In der Abgeschiedenheit von Kloster Engelthal war schon vor Corona kein Platz für das laute öffentliche Leben mit all seinen Möglichkeiten der Ablenkung. Schwester Maria Magdalena Hörter sagt: "Man kann die jetzige Zeit auch als Chance begreifen und sie aktiv nutzen, um in Stille bei sich selbst einzukehren." FOTOS: HERFRIED QUANZ, ALTENSTADT-HÖCHST/IM/SDA
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In der Abgeschiedenheit von Kloster Engelthal war schon vor Corona kein Platz für das laute öffentliche Leben mit all seinen Möglichkeiten der Ablenkung. Schwester Maria Magdalena Hörter sagt: "Man kann die jetzige Zeit auch als Chance begreifen und sie aktiv nutzen, um in Stille bei sich selbst einzukehren." FOTOS: HERFRIED QUANZ, ALTENSTADT-HÖCHST/IM/SDA

Benediktinerinnen-Abtei Kloster Engelthal

Die Kraft der Stille kennenlernen

  • vonInge Schneider
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"Für das klösterliche Leben sind das Schweigen und die Stille essenziell", sagt Schwester Maria Magdalena Hörter. Seit vielen Jahren bietet sie Stille-Seminare in der Abtei Kloster Engelthal an.

Schwester Maria Magdalena, Sie sagen, die Stille sei wesentlich fürs Leben im Kloster. Warum ist das so?

Zeiten des Schweigens und der Stille spielen in allen Weltreligionen eine große Rolle, besonders dann, wenn auch der Alltag intensiver vom Leben aus dem Glauben bestimmt werden soll. Das klösterliche Leben in Engelthal ist wesentlich vom Schweigen geprägt - weil wir als Ordensfrauen auf Gott hören wollen. Denn um wirklich hören, lauschen, etwas wahrnehmen und schließlich verstehen zu können, ist es notwendig, sich selbst zurückzunehmen, das heißt: zu schweigen, die Sinne zu schärfen und sich zu öffnen für das, was ist und was auf mich zukommt. Schweigen ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, sich Gott zu öffnen, ihm in der Seele Raum zu geben.

Stimmt es, dass sich die große Bedeutung der Stille in der Architektur jedes Klosters widerspiegelt?

Ja. Die Begriffe "Kloster" und "Klausur" meinen im Lateinischen "verschlossener Ort". Deshalb gibt es eine deutliche Abgrenzung nach außen - bei uns ist dies eine Mauer rund um die Abtei. Sie umschließt einen umfriedeten Innenbereich, ist aber durch das große Tor zugleich offen für die Welt außerhalb des Klosters, für Pilger, Gäste, Suchende, für Impulse von außen. Wie in konzentrischen Kreisen nach innen hin ist dann da der Wohnbereich von uns Schwestern, der für Besucher nicht zugänglich ist und in dem die Stille zunimmt. Der Kreuzgang im Zentrum unseres Klosters ist ein Schweigeraum, in dem auch wir nicht miteinander sprechen. Noch intensiver wird die Stille im persönlichen Lebensraum jeder einzelnen Schwester, in ihrer Zelle.

Welche Räume tun sich auf, wenn man die Außenreize minimiert - wie es 2020 für viele unfreiwillig war? Was geschieht, wenn man Stille zulässt?

Das Entscheidende ist das Wort "zulassen". Damit die Stille ihre Kraft entfalten kann, bedarf es einer bewussten Entscheidung. Diese wiederum erfordert Mut, denn in der Stille setze ich mich zunächst ungeschützt mir selbst aus - eine Begegnung, die für viele Menschen ungewohnt ist, wenn nicht sogar bedrohlich erscheint, sodass man sie lieber vermeidet oder sich durch äußere Reize ablenkt. In unserer modernen Welt will ja auch ständig irgendetwas unsere Aufmerksamkeit bekommen, diese Welt gönnt uns keine Stille. Doch dann kamen die Lockdowns mit dem Herabfahren des lauten öffentlichen Lebens mit all seinen Möglichkeiten der Abwechslung. Ich kann an dieser Situation leiden, ja verzweifeln, mich den auferlegten Regeln widersetzen oder vehement mein gewohntes Leben zurückfordern. Ich kann diese Zeit aber auch als Chance begreifen und sie aktiv nutzen, um in Stille bei mir selbst und bei Gott einzukehren.

Welche Chancen bietet Stille?

Stille lässt achtsamer werden, das heißt: langsamer, leiser und liebevoller, das ist ihr großes Geschenk an uns. Ich denke, wir brauchen gerade in einer Zeit der permanenten Reizüberflutung Gelegenheiten zum Rückzug, zum Schweigen und zum Eintauchen in die Einsamkeit, um den Kontakt mit uns selbst nicht zu verlieren. Ich brauche Stille, um zu spüren, wer ich bin und wo ich stehe, woher ich komme und wohin ich gehe, und wohin ich gehöre.

Gelingt das im Kloster leichter?

Hier in Engelthal, fern von zu Hause und in unseren schlichten, aber schönen Gästezimmern und Gemeinschaftsräumen, empfinden viele Menschen es als einfacher, sich auf die ersten Schritte dieses Prozesses einzulassen. Wenn man den Weg in einer Kursgruppe geht, ist es noch ein wenig leichter, denn wenn Menschen gemeinsam schweigen, unterstützen sie sich gegenseitig, und dann wächst die Stille auch zwischen ihnen.

Funktioniert Schweigen auf Knopfdruck?

Nein. Jeder, der in das Schweigen und in die Stille eintritt, muss erst einmal aushalten, dass mit zunehmender Reizarmut von außen die Gedanken von innen her lauter werden. Schweigen ist ein Weg, ein Prozess, der langsam von außen nach innen führt, bis man die wahre eigene innere Stimme hört, sie unterscheiden lernt von den vielen äußeren Stimmen, die nur als Echo in meinem Innern wiedertönen, aber nicht lebensfördernd sind. Meine wahre innere Stimme, die "Leben in Fülle" will, ist ganz nah der Stimme Gottes in meinem Herzen.

Ertragen Kursteilnehmer denn alle gleichermaßen die Konfrontation mit dem eigenen Ich?

Seminar-Abbrüche etwa gibt es sehr selten, aber sie kommen vor, und selbstverständlich ist jeder frei, zu gehen. Auch sonst gibt es keinerlei Zwang in den Seminaren, ich sage in der Einführung immer: "Verbindlich für alle ist nur das Schweigen und dass Sie pünktlich zu den Mahlzeiten kommen. An allen anderen Angeboten können Sie teilnehmen, müssen aber nicht." Viel häufiger ist der Fall, dass Teilnehmer wiederkommen, dass sie das Schweigen verlängern möchten, von einem einzelnen Tag auf ein Wochenende oder sogar eine ganze Woche.

Nehmen Sie einen zunehmenden Wunsch nach Stille wahr?

Ja, dieser Wunsch wächst meiner Erfahrung nach seit vielen Jahren, unsere Kurse sind regelmäßig früh ausgebucht, sodass wir Wartelisten führen müssen. Das war schon vor Corona so, hat sich durch die Pandemie aber nochmals verstärkt. Unsere Gesellschaft ist so laut geworden, dass immer mehr Menschen wahrnehmen, wie sie selbst, der Sinn und die Tiefe ihres Lebens verloren gehen. Vielleicht ist es sogar so, dass wir diese Krise brauchten, damit wir endlich innehalten, damit wir aus dem Lärm und der Hektik unserer Zeit regelrecht herauskatapultiert werden ins Leise, Stille und Langsame. Der Weg dorthin ist, wie gesagt, auch anstrengend und erfordert Mut. Aber er kann Momente der Selbst- und Gottesnähe schenken, mehr Bewusstheit über meine Wege und Ziele, mehr Achtsamkeit im Umgang mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen, Dingen und der Natur.

Gibt es Empfehlungen für den Einzelnen, im Alltag bewusst mehr Inseln der Stille zu schaffen?

Im Alltag hilft es, wenn ich mir in meiner Wohnung einen Raum oder ein Platz großer Schlichtheit schaffe, ohne viele Gegenstände, die mich ablenken. Wenn ich mir selbst Zeiten bewussten Schweigens, der Stille und der Langsamkeit nehme. Ganz einfache Dinge helfen dabei, etwa das zeitweise Ausschalten von Handy und Fernseher, das Aufräumen eines Zimmers, das Sichtrennen von Gegenständen, um auch sichtbare Leer-Räume zu schaffen, in denen ich einfach nur da sein kann.

Und außerhalb der eigenen vier Wände?

Eine Möglichkeit ist, allein in die Natur zu gehen und mit allen Sinnen in sie einzutauchen. Mich vielleicht auf eine Bank setzen, die Augen schließen und das immer noch Leisere hören. Den Atem wahrnehmen, die Füße beim Gehen spüren, die Luft auf der Haut. Vom Hören ins Lauschen, vom Sehen ins Schauen, vom Riechen ins Erschnuppern, vom Schmecken ins Kosten und vom Tasten und Greifen ins Fühlen und Spüren kommen. Natürlich werde ich immer wieder ins Denken geraten, aber dann verurteile ich mich nicht, sondern lächle und sage zu meinen Gedanken: Eure Zeit kommt später. Jetzt bin ich nur hier. Ganz präsent für das Geschenk der Gegenwart. Und dann kehre ich zurück zum Alltag. Es kommt ein neuer Tag - man darf sich auch nicht überfordern und alles auf einmal verlangen. Auch nicht zu viel Stille.

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