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Politisch und stilsicher

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Altenstadt(sax). Unter den Faschingssitzungen der Region ist die St.-Andreas-Fastnacht etwas Besonderes. Seit Jahrzehnten gelingt es der Gemeinde trotz vieler Widrigkeiten, in den engen Räumlichkeiten des Gemeindezentrums eine attraktive Veranstaltungen auf die Beine zu stellen.

Auch in diesem Jahr zeigte sich die Sitzung, die unter dem Motto "Zirkus" stand, politisch und stilsicher. Dabei fiel Christopher Faust eine besonders schwere Aufgabe zu. Er musste als Sitzungspräsident in die großen Fußstapfen treten, die der letztes Jahr verstorbene Ulrich Goretzki hinterlassen hat. "Der Herrgott hat dich viel zu früh von uns genommen", gedachte er in der Begrüßung seines Vorgängers und bat, "gib auf uns acht und schau dir an, was jetzt noch kommt im Programm." Souverän führte Faust anschließend durch einen Abend, in dem bei allem Frohsinn immer wieder kritische Zwischentöne zu hören waren.

Jesus und der Fußball

"Was wäre ein Zirkus ohne Clown, wahrscheinlich wie die Deutsche Bahn ohne Verspätung - möglich, aber nicht authentisch," kündigte er Dominik Seitz als Protokoller an. Der würzte seine Büttenrede immer wieder mit alternativen Fakten zu Bibel und Christentum. So erfuhr das Publikum, dass Jesus in der ersten historisch belegten Fußballmannschaft spielte. Schließlich stehe in der Bibel, "Jesus stand im Tor von Nazareth und die Jünger standen Abseits."

Dazu präsentierte er das Weltgeschehen des vergangenen Jahres mit Ortsvorsteherwahl in Altenstadt und Wurstskandal. "Bei dem Konzern blieb der Gewinn. Und wo gehen die Verluste hin?" Dieses Thema griffen auch die "Fans von der Wetterau" (Alex Wolf, Frank Neumann, Armin Reusch, Dieter Reifschneider, Matthias Slabsche und Peter Sulzmann) in ihrem Liedvortrag auf. Als Gegenmittel gegen Tierleiden und Ekel empfahlen sie, regional zu kaufen.

Auf die Melodien bekannter Hits wie "Westerland" von den Ärzten oder "YMCA" der Village People präsentierten sie Texte, die durchaus polarisieren konnten. Statt plumper Gags über Greta reimten sie; "Ökostrom und Kohleausstieg, jeder ist dafür, Stromleitungen und Windkraft - überall, nur nicht hier."

Zum Refrain "wenn nicht jetzt, wann dann", hatte Faust einen Gastauftritt als demonstrierende Greta. Dabei ließen die Fans keinen Zweifel, "der Klimawandel ist jetzt schon da."

Nachdenkliche und feinsinnige Töne prägten die Rede des neuen Pfarrers Dr. Ludger Müller, die sich gegen Materialismus und für das Menschsein aussprach. "Ich bin nicht so cool, wie manche hier denken, ich tu mein Herz gern verschenken", erklärte er und sang darauf "Liebeskummer lohnt sich nicht."

Wehmütige Kritik

Müller plädierte für Nähe und eine menschliche Gesellschaft. Und nannte als ein Beispiel dafür ein Gemeindemitglied. "Er weiß genau, was Menschsein ist und dass man es nicht bei Otto kriegt." Den Schluss seines Vortrags bildete eine wehmütige Gesellschaftskritik. "Amerika, Amerika, wie haste dir verändert." "Ein zu uns passender Pfarrer zeichnet sich nicht nur durch die Teilnahme an der Fastnacht aus", dankte Faust für den Vortrag. Er ließ jedoch keinen Zweifel offen. "Sie passen zu uns."

Und auch für Müller war sein Auftritt lehrreich. "Ich habe mich immer gewundert, zum Gottesdienst kommen die Leute immer zu spät und sitzen in den letzten Bänken", sagte er über die bei den Sitzungen schon frühzeitig vollen Säle. "Ich glaub, ich mach was falsch."

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