Ein Mann soll sein Patenkind mehrfach missbraucht haben. Das Mädchen war damals vier Jahre alt. Warum sie so lange geschwiegen habe, will die Staatsanwältin am ersten Verhandlungstag wissen. Sie habe sich geschämt, antwortet die inzwischen junge Frau.	SYMBOLFOTO: DPA
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Ein Mann soll sein Patenkind mehrfach missbraucht haben. Das Mädchen war damals vier Jahre alt. Warum sie so lange geschwiegen habe, will die Staatsanwältin am ersten Verhandlungstag wissen. Sie habe sich geschämt, antwortet die inzwischen junge Frau. SYMBOLFOTO: DPA

Auch Stieftochter missbraucht?

  • vonHedwig Rohde
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Wie zuverlässig sind die Erinnerungen einer 17-Jährigen an zwölf Jahre zurückliegende Ereignisse? Unausgesprochen stand diese Frage über dem zweiten Verhandlungstag vor dem Amtsgericht Friedberg gegen einen rund 60-Jährigen. Ihm wird vorgeworfen, seine Nichte mehrfach missbraucht zu haben. Auch an seiner Stieftochter soll er sich vergangen haben.

In der Verhandlung wegen Kindesmissbrauchs vor dem Amtsgericht Friedberg schärften die Aussagen von 14 Zeugen, darunter neun Polizeibeamte unterschiedlicher Dienststellen, die Konturen des vorhandenen Bildes. Die Zeugen offenbarten vor allem widersprüchliche Angaben des Angeklagten.

Der Mann lebte 2017 mit seiner dritten Ehefrau und deren damals elfjähriger Tochter in einer mittelhessischen Kleinstadt. Auch dieses Mädchen soll er missbraucht haben. Demnach hatte sich die Elfjährige an einem Junimorgen im ehelichen Doppelbett zwischen Mutter und Stiefvater gelegt. Sie erwachte, weil sie eine Hand an ihrem Oberschenkel und im Intimbereich spürte. Sie stellte sich schlafend, während ihr Stiefvater sich befriedigte, und berichtete später ihrer Mutter von dem Vorfall. Der Mann wies seiner Frau gegenüber die Anschuldigungen entschieden zurück, geglaubt wurde dem Mädchen nicht.

Am 6. Dezember 2017 weilte die damals 17-jährige Nichte des Mannes in einem Nachbarort bei einem drei Jahre älteren Freund. Wie bereits am ersten Verhandlungstag dargestellt, durchlebte sie als Teenager eine extrem schwierige Zeit, war aufsässig und sprunghaft, fühlte sich »psychisch stark angegriffen«, halt- und orientierungslos. Als ihre Mutter kam, um sie abzuholen, gerieten beide an der Wohnungstür des Freundes in einen heftigen Streit. Erregt und zornig, brach die 17-Jährige das »Geheimnis«, das sie auf Anweisung ihres Patenonkels mehr als zwölf Jahre gehütet hatte, und konfrontierte ihre Mutter mit dem Missbrauch durch deren Bruder. Ihr Onkel habe sie ihren Angaben nach »betatscht«, erinnerte sich der Freund in seiner nur widerwillig gemachten Zeugenaussage an den Streit.

Schwester erstattet Anzeige

Die Mutter, völlig entsetzt, konfrontierte ihren Bruder mit dem Vorwurf. Der wies in einem Telefonat die Anschuldigungen stammelnd und unter obskuren Rechtfertigungsversuchen zurück. Gleichwohl erstattete die Frau Anzeige und sandte einen Mitschnitt des Telefonats an ihre Schwägerin, die dritte Ehefrau ihres Bruders. Diese erinnerte sich an den sechs Monate zurückliegenden morgendlichen Vorfall und zögerte nun, am 7. Dezember 2017, nicht, die Polizei zu informieren.

Der bald darauf eintreffenden Streife schilderte sie, was sie wusste. Ein Beamter und eine Polizeianwärterin unterhielten sich danach mit der Elfjährigen, die unter heftigem Weinen auf die Stellen ihres Körpers deutete, wo sie sechs Monate zuvor die unerwünschten Berührungen gespürt habe. Ihre Mutter informierte die Polizisten, dass sie ihren - nicht anwesenden - Ehemann nicht länger in ihrem Haus dulden werde, packte Notwendiges zusammen und stellte es ihm vor die Tür.

Am nächsten Abend wurden die Polizisten erneut zu der Adresse beordert. Die Frau hatte angerufen, weil ihr Ehemann Einlass begehrte. Die Beamten fanden den Mann mit zwei Plastiktüten in der Hand vor der Garage stehend. Er habe nicht gewusst, wohin, und suizidale Tendenzen erkennen lassen, schilderten sie vor Gericht. Sie nahmen ihn mit zur Dienststelle und riefen dort auf seinen Wunsch den Rettungswagen, der ihn in eine Psychiatrische Klinik brachte.

Gespräche mit Psychologin

Eine mit seinem Fall befasste Psychologin gab vor Gericht an, die gegen ihn erhobenen Missbrauchsvorwürfe seien in ihren Gesprächen nur am Rande thematisiert worden. Unter anderem habe er erzählt, die Kinder seien »auf ihm herumgehüpft«, hätten ihn »vergewaltigt«. Sie schilderte ihn als »freundlich, manchmal distanzlos« mit teilweise »kindlichem Auftreten«.

Einer Polizeibeamtin gegenüber äußerte sich der Angeklagte anders: Es wohne »ein Schwein in ihm«, er brauche Therapie, zitierte sie aus der Beschuldigtenvernehmung. Das einmalige Berühren seiner Stieftochter habe er ihr gegenüber eingeräumt, auch, dass er nach der Trennung von seiner zweiten Frau »Nähe gesucht« und bei seiner Nichte (damals vier Jahre alt) gefunden habe.

Unter anderem mit Sachverständigengutachten wird die Verhandlung fortgesetzt.

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