hed_storch1_100721_4c
+
Die Flugübungen sind bald beendet. Dann ziehen die Jungstörche Richtung Süden. SCREENSHOT

Störche

Bald heißt es Abschied nehmen von den Lindheimer Jungstörchen

  • VonRedaktion
    schließen

Das Storchenkindergucken neigt sich dem Ende: Die Lindheimer Jungstörche unternehmen ihre ersten Flugversuche. Bald werden sie die Wetterau verlassen.

So wie es 1891 beim Flugpionier Otto Lilienthal an der Sandgrube nahe dem brandenburgischen Dorf Krielow zugegangen ist, so geht es aktuell bei den schwarzweiß gefiederten Lindheimer Medienstars auf dem 27 Meter hohen Schlot einer alten Schnapsbrennerei zu: mit Stehübungen gegen den Wind kurz abheben, bevor der erste Gleitflug wagt wird. Einen halben bis ganzen Meter schwebt dann einer der zwei Monate alten Adebars über dem wagenradgroßen Nest. Die Kamera am Horst, die seit dem Frühjahr alles Geschehen dort via Youtube um die Welt schickt, erfasst dann für Sekunden nur die zappelnden Füße des Flugaspiranten. Dann ist wieder Landen angesagt. Doch seit letzter Woche zieht der erste Junior seine Platzrunde und setzt danach elegant wieder im Nest auf. Seitdem juckt es seinen Geschwistern in den Schwingen.

»In den nächsten Tagen werden die Jungvögel das Nest verlassen, um das Jagen zu lernen und zunehmend selbst auf Futtersuche zugehen, denn Mitte, Ende August beginnt die Reisezeit«, erklärt Wilhelm Fritzges, Storchenexperte bei der Vogelschutzgruppe Lindheim. Allerdings erfolgt das Nestverlassen nicht ganz freiwillig. »Das ist wie bei jungen Leuten, wenn sie zu Hause gut versorgt werden. Die wollen dann meist nicht weg«, sagt Fritzges. Daher halten die Storcheneltern Wilma und Wilfried instinktiv die Fütterung von nun an knapper, die mit dem Hochwürgen der Fänge etwa von kleinen Fischen, Fröschen und sonstigen Getier in das Nest abläuft. Mit der Futterreduzierung verlören die Jungstörche auch etwas Gewicht, was zudem den Flugtrieb steigere. »Die ersten Übungen machen ihnen aber auch Spaß«, sagt Fritzges.

Manchmal eher Dreckspatzen

Anfang April legte Wilma fünf Eier im Horst, nur aus dreien schlüpften nach rund 30 Tagen Küken. »Vermutlich waren die beiden anderen Eier nicht befruchtet worden«, meint Fritzges. In den 15 Nestern, die die Vogelschutzgruppe betreut, seien durchschnittlich zwei bis drei Junge. »2021 war mit gut 30 Jungtieren ein sehr gutes Storchenjahr.« Der für die Jungen oftmals tödliche Kälteeinbruch im späten Frühling blieb aus.

Nachdem aus dem Flaum ein Federkleid gewachsen ist, sei der Nachwuchs nun ohnehin gegen Wetterunbill unanfällig. Allerdings wusste das Trio samt Eltern sogar Sturm und Gewitter gelassen hinzunehmen, man duckte sich einfach in der Nestmulde - in den ersten Wochen unter dem kuscheligen Gefieder der Alten. Die sorgen nicht nur für Schutz und Futter. Immer wieder zupfen Wilma und Wilfried mit dem Schnabel am Gefieder des Nachwuchses, damit es nicht verklebt und gut anliegt. Hohe Schnabelgeschicklichkeit zeigen die Alten auch bei der Nestinstandhaltung, bei der die Jungen schon helfen, denn auf Dauer ist es ihnen zu langweilig, mit offenem Schnabel auf die nächste Futterladung zu warten.

Mehr Müll als früher

Baumaterial sind Zweige und Lehm, letzteres als Bodenmasse lässt die Jungen wie Dreckspatzen aussehen. Laut Fritzges schleppt Wilfried viel Abfall heran, so dass es im Nest zeitweilig wie auf einer Müllkippe aussieht. »Wilfried lebt im Winter in Spanien vermutlich auf einer Deponie und kennt das Material.« Allerdings war in diesem Jahr die Abfallsammlung auf dem Schlot besonders groß, heißt es. Das liege nicht nur daran, dass nach vielen Jahren Altstorch Wilhelm seit Ende 2020 verschwunden und Wilfried der neue Liebhaber von Wilma ist. »Spaziergänger, Radler oder Feiernde lassen mehr Müll liegen.« Auch die Bauern sieht Fritzges in der Pflicht, Folienreste und Netze etwa von Heuballen nicht liegen zu lassen.

Bis zum Abflug gen Süden werden die Lindheimer Storchenfamilien immer wieder zu ihrem Nest zurückkehren, etwa um sicher die Nacht zu verbringen. Wilma wird wie die Jahre zuvor vermutlich in der Wetterau oder auf der bei standorttreuen Störchen beliebten Deponie bei Groß-Gerau überwintern.

»Die Jungvögel kommen frühestens in zwei Jahren aus dem Süden zurück, wenn sie geschlechtsreif sind«, sagt Fritzges. Ob es dann zu einem Wiedersehen mit dem Trio von der alten Schnapsbrennerei kommt, ist ungewiss. Vermutlich wird es im August eher ein Abschied für immer sein.

Infos und ein Link zur Webcam auf www.vogelschutz-lindheim.de Detlef Sundermann

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare