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Kreisarchäologe Jörg Lindenthal erklärt Besuchern, was bei der Grabung zutage kommt.

Grabung

Archäologen stoßen auf Überraschung am Westrand von Altenstadt

  • VonOliver Potengowski
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Die aktuelle Grabung am Westrand von Altenstadt bietet außergewöhnlich gute Voraussetzungen, um mehr über die römische Kultur in der Region zu erfahren.

Altenstadt – Am Ortsrand von Altenstadt (Wetterau) soll ein Neubaugebiet entstehen. Vorab sind dort Archäologen im Einsatz, um etwaige Bodenfunde zu untersuchen. Ein großes steinernes Gebäude ist nicht die einzige Überraschung, die sie gefunden haben. Bei einer Führung zeigte Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal auch Geweihreste, die von einer kultischen Nutzung des Gebäudes vor 1800 Jahren stammen könnten.

Rund 50 Besucher begaben sich am Freitagnachmittag auf eine Reise in die Zeit der römischen Besiedlung. Wobei es sich dabei, wie Lindenthal und Dr. Markus Helfert von der Uni Frankfurt erläuterten, um eine multikulturelle Gesellschaft handelte. »Es gab nicht die Römer«, stellte Helfert fest.

Handwerker aus dem Gebiet des heutigen Belgien seien für ihre Töpferwaren bekannt gewesen. Die Händler aus dem Rheinland hätten bis zu den britischen Inseln Warenaustausch betrieben. Lindenthal verwies auf die starken keltischen Einflüsse, die insbesondere auch in den Grenzregionen am Limes die römische Kultur geprägt hätten.

Grabungen in Altenstadt (Wetterau): Wo die Familien der Soldaten lebten

Die aktuelle Grabung in Altenstadt bietet sehr gute Voraussetzungen, um mehr über diese Kultur in der Region und die Siedlungsgeschichte der Gemeinde zu erfahren. Nachdem im 1. Jahrhundert nach Christus erste römische Befestigungen in der Nähe des heutigen Penny-Markts angelegt worden waren, wurden diese in den folgenden Jahrhunderten zu einem sogenannten Numeruskastell erweitert. Lindenthal schätzt die Garnison auf rund 200 Legionäre.

Die aktuelle Grabung betrifft jedoch nicht das Kastell. Dessen Grundfläche wurde nahezu ohne archäologische Untersuchung überbaut. Doch zu einem solchen Numeruskastell gehörte in der Regel eine Siedlung vor den Toren, in der die Familien der Soldaten, Handwerker und Händler lebten. Typisch für diese Vicus genannten Siedlungen sind lange, schmale Streifenhäuser.

Untypisch ist das Steinhaus, das die Archäologen gefunden haben. »So ein großes Steingebäude an einem Numerus-Vicum ist etwas Besonderes«, so Lindenthal. Auch dass das Gebäude am Rande der Siedlung stand, sei außergewöhnlich. »Wenn man aus Frankfurt-Heddernheim hierher kam, hat man als Erstes das Steingebäude gesehen«, beschrieb Helfert die exponierte Lage.

Das massive Gebäude ist jedoch nicht die einzige Überraschung der Grabung. Der hohe Grundwasserspiegel begünstigte die Erhaltung organischer Substanzen. Sechs Brunnen haben die Archäologen gefunden. Nahezu alle in Holz gefasst. »Das Holz ist fast bis auf eine Höhe von einem Meter erhalten«, freute sich Lindenthal. Damit lässt sich der Vicus nach den Jahresringen im Holz auf die Schlussphase der römischen Besiedlung der Region in der Mitte des 3. Jahrhunderts datieren.

Altenstadt: Skelette bei Grabungen in der Wetterau gefunden

Brunnen sind gewissermaßen die Schatztruhen der Archäologen. Wenn sie aufgegeben werden, werden sie in der Regel mit Abfällen verfüllt. Dabei fanden sich in Altenstadt ein Hunde- und ein Pferdeskelett. Bemerkenswerter sind zwei Schuhe - ein genagelter Männer- und ein Frauenschuh. Dass das Leder nicht zerfallen ist, liegt am hohen Grundwasserspiegel. Lindenthal hofft, dass sich im Boden auch noch Pollen aus der Antike finden. Damit ließe sich die Vegetation in der Umgebung des Vicus rekonstruieren und ggf. auch die Landwirtschaft.

Just am Freitag gab es einen weiteren Fund: ein Geweih. Dass es keine Bearbeitungsspuren zeigt und sich in dem Steingebäude fand, könnte auf eine kultische Nutzung des Hauses hindeuten. Die Kelten verehrten einen Gott, der mit Hirschgeweih dargestellt und »Gehörnter« genannt wurde.

Wenn sich ausreichend Teilnehmer anmelden (leister@ altenstadt.de), soll es am Mittwoch, 22. September, ab 15 Uhr eine weitere Führung geben. (Oliver Potengowski)

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