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Peter (l.) und Tim Roie vor ihren Fahrgeschäften, die sich derzeit die Reifen plattstehen.

Fahrgeschäfte in der Krise

Angst vor dem Domino-Effekt

  • vonOliver Potengowski
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Jahrmarkttrubel gehört für die Altenstädter Familie Roie seit Generationen zum Leben. Peter Roie sorgt sich, dass die Absagen von Festen auch das Ende für Traditionsbetriebe bedeuten könnte.

Für Schausteller wie Peter Roie aus Altenstadt folgt das Jahr einem festen Kalender. Mit dem Beginn der ersten Feste im Frühjahr sind er und seine Söhne fast das ganze Jahr über mit ihren Fahrgeschäften und Ständen unterwegs.

Erst im Spätherbst kehrt allmählich etwas Ruhe ein. Kalter Markt in Ortenberg, ein paar Weihnachtsmärkte, dann ist Zeit, um auszuruhen und die Technik für die nächste Saison fit zu machen.

Doch seit letztem März stehen sich die Zugmaschinen und die über 25 Anhänger mit Fahrgeschäften wie dem Taumler und der Berg-und-Tal-Bahn auf den Betriebshöfen in der Waldsiedlung die Reifen platt.

Peter Roie kontrolliert gerade die Packwagen. Normalerweise werden Wartung und Reparaturen parallel zu den Aufbauarbeiten erledigt.

Das gestaltet sich bei den stehenden Geschäften nun deutlich aufwendiger, weil alles eng und platzsparend zusammengepackt und für die Wartung wieder ausgepackt werden muss. Dazu kommt, dass das Gewicht der schweren Ladung während der langen Monate Standzeit schwer auf Achsen und Radaufhängungen lastet. Deshalb hat Roie inzwischen viele Anhänger aufgebockt.

Nicht weniger Arbeit durch Lockdown

Aber nicht nur die Arbeit ist für die Schausteller durch den Lockdown nicht weniger geworden. Zwar sind nahezu alle Einnahmen weggebrochen, doch die Kosten sind zu großen Teilen geblieben.

Wer die eindrucksvolle Reihe von Roies voll bepackten Fahrzeugen sieht, bekommt eine ungefähre Ahnung, in welcher Größenordnung das Familienunternehmen arbeitet. »Die letzte Berg-und-Tal-Bahn, die dieses Jahr ausgeliefert wurde, hat eine Million gekostet«, nennt er ein Beispiel.

Das Grundmodell sei zwar für 500 000 Euro zu haben, doch Umbauten und Verbesserungen lassen die Kosten schnell steigen. Obwohl er damit theoretisch Millionen auf dem Hof stehen hat, sei der aktuelle tatsächliche Wert nur schwer zu beziffern, stellt Roie fest. Denn im Moment gebe es pandemiebedingt praktisch keine Nachfrage für Jahrmarktgeschäfte.

12 000 Euro Fixkosten im Monat

Dafür fallen jeden Monat Fixkosten von rund 12 000 Euro an. »Ich habe die Lieferketten mit ortsansässigen Firmen und Handwerkern aufrechterhalten«, erklärt Roie, dass er trotz fehlender Einnahmen Aufträge vergeben habe.

Auch um das Netzwerk, auf das er sich in guten Zeiten verlassen konnte und auch wieder verlassen können muss, zu pflegen. Finanziert hat er dies aus Rücklagen. »Das hat mich mindestens fünf Jahre meiner Altersvorsorge gekostet.«

Trotz der deprimierenden Lage denkt Roie ebenso wie die allermeisten seiner Kollegen nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: Auf dem Hof steht seine neueste Investition, eine mobile Minigolfanlage. »Ich habe gerade mit dem Sportbund telefoniert, dass das erlaubt ist, weil das kontaktloser Präzisionssport ist«, hofft er, endlich wieder arbeiten zu dürfen.

Konzepte für Veranstaltungen

Dafür haben Roie und seine Kollegen zusammen mit Unterstützern wie der IHK Gießen-Friedberg viel Zeit investiert. Er zeigt einen Ordner mit Konzepten und Vorschlägen, wie Veranstaltungen und Feste in Übereinstimmung mit den Hygieneregeln möglich sein könnten.

Grafiken zeigen, wie die Fahrgeschäfte mit mehr Raum zwischen den Standplätzen aufgebaut werden, drinnen sorgen Platzhalter wie Teddybären dafür, dass die Fahrgäste sich nicht zu eng setzen. Das Ganze ist mit Risikoanalysen unterlegt, die den üblichen Jahrmarktbedingungen Rechnung tragen.

An jedem Stand ein Aufpasser

Roie ist überzeugt, dass sich so ein Infektionsschutz sicherstellen lässt, der dem in Supermärkten mindestens ebenbürtig ist. »Das ist bei uns anders als auf der Zeil oder in einem Einkaufsmarkt, bei uns ist an jedem Stand ein Aufpasser.«

Besucher, die sich nicht an die Regeln halten, könnten des Platzes verwiesen werden. »Wenn Schausteller eine Ansage machen, hat das eine andere Wirkung«, betont er, dass diese im Gegensatz zum Personal in vielen Lebensmittelmärkten die Regeln auch durchsetzen würden.

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