deren Staat sich weigert, Flüchtlinge von den griechischen Inseln aufzunehmen, bei einer Kontrolle ihre Aktion lobpreisten, sagt viel über die europäische Zerrissenheit in der Flüchtlingsfrage aus.

Die strengen Polizeikontrollen auf Lesbos schließlich liefen problemlos, erzählen sie. Von einer Leserin hatten sie zuvor den Tipp bekommen, für Griechenland Papiere zu besorgen, die die Absicht des Transportes dokumentierten. Dies sei äußerst hilfreich gewesen. Auf Lesbos nämlich müsse man legitimieren, dass das Ladegut nicht für den Verkauf, sondern für humanitäre Zwecke bestimmt sei. Ebenso wird eine akribische Auflistung der Güter in Englisch verlangt.

200 Kilogramm Windeln, 400 Kilogramm Seife und Shampoo, 450 Kilogramm Kekse oder aber 350 Kilogramm Nudeln - dass ist nur ein Teil dessen, was sie dabei hatten. Die Hilfsgüter haben sie in ein zentrales Lager gebracht und von dort aus portioniert verteilt. Windeln und Hygieneartikel etwa brachten sie zunächst dorthin, wo in Zelten auch Babys und Kleinkinder untergebracht waren. Man müsse vorsichtig agieren, sagt Lara Gruber. "Wenn man etwas ausgibt, hat man schnell 100 Leute um sich herum." Es sind Bilder, die viele nur aus dem Fernsehen kennen, die die beiden Schwestern nun vor Ort erleben.

Ihr erster Eindruck von den Menschen sei positiv, sagt Lara Gruber. "Die Menschen sind verzweifelt, aber respektvoll. Ich habe mich in keiner Sekunde unwohl gefühlt oder Angst gehabt. Wir wurden nicht unangenehm angesprochen und sie akzeptierten auch mal ein Nein." Vor allem die Begegnungen mit den Jüngsten gehen ihnen nahe. "Viele der Kinder sind sehr liebesbedürftig und anhängig."

Und dann ist da noch die Episode mit Raed, einem Mitglied der Organisation "standbyme", die die beiden Schwestern nachhaltig berührt hat. "Standbyme" ist eine Organisation der Geflüchteten vor Ort, die ehrenamtlich mithelfen. Der junge Mann berät sie, wie sie die Spendengelder am sinnvollsten investieren können. Er sagte, er freue sich über die Hilfe der beiden. Er gab ihnen aber auch eine Botschaft mit, "die wir gerne verbreiten sollen: Er fragte, wo wir vor drei, vier Jahren gewesen wären?", erzählt Lara Gruber. Er meinte damit nicht die beiden Schwestern, sondern Europa. "Er wolle nicht das Geld der Europäer, er wolle akzeptiert werden, hat er gesagt. Und er wolle, dass diese Menschen nicht weiter wie Tiere behandelt werden. Wir saßen ihm weinend gegenüber, und ich habe mich geschämt."

Das ist jedoch nur die eine Seite, auch viele Griechen auf der Insel kommen mit der Situation nicht mehr zurecht. Der Tourismus ist zum Erliegen gekommen, die Wirtschaft eingebrochen, etliche Häuser stehen leer. "Die Griechin, die am Abend für wenig Geld sehr leckeres und landestypisches Essen für uns kochte, erzählte, sie wisse nicht, wie sie im Winter ihre Kinder ernähren solle", sagt Lara Gruber. Auch das gehört zur Gemengelage auf Lesbos.

Zwei weitere Tage haben beide nun im Camp verbracht, arbeiten mit und helfen, wo sie gebraucht werden. Bis zum Wochenende werden sie bleiben. "Wir fühlen uns gut, weil man etwas Gutes tun darf", sagt Lara Gruber, "aber es macht mehr mit einem, als man denkt, am Abend setzen sich die Bilder und man denkt viel nach".

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