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"Aufschieben funktioniert nicht"

  • Sabine Bornemann
    vonSabine Bornemann
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Verlorene Zeit kann man nicht nachholen. Doch darum geht es im Roman der Autorin Martina Borger. Sie wird heute Abend den Auftakt der Reihe "Erlesenes in Bad Nauheim" gestalten. Nach einer langen Corona-Pause ihre erste Live-Lesung. Im Interview spricht sie darüber, was sie gerne noch machen möchte, die "Lindenstraße" und langweilige Krimis.

Der Titel ihres Romans könnte nicht besser passen: "Wir holen alles nach".

Ja, der Titel war in gewisser Weise ein Glücksfall - er passt perfekt zu den letzten Corona-Monaten. Das wussten wir allerdings nicht, als wir ihn Ende des Jahres 2019 ausgewählt haben.

Was haben Sie als Autorin nach der Corona-Pause alles nachgeholt?

Als erstes bin ich ins Kino gegangen, das hatte ich lange vermisst! Ansonsten war der Lockdown für mich nicht so schlimm wie für andere Menschen, denke ich. Als Autorin lebt man ja sowieso recht zurückgezogen, muss nicht ins Büro oder sonst wohin.

Für die Reihe "Erlesenes in Bad Nauheim" gestalten Sie die erste Lesung. Freuen Sie sich auf den Auftritt?

Ich freue mich sehr darauf, denn auch für mich ist es die erste Live-Lesung - bisher habe ich nur im Internet gelesen. Das funktionierte zwar auch erstaunlich gut, aber der Kontakt zum Publikum und zu den Buchhändlern hat mir doch sehr gefehlt.

Immer wieder reden die Figuren Sina oder Ellen im Roman davon, Dinge nachholen zu können oder zu wollen. Wieso?

Ich denke, dass wir alle dazu neigen, Dinge auf später aufzuschieben, weil es gerade aus verschiedenen Gründen nicht "passt". Allerdings funktioniert das Aufschieben letztendlich nicht - man kann zum Beispiel die verlorene Zeit mit einem Kind nicht nachholen. Das verstehen wir oft zu spät.

Der Sohn der Hauptfigur Sina - eine alleinerziehende Mutter - heißt Elvis. Weshalb haben Sie diesen Namen für einen Achtjährigen gewählt?

Es ist ein kleiner Verweis auf die doch zum Teil sehr exotischen Namen, die Eltern heute ihren Kindern geben. Ich fand es auch einfach lustig, weil der Name so gar nicht zu dem Kind passt.

Bad Nauheim hat ja einen speziellen Bezug zu Elvis Presley. Gehen Sie in der Lesung darauf ein?

Ehrlich gesagt, kannte ich diesen Bezug bisher gar nicht und musste ihn erst mal googeln. Bei der Lesung darauf eingehen werde ich nicht.

Im Buch macht die Mutter eine schlimme Entdeckung: Blaue Flecken am Körper ihres Sohnes. Schuldzuweisungen folgen. Kann der Konflikt zwischen Partner, Nachhilfelehrerin und Ex-Mann gelöst werden?

Möglich ist das sicherlich, und zum Teil wird er auch gelöst, zum Beispiel, zwischen Sina und ihrem Partner Torsten. Mir ging es aber vor allem darum, zu zeigen, wie schnell wir dazu neigen, einen anderen Menschen zu verdächtigen, ohne dafür einen stichhaltigen Grund zu haben, oft auch aufgrund von Vorurteilen.

Protagonistin Sina ist hin- und hergerissen zwischen Job und Familie. Ging es Ihnen auch so?

Ich war immer in der privilegierten Situation, zu Hause arbeiten zu können, was es mir verhältnismäßig leicht gemacht hat, meine beiden Kinder und meinen Beruf zu koordinieren.

Was müsste sich für berufstätige Mütter verbessern?

Ich denke, vor allem die Betreuungsmöglichkeiten für kleine und größere Kinder. Die Männer müssten sich mehr in die "Aufzucht" einbringen, was sie zum Teil auch schon tun und auch gerne mehr tun würden, aber nicht können, weil es ihrer Karriere hinderlich ist. Das sind natürlich alles gesellschaftliche Probleme: So lange Mütter, die ihre Kinder "außer Haus" betreuen lassen, oft noch als "Rabenmütter" gelten, haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

Sie haben zusammen mit Elisabeth Straub über 250 Drehbücher für die Lindenstraße geschrieben. Haben Sie eine Lieblingsfolge?

Nein, es waren einfach zu viele, allein von mir über 250. Wir haben die Drehbücher ja nicht zusammen geschrieben, sondern jede für sich - nur entwickelt haben wir die Inhalte gemeinsam.

Bedauern Sie das Serien-Ende?

Nein. Es ist ja schon ein Phänomen, dass sich eine Serie über 30 Jahre hält - insofern können die Macher sehr stolz sein. Aber alles Ding hat seine Zeit, so auch eine Serie wie die "Lindenstraße", die irgendwann dann doch auserzählt ist. Für mich persönlich bleibt die Erinnerung an eine wunderbare Arbeit dort.

Was würden Sie gerne - entsprechend des Buchtitels - noch nachholen?

Nachholen kann man ja eigentlich nichts! Aber was ich wirklich gerne wieder machen würde, sobald es möglich ist: Reisen! Vorzugsweise in mein Lieblingsland Italien…

Sie haben den Wiesbadener Frauenkrimipreis bekommen. Arbeiten Sie derzeit an einem Krimi?

Nein. Ich bin weder eine Krimischreiberin noch eine -leserin und ich denke auch, alle meine/unsere Bücher waren im klassischen Sinne keine Krimis, auch das Buch nicht, für das wir seinerzeit diesen Preis bekommen haben. Ich langweile mich bei Krimis leider immer furchtbar schnell!

Über welches Thema würden Sie gerne noch schreiben?

Das kann ich so gar nicht beantworten - ich schreibe meine Bücher ja über Figuren und nicht über Themen, die kommen eher "automatisch" dazu, sobald man sich auf eine Person und ihre Geschichte einlässt. Was mich einfach immer interessiert, sind Menschen in all ihren Facetten und mit all ihren Lebensgeschichten. Und von solchen Menschen wird auch mein nächstes Buch handeln. Die Hauptfigur ist diesmal ein Mann.

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